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Öko-Pionier Friedrich Schmidt-Bleek "Grüne Lügen" - Abrechnung mit den Klimarettern

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"Politik ohne Sinn und Verstand"

Ja, 2009 hat die Große Koalition eine Prämie über 2500 Euro ausgelobt für jedes Auto, das mindestens neun Jahre gefahren wurde und dann verschrottet und durch einen Neuwagen ersetzt wurde.

Diese Abwrackprämie ist ein Paradebeispiel für Politik ohne Sinn und Verstand. Mit Milliarden Steuergeldern wurde die Autoindustrie gepampert. Ich glaube nicht, dass Mercedes, BMW & Co. das nötig haben. Aber wenn man der Meinung ist die Hersteller unterstützen zu müssen, können Politiker das ja machen. Sich dann aber als Bundeskanzlerin mit einem naturwissenschaftlichen Hintergrund oder als Umweltminister – ich rede von Sigmar Gabriel – vor die Presse zu stellen und das als „ökologisches Gesetz“ zu verkaufen, ist dreist. Funktionstüchtige Autos zu verschrotten und den Kauf von Neuwagen, die vielleicht 15 Prozent besser im Treibstoffverbrauch sind, zu unterstützen, ist verrückt! Schizophren und empörend. Ich rede mich in Rage. Entschulden Sie mich.

Der ökologische Fußabdruck der Autohersteller
CO2-EmissionenDie gute Nachricht vorneweg: Die gesamte Autoindustrie hat in den letzten Jahren viel getan. Seit 2008 ist der CO2-Ausstoß pro produziertem Fahrzeug um 17 Prozent gesunken. Allerdings beschränkt sich die Betrachtung bei den Autoherstellern eben oft nur auf den CO2-Ausstoß und nicht beispielsweise auf nachhaltige Produktion. Deshalb hat das Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach den ökologischen Fußabdruck von 13 globalen Automobilherstellern seit dem Jahr 2008 analysiert. So überprüft das CAM beispielsweise die Transparenz der Umweltberichterstattung, strategische Umweltziele oder die Entwicklung von umweltschonenden Produktionsmethoden. Quelle: dpa
EnergieAuch beim Gesamtenergieverbrauch hat sich etwas getan: Seit 2008 ist bei den Automobilherstellern der spezifische Gesamtenergiebedarf um 13,9 Prozent gesunken. Dieser liegt nun im Schnitt bei 2,6 Megawattstunde (MWh) je Fahrzeug. 2008 waren es noch 3,0 MWh. Nicht zuletzt bedingt durch eine hohe Fertigungstiefe weist Daimler mit 3,6 MWh je Auto den höchsten Energiebedarf auf, Nissan mit 2,03 MWh den geringsten. Mit dem höchsten Energiebedarf der Branche verzeichnet Daimler mit 1,02 Tonnen pro Auto auch die höchsten CO2 Emissionen, jedoch konnten die Schwaben seit 2008 diesen Wert bereits überdurchschnittlich um rund 20 Prozent senken. Quelle: dpa
Alternative EnergienDass die CO2 Emissionen etwas stärker zurückgegangen sind als der Energiebedarf ist darauf zurückzuführen, dass einige Hersteller verstärkt auf erneuerbare oder CO2-arme Energieträger setzen. Mit BMW (21,4 Prozent), Renault (13,8 Prozent) und Fiat-Chrysler (6,7 Prozent) weisen zurzeit nur drei von dreizehn untersuchten Unternehmen einen nennenswerten Anteil erneuerbarer Energie (über zwei Prozent) am Gesamtenergiebedarf auf. Quelle: dpa
Atomenergie„CO2-arm“ kann zudem bedeuten, dass die Hersteller beim indirekten Energieträger auf Atomstrom setzen. Dies ist u.a. bei den beiden französischen Herstellern der Fall. So weist PSA mit nur 0,37 Tonnen je Fahrzeug die geringsten spezifischen CO2 Emissionen der Branche auf, benötigt mit 2,34 Megawattstunden je Auto jedoch kaum weniger als der Durchschnitt. Quelle: dapd
WasserverbrauchDes Weiteren hat sich seit 2008 die Menge des benötigten Frischwassers von 5,1 Kubikmeter um zwölf Prozent auf rund 4,5 Kubikmeter je Fahrzeug reduziert. Den geringsten Frischwasserbedarf weist 2012 mit rund 2.100 Litern je Fahrzeug BMW auf, während Mazda 13.300 Liter benötigt. Quelle: dpa
LösemittelAuch bei den Lösemitteln ist der Branchenschnitt deutlich um 16,8 Prozent auf 3,1 kg je Fahrzeug gesunken. Daimler setzt dabei im Bereich der PKW und Vans mit einem Wert von nur 1,37 kg Lösemittel je Fahrzeug den Bestwert. Mit 5,3 kg Lösemitteln je Fahrzeug bildet der Hyundai-Kia Konzern das andere Ende der Skala ab. Quelle: dpa
TransparenzEine hohe Transparenz und Qualität der produktionsbezogenen Umweltberichte weisen die Hersteller Fiat-Chrysler, Volkswagen, BMW und General Motors auf. Sie liefern nicht nur auf konzernweiter Ebene detaillierte Informationen über alle relevanten Umweltindikatoren mit Fokus auf die Produktion, sondern benennen überwiegend auch für die untersuchten Dimensionen strategische Ziele, an denen sie gemessen werden können. Quelle: dpa

Kein Problem. Ich finde, Ihre Wortwahl ist absolut im Rahmen und außerdem zeigt es ja, wie sehr Sie dieses Thema beschäftigt.

Ich würde mich wirklich freuen, wenn wir endlich ökologische Politik machen. Aber ich habe kaum noch Hoffnung, dass das unter Bundeskanzlerin Angela Merkel möglich ist. Der Einfluss der Lobby ist offenbar zu groß. Die Industrie ist so stark, dass sie Merkel davon überzeugen konnte, EU-Standards beim Klimaschutz aufzuweichen. Deutschland setzte doch tatsächlich durch, dass Autos vor der Ökoprüfung in Gewichtsklassen eingeteilt wurden. Ein spritschluckender, ressourcenintensiver Geländewagen tritt dann unter seinesgleichen an – und kann ein grünes Label bekommen, während ein Kleinwagen mit niedrigem Verbrauch und CO2-Ausstoß möglicherweise schlechter wegkommt, weil andere Mini-Pkw besser abschneiden. Das ist doch absurd! In meinem neuen Buch zeige ich, wie der PKW-Stadtverkehr mit zehnfach weniger Ressourcen und vergleichbarer Leistung auskommen kann als heute.

Sie fordern die Industrie auf, ressourcenschonender zu produzieren, perspektivisch träumen Sie gar von einer Dienstleistungsgesellschaft, die mit weit weniger neuen Produkten daherkommt. Können wir uns das leisten?

Wenn wir das innerhalb eines halben Jahres versuchen würden, bräche die Wirtschaft zusammen. Das ist doch völlig klar. Ich rede von einem Transformationsprozess, der sicher zehn Jahre dauert. Auch das Auto hat die Droschke nicht in sechs Monaten ersetzt. Ob wir uns das leisten können? Nun, wir haben schlicht keine Option. Wenn wir nicht handeln, ist die Erde in 20 oder 40 Jahren nicht mehr das, worauf heute unsere Wirtschaftskraft und Lebensfreude beruht. Sie wird sehr viel kärglicher sein. Keiner weiß genau, wann. Aber unendlich können wir den Planeten nicht auswringen. Das heißt: Sie können jetzt den US-amerikanischen Weg gehen und sagen: Mir ist die Zukunft völlig egal, entscheidend ist hier und heute. Wir pumpen alles in die Luft, machen Fracking und schauen mal, wie weit das noch geht. Oder aber: Wir steuern um.

Wie Carsharing in Großstädten funktioniert und was es kostet

Sie haben gerade gesagt, die US-Amerikaner werden sicher nicht umdenken. Ich behaupte, dass gilt auch für Australiern, Chinesen und Japaner, die allesamt erklären: Wachstum geht vor Klimaschutz. Sind die Europäer nicht die Dummen, wenn Sie plötzlich Vorreiten spielen und ihren Wohlstand gefährden?

Ich bin überzeugt, dass wir mit einer dematerialisierten Technik Wachstum erzeugen können, und zwar Wachstum von Dienstleistungen und Nutzen mit dematerialisierter Technik. Ressourcenschonend zu wirtschaften, heißt nicht, den Wohlstand aufzugeben. Natürlich ist es mühsam, den ersten Schritt zu machen. Die Umstellung in Europa auf eine ökologische dienstleistungsorientierte Wirtschaft kostet Zeit und Geld. Es ist aber die einzige Lebensgarantie, die wir haben. Der Ressourcenverbrauch auf der Welt muss mindestens um den Faktor 10 gesenkt werden. Und zwar schnell.

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