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Ökos in der Krise SOS Greenpeace

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Grafik: Mitglieder- und Spendenentwicklung Greenpeace

Damit steht Greenpeace gut 37 Jahre nach der Gründung vor einer historischen Weichenstellung: Soll die Organisation der Inbegriff des spektakulären Protests bleiben oder sich zu einem Anbieter von Lösungen wandeln, zu einer Art McKinsey des Umwelt- und Naturschutzes? Soll Greenpeace in den Industrieländern weiter Protestaktionen durchführen, weil dort die zahlungskräftigen Spender sitzen, oder sich auf die Schwellenländer konzentrieren, wo die Umweltzerstörung viel drastischer und das Umweltbewusstsein viel kleiner ist? Vor allem aber: Kann Greenpeace sich beim Umweltproblem des Jahrhunderts, dem Klimawandel, mehr Gehör verschaffen?

Einig sind sich die Chefs der Dachorganisation Greenpeace International in Amsterdam und der weltweit 28 nationalen und regionalen Büros nur darin: Die Organisation dringt in der Klimadebatte nicht wie gewohnt durch, weil die internen globalen Entscheidungswege zu kompliziert sind. Da alle Themen weltweit gleichzeitig und mit den gleichen Argumenten in die Öffentlichkeit gelangen sollen, muss jede Kampagne von Greenpeace International abgesegnet werden. Einigen sich die Landesvertreter in der Zentrale in den Niederlanden beispielsweise nicht auf ein gemeinsames Energiemodell der Zukunft, fällt eine Greenpeace-Kampagne zu dem Thema flach. Oder es vergehen Monate – mit der Folge, dass sich eine geplante Aktion in der Zwischenzeit überlebt.

Greenpeace-International-Chef Gerd Leipold versucht seit seinem Amtsantritt vor fast acht Jahren, die Macht der Länderfürsten zu beschneiden. „Richtig ist“, räumt er im Gespräch mit der WirtschaftsWoche ein, „dass wir unsere Entscheidungsprozesse beschleunigen müssen. Aber nicht dadurch, dass wir nicht mehr diskutieren, sondern durch einheitliche Standards, Kommunikationsstrukturen und durch gemeinsame Ziele, auf die wir uns vor ein paar Monaten geeinigt haben.“

Emotionalisierung beim Klimaschutz schwierig

Ob das fruchtet, wird Leipold selber nicht mehr testen können. Der 58-Jährige wird seinen Vertrag, der bis Oktober läuft, nicht verlängern. Nach neun Jahren an der Spitze von Greenpeace International und vielen Jahren in anderen Greenpeace-Schlüsselfunktionen will er seinen Stuhl für ein neues Gesicht räumen. Greenpeace sucht bereits einen Nachfolger. Wie es grundsätzlich weitergeht, wie lange die Organisation von ihren Geniestreichen in der Vergangenheit zehren kann und wie diese in Zukunft aussehen könnten, dies alles muss der künftige Weltchef beantworten. Zur Debatte stehen nicht weniger als die künftige Identität und die Wirkungsweise in der Öffentlichkeit, mit der Greenpeace Freunde wie Gegner jahrelang faszinierte.

Thilo Bode blieb ein einsamer Rufer

Manfred Krautter, 46, Kampagnenverantwortlicher bei Greenpeace

So gelten die Ökoaktivisten als die vielfach bewunderten Erfinder der sogenannten Mindbomb. Der Begriff beschreibt die Überwältigung des Publikums mit aufsehenerregenden, hoch emotionalen Bildern: vom Kampf gegen Shell auf der ausgemusterten Ölplattform Brent Spar, von der Rettung der Wale in eisiger See, vom tödlichen Einsatz gegen die Atomwaffentests Frankreichs auf dem Südsee-Atoll Mururoa. „Bilder, Bilder, Bilder“, sagt ein ehemaliger Greenpeace-Mitarbeiter, „bei Greenpeace wird vor allem in Bildern gedacht. Ist ein Thema nicht visualisierbar, ist es als Kampagne gestorben.“

Genau damit hat sich Greenpeace jedoch beim Klimaschutz immer mehr in eine Sackgasse manövriert. Denn die CO2-Minderung lässt sich nicht ansatzweise so gut als Aktion inszenieren wie frühere Themen. „Schon in den Neunzigerjahren wollte der damalige Chef von Greenpeace International, Thilo Bode, das Thema Klimaschutz ganz hoch hängen“, erinnert sich ein Greenpeace-Aktivist. „Doch er blieb ein einsamer Rufer in der Wüste, weil niemand eine Idee hatte, wie man das Thema visualisieren und emotionalisieren kann.“

Gleichzeitig haben die Gegner, zum Beispiel Unternehmen und ihre Werbeagenturen, dazugelernt und bedienen sich ihrerseits des Mindbombings. Die Folgen für Greenpeace sind fatal. „Deswegen ist es heute deutlich schwerer, mit Bildinszenierungen ins Fernsehen oder in die Zeitung zu kommen“, sagt Sebastian Turner, Partner bei der Hamburger Werbeagentur Scholz & Friends. Im Übrigen hätten die Angegriffenen gelernt, gelassener mit den Attacken von Greenpeace umzugehen. „Das erschwert die Zuspitzung in den Medien.“

Neue Strukturen bei Greenpeace

Den großen Schub nach vorn verspricht sich Greenpeace von neuen Organisationsstrukturen, wie sie bisher am weitesten in Deutschland gediehen sind. Geschäftsführerin Behrens hat bereits im Sommer 2007 die Zentrale in Hamburg umgekrempelt. Die Spendeneinnahmen stagnierten, es drohten Verluste in Millionenhöhe. Daraufhin einigte sich Behrens mit dem Betriebsrat auf Stellenstreichungen sowie Einsparungen bei Personal- und Sachkosten von 2,6 Millionen Euro. Zwölf von insgesamt 204 Mitarbeitern mussten gehen.

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