Olympia-Referendum Kippt die Stimmung in Hamburg noch?

Hamburg zweifelt an den Olympischen Spielen 2024 in der Stadt. Rund 595 Millionen Euro soll allein das Olympiastadion kosten. Am Sonntag entscheiden die Hamburger per Referendum - im Vorfeld steigt die Nervosität.

Olympia-Referendum Hamburg: Kippt die Stimmung noch? Quelle: dpa Picture-Alliance

Wenn das Olympia-Referendum mit einer Mehrheit für die Spiele enden sollte, dann hätte Hamburg dies maßgeblich einem Kind zu verdanken. Dem 47 Jahre alten Kind im Manne namens Frederik Braun. Er und sein Zwillingsbruder Gerrit haben in der Hamburger Speicherstadt einen Kindheitstraum als Touristenattraktion aufgelegt: eine der größten Modelleisenbahn-Anlagen der Welt. Das hat Braun zum erfolgreichen Unternehmer werden lassen.

Dennoch rutscht der schlanke Mann in seinem Bürostuhl in der Speicherstadt unruhig hin und her, „ich bin schweine-nervös“, sagt Braun. Weil auch Olympia in seiner Heimat ein Traum von ihm ist, kann er nicht einfach dabei zusehen, wie dieser platzt. Also hat er spontan ein Video aufgenommen, eine viereinhalbminütige flammende Rede für die Spiele in der Hansestadt. Nun wartet er ungeduldig, dass bei Facebook endlich die Datei hochlädt. Aber das dauert.

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Luftbild: Matthias Friedel, Rendering: Gerkan, Marg und Partner Architekten

64 Prozent Zustimmung der eigenen Bürger – das war die überzeugende Umfragezahl, mit der Hamburg im Frühjahr beim innerdeutschen Vorentscheid den Konkurrenten Berlin ausstechen konnte. Mehr als 20.000 Menschen kamen im Februar an die Binnenalster zu einem proolympischen Fackelzug, Anfang November versammelten sich mehr als 10.000, um auf der Stadtparkwiese die fünf Ringe zu formen. Hinter diesen Aktionen steckten stets: die Brüder Braun.

Aber nun müssen am Sonntag die Bürger offiziell der Bewerbung ihren Segen geben – und von der anfänglichen Euphorie ist nicht mehr viel zu spüren. Die Stadt ringt seit Längerem damit, die Flüchtlingskrise zu bewältigen. Dann rief der DFB-Skandal in Erinnerung, wie versumpft der globale Sportzirkus ist, zu dem auch das Internationale Olympische Komitee (IOK) zählt. Schließlich kamen der Terror von Paris und das abgesagte Fußballländerspiel in Hannover.

„Seitdem geht gar nichts mehr“, sagt Braun. Der jüngste Umfragepegel pro Olympia erreichte nur noch 56 Prozent, und das war Anfang November, also noch vor den Anschlägen in Paris. Braun war früher Fußballer, an seinem Büroschrank hängt eine raumfüllende HSV-Flagge, und während er über all die Komplikationen spricht, sieht er so aus, als habe er das Wort eines der berühmtesten Söhne der Stadt im Kopf – nein, nicht Helmut Schmidt, sondern Fußballheld Andreas Brehme: „Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß.“

Hamburg als Olympiaort - Pro und Contra

Eine Niederlage beim Referendum, sie ist plötzlich denkbar. Die Hansestadt, sonst verlässlich getragen von Bürgerstolz und einer Selbstverliebtheit, die sich als Understatement tarnt, zweifelt: an sich selbst. Im selben Maße schwindet die Zuversicht, den Zuschlag gegen prominente Mitbewerber wie Los Angeles oder Rom zu bekommen. „Ich bin ein brennender Befürworter“, sagt Frederik Braun. „Leider sind einige Hamburger nicht überzeugt, dass das Erbe Olympias für die Stadt groß genug sein wird.“

„Feuer und Flamme für Hamburg“ lautet der Slogan der Pro-Fraktion. Zuletzt flackerte nur noch ein Flämmchen.

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