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Organisierte Kriminalität „Globalisierung im Schatten“

Detlev Burgartz über die Schäden für die Wirtschaft durch Versicherungsbetrug und organisierte Kriminalität.

WirtschaftsWoche: Herr Burgartz, um wie viel Prozent könnten die Versicherungsbeiträge sinken, wenn in Deutschland weniger getrickst, gelogen und gestohlen würde? Burgartz: Das ist schwer zu sagen, die Dunkelziffer ist enorm hoch. Anonyme Umfragen bei Privathaushalten zeigen, dass in Deutschland zwischen acht und zehn Prozent aller Ansprüche an Versicherungen manipuliert sind. In der Kfz-Versicherung sind es sogar 24 Prozent. Der dadurch verursachte Schaden beläuft sich grob geschätzt allein für diesen Bereich auf rund zwei Milliarden Euro jährlich. Darin sind aber noch nicht die immensen Schäden durch Bandenkriminalität enthalten. Bei organisiertem Versicherungsbetrug und Raub hat sich die Lage deutlich verschärft. Woran liegt das? Auch das Verbrechen internationalisiert sich, wir erleben eine Globalisierung im kriminellen Milieu, eine Globalisierung im Schatten. So wie die Wirtschaft durch Arbeitsteilung ein Höchstmaß an Effizienz erreicht, machen es heutzutage auch die Kriminellen. In den straff organisierten Banden gibt es eine klare Aufgaben- und Kompetenzverteilung. Das sind mittlerweile quasi mittelständische Unternehmen mit einem Headquarter und Niederlassungen in vielen Staaten. Und so arbeiten sie auch. Was heißt das? Der Erste macht die Öffnungstechnik, der Zweite klaut, der Dritte vermarktet die Ware weltweit über das Internet, der Vierte ist der Kurier und im Hintergrund sitzt, nicht unbedingt in Deutschland, der große Boss. Der sondiert den Markt, besucht vielleicht sogar internationale Messen, spricht mit potenziellen „Kunden“ – und gibt dann seinen „Mitarbeitern“ den Auftrag, 100 Sportboote, 500 Marken-Uhren oder 1000 Brillen zu organisieren.

Hat die Osterweiterung der EU das Problem verschärft? Das kann man so nicht sagen. Wir bekommen es natürlich mit neuen Tätergruppen zu tun. Laut BKA haben etwa bei der Verschiebung von Kraftfahrzeugen mittlerweile litauische Banden eine herausragende Stellung. Andererseits steigt für die Täter durch die grenzüberschreitende Kooperation der europäischen Ermittlungsbehörden das Risiko, gefasst zu werden. Was sind die wichtigsten Absatzmärkte für Diebesgut „made in Germany“? Auch hier ist die Globalisierung weit fortgeschritten: Die Waren gehen bis nach Afrika und in den Nahen Osten, vor allem in Krisengebiete. Vor einigen Monaten hat eine Bande in Frankfurt die gepanzerte Limousine der Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth gestohlen. Der Wagen sollte in den Irak verschifft werden. Die Polizei entdeckte ihn in einer Dortmunder Lagerhalle, wo er mit ein paar gestohlenen Porsche Cayenne zwischengelagert war. Was wird in Deutschland am liebsten gestohlen und verschoben? Alles, was sich bewegt. Derzeit verzeichnen wir Rekordabgänge bei Wassersportgeräten und landwirtschaftlichen Maschinen. Wenn deutsche Discounter den Verkauf von PCs ankündigen, geraten oft die Transporteure der Geräte ins Visier. Wir haben deshalb eine Liste mit Parkplätzen in Europa erstellt, wo regelmäßig Lkws leergeräumt werden. Auch der steigende Frachtumschlag in den großen Seehäfen lockt zunehmend Täter an, darunter leiden vor allem die Transportversicherer. Da verschwinden schon mal ganze Container. Kommt umgekehrt auch ausländische heiße Ware nach Deutschland? Ja, mit zunehmender Tendenz. Über die Seehäfen kommen immer mehr Fahrzeuge, die im Ausland unterschlagen wurden. Die Geschäftsanbahnung läuft oft über das Internet. Die deutschen Käufer erhalten gefälschte Papiere und meinen, sie machten ein Schnäppchen. Allerdings nur so lange, bis nach fünf oder sechs Wochen die Polizei vor der Tür steht und das Fahrzeug abholt. Schwieriger nachzuweisen ist der bandenmäßig organisierte Versicherungsbetrug im Kfz-Bereich, der in Deutschland spürbar zunimmt. Mit welchen Tricks arbeiten die Betrüger? Zum Beispiel mit provozierten Auffahrunfällen, bei denen ein Komplize den Unfallzeugen mimt. Die Haftpflichtversicherung des – unbescholtenen und willkürlich ausgewählten – Unfallgegners zahlt die Reparaturkosten. Der Trick dabei: Der Unfallwagen wird gar nicht repariert, sondern nur notdürftig geflickt – und immer wieder für neue Crashs eingesetzt. Wenn Sie das zehnmal machen und jedes Mal 3000 Euro von der Versicherung kassieren, kommt ein schönes Sümmchen zusammen. Bei über neun Millionen Kfz-Schäden, die die Versicherungen jährlich abrechnen, ist es nicht einfach, diesen Banden auf die Schliche zu kommen.

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