Ökonom Glaeser Städte mit Großkonzernen tragen großes Risiko

Exklusiv

Was Detroit erleidet, könnte auch anderen Städten drohen, die ganz von großen ansässigen Konzernen abhängig sind. Der Ökonom Edward Glaeser hat herausgefunden, dass Städte mit vielen kleineren Firmen sind innovativer sind.

Harvard-Ökonomen Edward Glaeser Quelle: Bloomberg

Autostädte wie Wolfsburg oder Detroit, die ihren wirtschaftlichen Erfolg nur auf Großunternehmen wie Volkswagen, Ford oder General Motors (GM) stützen, leben nach Untersuchungen des Harvard-Ökonomen Edward Glaeser gefährlich. Innovationskraft verdanken Städte demnach nicht einzelnen Großunternehmen, sondern einer Vielzahl gut ausgebildeter Menschen, die neue Unternehmen gründen.

"Es ist entscheidend, dass es in einer Stadt viele kleine Firmen gibt, nicht einzelne große, von denen alles abhängt", sagte Glaeser im Interview mit der WirtschaftsWoche. "Wir haben das untersucht: Wo es zehn Prozent mehr Unternehmen pro 100 Arbeitnehmer gibt, entstanden in den vergangenen 30 Jahren neun Prozent mehr Jobs."

Die traurige Entwicklung Detroits sei eine Warnung für Städte wie Wolfsburg, die nur von einem Konzern abhängen. "Mit dem Erfolg einiger weniger Autokonzerne verschwand das, was die Stadt einst groß gemacht hatte: der Wettbewerb der klugen Köpfe", so der Ökonom, der sich seit Jahren mit der Entwicklung von Städten beschäftigt. "Als Ford und GM immer weiter wuchsen, stiegen auch die Löhne der Arbeiter. Für viele Bewohner wurde es unattraktiv, in ihr eigenes Wissen zu investieren, weil sie als Arbeiter bei Ford mehr verdienen konnten als anderswo mit Universitätsabschluss."

So soll die Pleitestadt Detroit wieder auferstehen
Ein Mann geht an einem Graffiti an einer Wand in Detroit vorbei. Nur wenige Städte florierten einst so sehr wie die ehemalige Auto-Metropole, und keine ist so tief gefallen. Jetzt soll es mithilfe neuer Investitionen wieder aufwärts gehen. Quelle: REUTERS
Nach der bisher größten Städtepleite der US-Geschichte kann Detroit seine Finanzen neu ordnen und sieben Milliarden Dollar Schulden (rund 5,6 Milliarden Euro) aus den Büchern streichen. Am 7. November 2014 genehmigte das Gericht einen entsprechenden Sanierungsplan, nachdem Vertreter der Stadt sich mit Pensionären und anderen wichtigen Gläubigern geeinigt hatten: Stadtbedienstete nehmen Einbußen bei ihren Pensionen hin, und alle größeren Gläubigergruppen erklärten sich zu Verlusten bereit. Insolvenzverwalter Kevyn Orr (im Bild) sprach von einer „historischen Entscheidung“ - er hatte den Sanierungsplan ausgearbeitet. Quelle: REUTERS
Der Plan beinhaltet neben der Senkung von Detroits Schulden auf fünf Milliarden Dollar den Einsatz von 1,7 Milliarden Dollar. Mit dem Geld will die Stadt den Fäulnisgeruch vergangener Jahre endlich vertreiben. Die einstige Wiege der amerikanischen Autoindustrie meldete im Juli 2013 als bislang größte Stadt in den USA die Zahlungsunfähigkeit an, nachdem immer mehr Autobauer ihre Standorte verlagert hatten. Verfallende Gebäude und hohe Arbeitslosigkeit waren die Folge. Die Stadt kämpft mit der Grundversorgung der Einwohner: Feuerwehr- und Polizeiautos sind kaputt, viele Straßenlaternen funktionieren nicht, ganze Viertel verfallen. Quelle: dpa
Doch für die Einwohner der Pleite-Stadt ist es ein weiter Weg. Sie leiden unter den Folgen des Bankrotts: Sie schlafen zum Geräusch von Schüssen ein und wachen in Häuserblocks auf, deren Umgebung wie ausgestorben wirkt. Viele Häuser stehen leer, sind zerstört und werden als Müllkippe missbraucht. Quelle: REUTERS
Dieser Blick in einen Autorückspiegel (im Hintergrund ist das GM-Hauptquartier zu sehen) soll möglichst bald der Vergangenheit angehören. Von den 1,7 Milliarden Dollar an Investitionen sollen 420 Millionen Dollar in den Abriss maroder Häuser und die Räumung von Grundstücken gesteckt werden. Quelle: dpa
Mit Maßnahmen wie der Einstellung von mehr Sanitätern vor Ort soll das Leben der Einwohner der US-Metropole verbessert werden. Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst bekommen für 167 Millionen neue Fahrzeuge, und satte 715 Millionen Dollar sollen genutzt werden, um Arbeitskräfte anzustellen und auszubilden sowie weitere Aufrüstungen zu tätigen. Quelle: dpa
Detroit Quelle: dpa
Heute leben nur noch 688.000 Menschen in Detroit. Der demokratische Bürgermeister Mike Duggan hofft, dass Detroit als funktionierende Stadt die jetzigen Einwohner zum Bleiben animieren und neue hinzugewinnen kann. Das hat die Stadt bitter nötig - doch dazu müssen auch neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Quelle: AP
Die, die geblieben sind, sehen sich mit Verwahrlosung und Gewalt konfrontiert - vor allem im Nordwesten der Stadt. Die Arbeitslosenquote lag 2013 laut Krisenmanager Kevyn Orr bei mehr als 18 Prozent. Quelle: AP
Der Wandel in der Stadt könne für viele nicht schnell genug kommen, sagt ein Mann, der in der verwahrlosten Brightmoor-Nachbarschaft im Detroiter Nordwesten lebt. Dort höre er in vielen Nächten Schusswechsel, keines der leerstehenden Häuser in seinem Wohnblock sei bislang abgerissen worden. „Wenn du nachts draußen bist und durch die Straßen spazierst, weißt du nicht, wer aus diesen Häusern herauskommt.“ Quelle: REUTERS
Die Bemühungen, Detroit wieder zu einer attraktiven Stadt zu machen, sehen nun so aus: Mindestens 3300 der insgesamt mehr als 40.000 leerstehenden Gebäude sollen abgerissen werden. 2300 davon wurden bereits eingestampft. Eine für die Beleuchtung zuständige Behörde hat Tausende Straßenlichter in einst dunklen Nachbarschaften installiert. Quelle: REUTERS
Andere Verbesserungen machen sich in Form einer Hochgeschwindigkeitsstrecke für Züge im Stadtkern bemerkbar. Quelle: REUTERS
Im Norden der Stadt sollen eine professionelle Hockey-Arena und ein Vergnügungsviertel enstehen. Ein Plakat macht bereits Werbung dafür. Quelle: REUTERS
Die 1,7 Milliarden Dollar, die die Sanierungsarbeiten ermöglichen, seien aber nur ein „Startkapital (...), um die Grundsteuerbasis wirklich zu entwickeln, damit diese Veränderungen auf einem höheren Level fortgesetzt werden können“, sagt der Stadtentwicklungs-Experte Pat O'Keefe. „Die Fähigkeit, Industrie, Handel und Anwohner anzuziehen, ist letztlich das, was die Realisierbarkeit des Plans vorantreiben wird.“ Es wird also noch ein weiter, schwieriger Weg, um Detroit wieder aufzubauen. Quelle: dpa

Das sei ein schleichender Prozess, der zunächst keine Opfer habe. "In dem Moment, wo die Autokonzerne abwanderten, traf es die Stadt umso heftiger. Plötzlich gab es nicht nur viele Arbeitslose, es waren auch noch schlecht ausgebildete Arbeitslose." Mit Bildung stehe und falle die Entwicklung einer Stadt. "Schlaue Menschen gründen Unternehmen. Und je mehr schlaue Menschen an einem Ort sind, desto mehr Ideen entstehen."

Deshalb rät Glaeser der Politik: "Wer die Finger von großen Infrastrukturprojekten lässt, der macht schon viel richtig." Die Politik sollte "kein Geld in Beton investieren". Glaeser: "Was Städte ausmacht, ist die Summe der Menschen, die sich dort austauschen. Nicht die gebauten Strukturen."

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