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Ökos in der Krise SOS Greenpeace

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Michael Meyer-Krotz, der

Das Robin-Hood-Image, das sich die Organisation mit waghalsigen Anti-Atom-Protesten, Schlauchbootmanövern und Schornsteinbesteigungen geschaffen hat, überzeugt weltweit noch immer rund 2,9 Millionen Fördermitglieder. Sie spendeten im vergangenen Jahr mehr als 200 Millionen Euro. Doch die Frage bei solchen Umfragewerten ist: Wie lange noch?

Die Wirtschaftskrise verschärft die Situation für Greenpeace zusätzlich. Die weltweite Vernichtung von Vermögen, drohende Staatspleiten und die Jobängste der Bürger drängen Umweltthemen an den Rand. 2007 hätte Greenpeace noch beste Chancen gehabt, es mit dem Klimawandel in die Schlagzeilen zu schaffen: Das Wort des Jahres war Klimakatastrophe. Doch die Stimmung kippte schnell. Das Wort des Jahres 2008 war bereits Finanzkrise, sie bestimmt seither die öffentliche Debatte.

Dabei mangelt es dem Thema Klimawandel nicht an Dringlichkeit: Wie neue meteorologische Daten zeigen, schreitet der Klimawandel schneller voran, als selbst pessimistische Experten befürchtet hatten. Und es sind nur noch acht Monate bis zur UN-Klimakonferenz in Kopenhagen, bei der ein Nachfolgeabkommen für das Kyoto-Protokoll beschlossen werden soll. Die Konferenz könnte ein Debakel werden, denn trotz jahrelangen Ringens der Weltgemeinschaft ist ein beschlussfähiger Kompromiss in weiter Ferne.

Klimawandel ist Grund für Bedeutungsverlust von Greenpeace

Greenpeace schaffte es nicht, diese Steilvorlagen zu nutzen. In den kommenden Monaten will die Organisation das ändern: Alle Kräfte würden im Vorfeld der UN-Konferenz auf das Klima-Thema konzentriert, kündigt Greenpeace-Chefin Behrens an. Im Ringen um die Aufmerksamkeit der Medien geht Greenpeace die Wirtschaftskrise jetzt frontal an: Für die Rettung von Banken würden schnell Milliarden lockergemacht, so die neue Argumentation der Regenbogenkämpfer, das Gleiche müsse dann aber auch bei der Bekämpfung des Klimawandels gelten. „Wäre die Welt eine Bank, hättet ihr sie längst gerettet“, war auf einem riesigen Transparent zu lesen, das Greenpeace-Aktivisten kürzlich in 140 Meter Höhe am Gebäude der Deutschen Bank in Frankfurt befestigten.

Ziele verschwommen

Iris Menn, 37, Meeresbiologin

Als Ausrede für die geringe Präsenz von Greenpeace in den Medien taugt die Krise aber nicht. Der wichtigste Grund für den drohenden Bedeutungsverlust der Organisation ist – kaum zu glauben – der Klimawandel selbst. An dem wahrscheinlich größten Umweltthema aller Zeiten beißt sich Greenpeace die Zähne aus. Die lange als PR-Genies gepriesenen Ökos bekommen das komplexe Thema einfach nicht richtig zu fassen – und das gleich aus mehreren Gründen.

Anders als beim Walfang ist in der Klimadebatte nicht immer klar, wer eigentlich die Bösewichte sind. Sind es die Autohersteller oder die trägen Verbraucher, sind es die Kohlekraftwerksbetreiber oder die Umweltschützer, die gegen kohlendioxidarme Atomkraftwerke demonstrieren, sind es die verschwenderischen USA oder die energiehungrigen Inder und Chinesen?

Mindestens so verschwommen sind die konkreten Ziele, für die es sich aus Sicht der Ökokämpfer lohnen muss, die Gemüter für eine wirksame Klimaschutzpolitik zu erhitzen. Soll Greenpeace neue, aber sparsamere Kohlekraftwerke ablehnen oder verlangen? Sind Elektroautos gut, oder verlagern sie die CO2-Emission nur auf die Stromerzeuger? Haben Biokraftstoffe Zukunft, oder vernichten sie die Regenwälder und verdrängen den Anbau von Lebensmitteln? Die Fachleute in den über 40 Green- » peace-Büros weltweit sind sich darüber so uneins wie die Umweltpolitiker selbst.

Keine CO2-Show

Gleichzeitig entsteht der fatale Eindruck, Greenpeace nähere sich beim Klimaschutz dem Ziel, sich selbst überflüssig zu machen – nach dem Motto: Auftrag erfüllt, abtreten! Denn je mehr die drohende Klimakatastrophe in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft als Top-Thema Einkehr hält, desto unnötiger wirken die klassischen Greenpeace-Rabatz-Aktionen. Das Klima-Problem ist erkannt. Gegen CO2 braucht es nun keine Show mehr, sondern konkrete, wirtschaftlich akzeptable Lösungen. Diese zu entwickeln, war jedoch nie das Kernanliegen von Greenpeace. Das können Wissenschaftler, Industrie und mancher konkurrierende Umweltverband besser.

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