WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Oben hilft unten Das Tor zur Bildung

Über Zukunftschancen entscheidet in Deutschland zu häufig Herkunft statt Talent. Studenten wollen jetzt gegensteuern.

Katja Urbatsch Quelle: laif

Katja Urbatsch weiß, dass es sich nicht nur gut anfühlt, die Erste zu sein. In ihrer Familie konnte ihr niemand sagen, worauf es in einem Universitäts-Kolloquium ankommt, und Hilfe gab es nicht, als es hakte bei der Seminararbeit. Ihren Weg durch das ach so freie Studentenleben – das Arbeiterkind Urbatsch empfand ihn eher als Hürdenlauf. Einen langen und ermüdenden.

Heute sitzt sie in den frisch angemieteten, noch spärlich gefüllten Büroräumen von Arbeiterkind.de in Berlin-Mitte und hat all das hinter sich. Urbatsch will nun denen zur Seite stehen, die ihre Bildungslaufbahn noch vor sich haben. Denen, die Universität vor allem als Drohkulisse empfinden und nicht als Versprechen auf eine gute Zukunft. "Wir schieben viel auf den Staat", sagt sie. "Aber wir müssen die Hürden selbst abbauen."

Entscheidendes Elternhaus

Arbeiterkind ist ein griffiges Wort für das Projekt, ganz nach ihrem Geschmack: Denn Urbatsch hat es geschafft, trotz ihrer eher bildungsfernen Herkunft. Zuerst war es nur eine Web-Seite, auf der sie Tipps und Ermunterungen sammelte. Mittlerweile hat Arbeiterkind.de eine Handvoll feste Mitarbeiter und mehr als 2500 freiwillige Unterstützer in 80 Ortsgruppen überall in Deutschland. Die meisten sind selbst "Studenten der ersten Generation", wie Urbatsch es formuliert. Man hilft sich gegenseitig, und man hilft woanders: an der Uni, aber vor allem in Schulen. Dort werben Arbeitersprösslinge mit ihrem eigenen Lebenslauf für ein Studium, bieten ihren Rat an, informieren über Bafög und Stipendien.

Vor elf Jahren stellte das "Programme for International Student Assessment", kurz Pisa, der Bildungsrepublik Deutschland zum ersten Mal ein ziemlich dürftiges Zeugnis aus. Vor allem ein Befund will trotz aller Anstrengungen seitdem nicht verschwinden: In kaum einem anderen Industrieland ist das Elternhaus so wichtig für den Lebensweg wie hierzulande. Bei der "Bildungsbeteiligung nach sozialer Herkunft", so steht es auch im jüngsten Nationalen Bildungsbericht, gibt es "nach wie vor erhebliche soziale Disparitäten". Es ist die soziologische Umschreibung für das deutsche Matthäus-Prinzip: Wer hat, dem wird gegeben.

Mit diesem Versagen wollen sich immer mehr Privilegierte nicht länger abfinden. Die Akademiker da oben reichen denen da unten im System die Hand: Eine wachsende Zahl von studentischen Projekten hilft Jugendlichen aus bildungsfernen Elternhäusern. Initiativen, wie sie sich ein Staat nur wünschen kann, dessen Bildungssystem seine Schwächen über Jahrzehnte ungestört kultivieren konnte.

Zu den neuen Bildungshelfern gehört auch Christina Veldhoen. "Irgendwann", erzählt sie, "hat sich bei mir die Sinnfrage gestellt." Und die Antwort, die sie gemeinsam mit Kommilitonen an der Zeppelin University in Friedrichshafen entwickelte, heißt "Rock your life". Die Studenten bieten Hauptschülern ihre Hilfe als persönliche Coaches an. Zwei Jahre lang begleiten und betreuen die angehenden Akademiker die vermeintlichen Bildungsverlierer. Das Ziel: bessere Noten, ein besserer Abschluss, ein Ausbildungsplatz, vielleicht sogar ein Studium. "Wir müssen weg vom schädlichen Defizitgelaber", sagt Veldhoen. "Wir glauben nicht nur an das Potenzial von jedem, wir wollen helfen, es zu entfalten."

Coaching für Hauptschüler

Die Vodafone-Stiftung hat sie von ihrem Konzept des sozialen Franchise-Unternehmens schon überzeugt. Veldhoen ist von einer jungen Gründerin zur Geschäftsführerin einer gemeinnützigen GmbH aufgestiegen. Die koordiniert mittlerweile rund 400 studentische Coaches in elf Universitätsstädten, bis Ende des Jahres sollen es 20 Standorte sein. Momentan arbeitet sie an einem professionellen Weiterbildungskonzept für die eigenen Mitstreiter.

So weit ist Janna Hilger in Hamburg noch nicht. Doch als Veldhoen und Hilger sich jüngst zum Kaffee trafen, war ihnen schnell klar: Wir wollen das Gleiche. "Scheitern ist fast nie eine Frage des Intellekts", ist Hilger überzeugt. Ihr Verein "Schlaufox" bringt Pädagogikstudenten und Schulen zusammen, zum Gewinn für beide Seiten. Die Studenten übernehmen an sozialen Brennpunkten Nachhilfe und Ferienprogramme, leiten Kochkurse oder gehen als Unterstützung mit Fachlehrern in den Unterricht: Praxis, die im Lehramtsstudium häufig zu kurz kommt. Und für die Schulen eine so große Entlastung, dass sie bereit sind, dafür zu bezahlen.

"In Schlaufox fließt mein Herzblut", schwärmt Hilger. Hanseatische Institutionen wie Zeit- und Körber-Stiftung haben sich davon anstecken lassen. "Das Tor zur Welt" wirbt die Stadt Hamburg für sich. Für die Bildung gilt das erst recht.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%