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Nürburgring Not am Ring

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Der Nürburgring-Verkauf droht zum Fiasko zu werden: Das vermeintliche Angebot von Bernie Ecclestone gibt es offensichtlich nicht, die Insolvenzverwalter suchen händeringend nach einem Käufer für die Rennstrecken samt angeschlossenem Pleite-Freizeitpark. Auch der Zeitplan dürfte kaum zu halten sein.

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Der Zampano sorgte mal wieder für Wirbel. Vor drei Wochen verkündete Bernie Ecclestone in einem Interview mit WirtschaftsWoche und Handelsblatt, dass er für den Nürburgring geboten habe. „Wir haben ein Angebot gemacht, und nun warten wir, ob es akzeptiert wird“, sagte der damalige Formel-1-Chefvermarkter und löste ein Presseecho von Finnland bis Venezuela aus. Einen Tag später ließ das Landgericht München die Anklage gegen Ecclestone wegen angeblicher Bestechung zu, der Brite wurde formal von der Formel-1-Spitze abgezogen, leitet nur noch das Tagesgeschäft. Das Angebot für den Nürburgring? Scheinbar nicht mehr als ein PR-Coup.

In Nürburgring-Kreisen heißt es, dass Ecclestone nicht zum engeren Kreis der Bieter gehörte, die im Datenraum Zugriff auf vertrauliche Geschäftsunterlagen hatten. Er soll auch kein verbindliches Angebot abgegeben haben, sondern allenfalls in einer früheren Phase des Verkaufsprozesses ein unverbindliches. Je mehr der Staub sich legt, desto klarer wird die Sicht darauf, wie trist die Realität in der Eifel tatsächlich ist, wie groß die Not von Insolvenz-Sachwalter Jens Lieser (Koblenz) und Sanierungsgeschäftsführer Thomas Schmidt (Trier). Nicht nur, dass Ecclestone offensichtlich gar nicht zu den ernsthaften Kaufkandidaten gehört, nein, auch das sonstige Interesse hält sich in engen Grenzen.  Beim Ablauf der ursprünglichen Bietfrist im Dezember lag kein einziges substantiiertes Angebot vor, wie Lieser in einem Schreiben an die WirtschaftsWoche erstmals öffentlich eingesteht.

„Keine zuschlagsfähigen Angebote“

Der 11. Dezember des vergangenen Jahres war das Datum, an dem das Insolvenzverwalter-Duo ursprünglich die verbindlichen Angebote für die Rennstrecken samt angeschlossenem Pleite-Freizeitpark sehen wollte. Das sei keine ausschließende Frist, teilt Lieser mit, Interessenten könnten jederzeit auch nach Ablauf noch verbindliche Angebote einreichen. Doch was auf den ersten Blick  großzügig aussieht, war tatsächlich eher die letzte Ausfahrt, mehr blanke Not als Generosität. „Da viele Details für Interessenten noch zu klären sind und wir keine zuschlagsfähigen Angebote bis zum 11. Dezember 2013 vorliegen hatten, haben wir die Frist entsprechend bis Mitte Februar 2014 verlängert“, schreibt Lieser.

Das Nürburgring-Desaster

Nur zwei Bieter sollen nach Informationen der WirtschaftsWoche zum Stichtag im Dezember überhaupt ein Angebot vorgelegt haben:  Der Düsseldorfer Automobil- und Motorsportzulieferer Capricorn sowie der Finanzinvestor HIG Capital mit Hauptsitz in Atlanta, Europazentrale in London und Deutschland-Büro in Hamburg. Capricorn soll rund 50 Millionen Euro für den Komplex geboten haben, HIG rund 90 Millionen – allerdings mit Klauseln, nach denen die volle Kaufpreisfälligkeit vom Erreichen bestimmter wirtschaftlicher Ziele abhängt. Weder die Insolvenzverwalter noch die potenziellen Käufer HIG oder Capricorn äußerten sich auf Nachfrage dazu.

Nur noch zwei Interessenten im Rennen

Stellungnahme des Nürburgring-Insolvenzverwalters Jens Lieser zur Frist für die Abgabe verbindlicher Angebote im Verkaufsprozess (Auszug aus dem Schreiben vom 29. Januar 2014). (zum Vergrößern bitte anklicken) Quelle: WirtschaftsWoche Online

Viel Auswahl haben die Insolvenzverwalter also nicht, und so verhandeln sie mit beiden weiter, obwohl nach dem Lieser-Schreiben offensichtlich weder das Capricorn-Angebot noch die HIG-Offerte allen Anforderungen genügten. Verlangt wurde von Bietern unter anderem ein Finanzierungsnachweis, aber auch ein Nutzungskonzept für das Nürburgring-Konglomerat. Dieses besteht im Kern aus zwei Rennstrecken, der legendären Nordschleife von 1927 und dem 1984 erbauten Grand-Prix-Kurs, der auch für die Formel-1-Rennen genutzt wird. Daneben hat die rheinland-pfälzische Landesregierung unter Kurt Beck (SPD) für 330 Millionen Euro ein Museum, Shopping-Boulevard, Hotels, Restaurants, Diskothek, ein Feriendorf, Veranstaltungsräume und eine Halle für mehrere tausend Zuschauer in die Eifel betonieren lassen.

Die defizitären Betonklötze sind der Hauptgrund für den Bankrott der Nürburgring GmbH im Sommer 2012, die Rennstrecken an sich liefen gar nicht mal schlecht. Die Verkäufer wollen jetzt nicht bloß wissen, ob der Käufer solvent ist, sondern auch, was er mit dem Sammelsurium von Bauten vor hat. Was auch nachvollziehbar ist, schließlich hängt am „Ring“ als Wirtschaftsmotor eine ganze Region in der wirtschaftsschwachen Eifel.

Einer ohne Geld, einer ohne Konzept?

Anfangs galt Capricorn deshalb als Favorit – weil die Düsseldorfer aus dem Automobilsektor kommen, sich auch mit Immobilienprojekten auskennen, und weil das Team um den geschäftsführenden Gesellschafter Robertino Wild in den Gesprächen vor Ort ein Nutzungskonzept präsentiert hat, das Zuhörer in den höchsten Tönen loben. Dazu zählt unter anderem, einen Teil der defizitären Vergnügungsbauten abzureißen und dort einen Gewerbepark aufzubauen. Capricorn tat sich allerdings schwer, die geforderten Finanzierungsnachweise zu erbringen.

Inzwischen soll nach Informationen aus dem Umfeld der Insolvenzverwalter daher HIG Capital die Nase vorne haben. Die Finanzierung ist für den 13 Milliarden US-Dollar schweren Finanzkonzern aus Miami nicht das große Problem – hier allerdings hakt es anscheinend am Nutzungskonzept. „Wir waren ziemlich entsetzt“, sagt ein Nürburgring-Mitarbeiter zu den Gesprächen, die HIG-Vertreter mit der Belegschaft geführt haben, „die HIG-Leute haben überhaupt keine Ideen, wie sie das Geschäft weiterentwickeln wollen. Im Grunde wollen sie die Anlagen so weiter betreiben wie bisher. Aber an der Pleite hat man ja schon gesehen, dass das so nicht funktioniert.“ Einen Teil der Vergnügungsanlagen will HIG angeblich gleich weiter verkaufen.

Bevorzugte Strategie: Schweigen

Dieses Bild zu überprüfen ist alles andere als einfach. HIG reagiert seit Monaten nicht auf Anfragen der WirtschaftsWoche. Capricorn-Chef Robertino Wild teilt auf Nachfrage mit, dass er weiter an seine Chance glaubt und sein Team „mit Hochdruck“ am Nürburgring-Projekt arbeitet. „Weiter werde ich mich nicht äußern.“ Die Insolvenzverwalter schweigen zu Angebotsinhalten, Bietern und Chancen.

Immerhin weist Lieser in seinem Schreiben noch darauf hin, dass man trotz der Verzögerungen weiterhin hoffe, den Verkaufsprozess im ersten Quartal 2014 abschließen zu können. Doch auch dieser Zeitplan dürfte nur schwer zu halten sein. Klar ist nämlich, dass ein Verkauf nur mit Zustimmung der EU-Kommission rechtssicher funktionieren kann. Die Kommission hat wegen der Investitionen des Landes ein Beihilfeverfahren eingeleitet. Nur mit einem Okay der Kommission kann ein Käufer sicher sein, dass er nicht mit einer dreistelligen Millionen-Rückforderung aus Brüssel konfrontiert wird. Eine Kommissionsentscheidung noch im ersten Quartal ist nach Einschätzung des Europaabgeordneten Werner Langen (CDU) allerdings nicht drin.

EU-Parlamentarier: Wird nichts bis März

Die größten Steuerverschwendungen der Regierung
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Auch der Sportwagenhersteller Porsche springt auf den Trend E-Auto an und arbeitet an einer elektrischen Version des Panamera. Da freut die Bundesregierung sehr – und zahlt Porsche dafür rund 850.000 Euro. Bei einem Gewinn in 2012 von 1,8 Milliarden Euro wohl Peanuts für die Stuttgarter – und umso ärgerlicher für das Gemeinwesen. Und das ist erst der Anfang: Mehr als 22 Millionen Euro Steuergelder fließen in ein E-Auto-Gemeinschaftsprojekt von führenden Industrieunternehmen und Universitäten – auch das ist Porsche mittendrin. Quelle: dpa
Die Deutschen mögen ihren Wein – so sehr, dass sie auch den Winzern unter die Armen greifen. Da Weinberge an manchen Stellen schwer zugänglich sind, geben die Bürger 800.000 Euro für die Entwicklung Roboter-Hubschraubers aus, der eigenständig Pflanzenschutzmittel auf den Reben verteilen soll. Quelle: dpa
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Die Fußball-Fans freuen sich über die Erfolge der deutschen Teams in der Champions League. Gerade Bayern München und Borussia Dortmund begeistern – und das soll auch mit Hilfe von Steuergeldern in Zukunft so bleiben. Denn gerade der BVB ist für die Zukunft gut aufgestellt – mit dem automatisierten Hightech-Trainingsraum Footbonaut. Damit der bald noch besser funktioniert, gibt der Bund rund 572.000 Euro für die Weiterentwicklung des Trainingsroboters aus. Quelle: dpa
Auch der Bau eines neuen Verwaltungsgebäudes für das Bauunternehmen Züblin liegt der Politik an Herzen. Da es als Demonstrationsobjekt für Niedrigstenergie-Gebäude dienen soll, gibt Vater Staat rund 560.000 Euro dazu. Und bevor sich das Säckel wieder schließt, hat sich Züblin – ein Konzern mit Milliardenumsatz – nach den Informationen des Steuerzahlerbundes weitere 600.000 Euro Forschungszuschüsse gesichert. Quelle: dpa
Firmen, die an Energiewende-Projekten arbeiten, profitieren momentan besonders von Subventionen. So gehen etwa 6,4 Millionen Euro an Bxi Innotech, die Brennstoffzellen für Eigenheime entwickelt – und das unternehmerische Risiko federt der Steuerzahler deutlich ab. Quelle: dpa

Langen ist gut verdrahtet in Brüssel und kümmert sich als Abgeordneter aus dem nördlichen Rheinland-Pfalz auch intensiv um den Nürburgring, er hat einen guten Draht zum deutschen EU-Kommissar Günter Oettinger und zudem mit mehreren Beamten von Wettbewerbskommissar Joaquin Almunia gesprochen, bei dem die Beihilfeverfahren anhängig sind. Sein Fazit: „Vor Mai wird das nichts!“ Im Mai finden die nächsten Europawahlen statt.

Langen hat Almunia stattdessen sogar aufgefordert, den Verkaufsprozess ganz zu stoppen. Der Europaabgeordnete sieht den Verkaufsprozess als "offensichtlich diskriminierend, intransparent und nicht mit EU-Recht vereinbar" an. Damit greift er zwei Beschwerden auf, die der gemeinnützige Verein Ja zum Nürburgring e.V. und der ADAC bei der Kommission eingereicht haben.

Mehr Beschwerden als Bieter

So hat es den Eindruck, dass es mittlerweile mehr Beschwerden gegen den Verkaufsprozess gibt als Bieter. Neben Ja zum Nürburgring und dem ADAC, die sich in Brüssel beschwert haben, macht inzwischen auch die Initiative „Wir sind Nürburgring“ Druck, hauptsächlich auf die Landesregierung in Mainz. Die versucht sich in der aufgeheizten Debatte schadlos zu halten und verweist in Sachen Verkauf meist auf die Insolvenzverwalter – obwohl das Verfahren eine Insolvenz in Eigenverwaltung ist und das Land nach wie vor der Hauptgesellschafter.

Deutschland



Wir sind Nürburgring allerdings erinnert die Landespolitiker lautstark an ihre Verantwortung. Es ist eine bunte Protest-Truppe, von den Rennfahrern Sabine Schmitz und Christian Menzel initiiert. Um sie haben sich Motorsportler und Fans aus ganz Deutschland genauso geschart wie Nürburgring-Unterstützer und Unternehmer aus der Region. Was kurz vor Weihnachten mit einer spontanen Demonstration an der Nordschleife begann, setzte sich mit diversen Protestbesuchen bei Neujahrsempfängen der Politik fort – die aktuelle Ministerpräsidentin Malu Dreyer, ihr Vorgänger Kurt Beck und ihr Innenminister Roger Lewentz (alle SPD) erhielten schon Besuch. Jetzt plant die Initiative ihre nächste Aktion: einen Protest-Autokorso von der Landeshauptstadt Mainz zum Nürburgring am 15. Februar. Ein gut gewähltes Datum: Dann endet auch die neue Frist für die Abgabe verbindlicher Kaufangebote.

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