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Oberschicht Versagen Deutschlands Großverdiener?

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Robuste Mittelschicht

Rund 80 Prozent der Deutschen glauben Umfragen zufolge, die sozialen Unterschiede in der Republik würden in den nächsten Jahren noch zunehmen. Indes: die volkswirtschaftlichen Statistiken belegen das nicht. Der sogenannte Median der Jahreseinkommen pro Kopf - also der Wert, bei dem genau eine Hälfte der Menschen mehr und die andere weniger hat - ist von 1991 bis 2011 inflationsbereinigt von knapp 17.000 auf knapp 18.000 Euro gestiegen. Im internationalen Vergleich ist die Bundesrepublik ein Land mit allenfalls mäßig wachsender Ungleichheit. Natürlich: die Zahl der Vermögensmillionäre steigt. Aber eben auch die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten. Selbst der Alarmruf des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung DIW aus dem vergangenen Jahr, wonach die Mittelschicht bedrohlich schrumpfe, erwies sich als falsch: die deutsche Mittelschicht ist deutlich robuster als ursprünglich von den Berliner Forschern behauptet. Im Untersuchungszeitraum 1983 bis 2013 sank ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung zwar von 69 auf 61 Prozent, nicht aber von 62 auf 54 Prozent, wie das DIW zunächst alarmistisch berichtet hatte.



Von US-Verhältnissen ist die Bundesrepublik also weit entfernt. Obwohl auch hierzulande 70 Prozent des Vermögens in Händen der reichsten zehn Prozent im Lande sind. Sehr ähnliche Zahlen ermittelte allerdings schon in den Sechzigerjahren der Bonner Ökonom Wilhelm Krelle: Damals besaßen 1,7 Prozent der westdeutschen Haushalte 35 Prozent des Gesamtvermögens. Der Anteil des obersten Prozents der Einkommensbezieher am Volkseinkommen ist seit 1950 stabil bei etwa elf Prozent geblieben.

Entfremdet sich die Elite also gar nicht? Führt die Nation ein Scheingefecht gegen die oberen Zehntausend? Fühlen sich „die da oben“ am Ende gar stigmatisiert?

Im Berliner Einstein-Café empfängt ein Mann, der darauf eine Antwort hat, weil er vielleicht wie kein Zweiter die Psyche der deutschen Oberschicht ergründet hat. Schon vor sieben Jahren begann Wolfgang Lauterbach, von Haus aus Soziologe mit Lehrstuhl an der Uni Potsdam, sich mit den Verhältnissen der obersten drei Prozent der deutschen Gesellschaft zu befassen. Das brachte ihm den Titel „Reichtumsforscher“ ein. Nun hat er für SPD-Bundessozialministerin Andrea Nahles den sogenannten Armuts- und Reichtumsbericht mit verfasst. Gerade ist er veröffentlicht worden, nach zähen Verhandlungen zwischen Nahles und Kanzlerin Merkel. Es ging – natürlich – darum, wie düster man die Spaltung des Landes malen soll: Nahles wollte gerne die dunklen Farben betonen, Merkel eher die hellen.

Dabei sind die Ergebnisse der Forscher gar nicht so mies für die Politik. Im Gegenteil. Lauterbach hat ein paar gute Nachrichten im Gepäck. Etwa die, dass der Anteil der Reichen seit Mitte der 90er Jahre weitgehend stabil ist, die viel beschriebene „Schere“ kaum weiter auseinandergeht. Die Reichen gar überproportional zum Steueraufkommen beitragen. Laut Lauterbach geht es vielen Menschen besser – der wirtschaftlichen Entwicklung sei Dank. Doch darum, auch das sagt der Forscher, ginge es bei der Debatte um das Versagen der Eliten kaum mehr. Vielmehr verhandle die Nation dieser Tage ein diffuses Gefühl: die Manager bedienten sich schamlos am Geimeinwesen.

So krass würde es Antje von Dewitz wohl  nicht ausdrücken. Aber auch sie findet die Kritik berechtigt. Die blonde, sportliche Frau empfängt in Jeans und Wanderschuhen in ihrem Büro. Die Räume sind offen, durch die Fenster scheint die Sonne vom Bodensee herüber. Draußen kann man zusehen, wie auf dem Parkplatz des Bergsportausrüsters Vaude der öffentliche Bus hält. Keine Selbstverständlichkeit, in einem Dorf mit nur einigen hundert Einwohnern. Doch von Dewitz hat nachgeholfen, unterstütz den Betrieb der Linie ebenso wie das Freibad im Ort, dem vor ein paar Jahren die Schließung drohte. Die Firma betreibt eine Kindertagesstätte und eine Kantine. Alles für gerade einmal 500 Mitarbeiter – viele davon auch noch in Teilzeit.

Verrückt, mögen sie das bei der Konkurrenz nennen. Von Dewitz nennt es: natürlich.

 Sie ist inzwischen vielfach ausgezeichnet worden für ihr Engagement. Als sie 2009 die Geschäftsführung des 1974 von ihrem Vater gegründeten Unternehmens übernahm, hatte er ihr genau das mitgegeben: Eigentum verpflichtet. Eigentlich, das ist Antje von Dewitz‘ Botschaft, müsste sich jedes Unternehmen doch so für seine Region einsetzen. Schon aus Eigeninteresse. Schließlich wohnt sie selbst mit ihrer Familie im Ort, trifft die Angestellten auch am Wochenende beim Einkauf. Lokaler Bezug bedeutet eben auch Kontrolle. Irgendwie.

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