WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Olympia-Referendum Kippt die Stimmung in Hamburg noch?

Seite 2/2

Kalkulation und Kalkül

Dabei hat Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz das Finanzkonzept selbstbewusst die „am besten durchgerechnete Bewerbung ever“ genannt. Mit Inflationsaufschlag, Risikopuffern und Nebenkosten landet die offizielle Rechnung für das Sportfest mitten auf einer Elbinsel im Herzen des Hafens bei 11,2 Milliarden Euro. Scholz will sich keine Naivität vorwerfen lassen: Maximal 1,2 Milliarden der Summe möchte Scholz der Stadt aufbürden. Den großen Rest sollen – nach Abzug der Einnahmen – der Bund und Investoren zahlen.

Doch dazu stellen sich viele Fragen: Sind die veranschlagten Sicherheitskosten von rund 460 Millionen Euro nicht viel zu niedrig angesetzt? Immerhin gab London 2012 rund eine Milliarde Euro dafür aus. Wann wird der Bund endlich feste Finanzzusagen machen? Was soll die Stadt später mit einem halbrückgebauten Olympiastadion voller Wohnungen? Und überhaupt: Hat das Debakel der Elbphilharmonie nicht gezeigt, dass Großprojekte in der Hansestadt schwierig sind?

Nikolas Hill kennt all diese Einwürfe, deshalb ist er auf jeden einzelnen vorbereitet. „Das Finanzkonzept belegt, dass Hamburg aus der Elbphilharmonie gelernt hat“, beteuert der Chef der Hamburger Bewerbergesellschaft. „Eine Kostenexplosion wird es für die Spiele nicht geben.“ Hill, zuvor Staatsrat in der Justizbehörde, wirkt zugleich als Innen- und Außenminister der Kampagne.

Wenn er nicht durch die Stadtteile tourt, von einer Podiumsdiskussion zur nächsten, dann bearbeitet er die Mitglieder des IOK. Doch bevor die ganz große Show auf der globalen Bühne überhaupt so richtig beginnen kann, muss am Sonntag eine Mehrheit her. Ehrliche Rechnungen, Transparenz, nachhaltiges Bauen – all das verspricht Hill in der Hoffnung auf ein starkes Wahlsignal. „Die Bürger müssen diese Bewerbung tragen“, sagt er, „ohne sie geht nichts.“

Wie schwer es aber geworden ist, die Begeisterung der Bürger zu wecken, spürt man bei Nicole Vrenegor. Die Politologin arbeitet ehrenamtlich für die Initiative NOlympia, in der sich die Gegner des Spektakels sammeln. Vrenegor will keine Spielverderberin sein, aber sie stellt eine Frage, die sich nicht so leicht beiseite wischen lässt: „Wäre das Geld für ein besseres Hamburg woanders nicht besser angelegt?“

Der geballten Marketingkraft von Stadt und Wirtschaft, die fast jede Plakatwand bespielen, hat NOlympia nicht viel mehr als einen Blog und ein paar Auftritte bei Info-Veranstaltungen entgegenzusetzen – sowie die Rückendeckung der Links-Fraktion in der Bürgerschaft, die vehement gegen Olympia 2024 argumentiert. Vrenegors Argumente scheinen aber dennoch bei immer mehr Bürgern zu verfangen.

Deutschland



„Besseres Hamburg“, das bedeutet für Vrenegor weniger Weltgeltungsdrang, dafür mehr Augenmerk auf billigere Mieten, bessere Schulen und engagiertere Sozialarbeit. Ein Mega-Event, das alle vier Jahre an einem anderen Ort Station macht, könne doch nicht nachhaltig sein, meint sie. „Hamburg sollte sich eher an so lebenswerten Städten wie Kopenhagen orientieren“, lautet das Mantra der Aktivistin, „und sich nicht in die Topliga der Metropolen dieser Welt fantasieren.“

Eines haben Kritiker damit schon erreicht: Was Sieg und was Niederlage bedeutet an diesem Sonntag, das ist nicht mehr so klar.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%