Orkantief „Zeynep“ „Es sieht verheerend aus“

Hamburg: Ein Auto steht in der Speicherstadt, während einer Sturmflut, beim Hochwasser der Elbe im Wasser. Quelle: dpa

Vor allem in der nördlichen Hälfte Deutschlands ist die Nacht auf Samstag stürmisch. Die Feuerwehren rücken zu vielen Einsätzen aus - und mindestens zwei Menschen sterben.

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Orkan „Zeynep“ hat sich über Deutschland ausgetobt und für eine schwere Sturmflut an der Nordseeküste gesorgt. In Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen starben nach Polizeiangaben jeweils ein Mensch wegen des Sturms, bei einem weiteren Unfalltoten war die Ursache unklar. Das Orkantief soll nun am Samstag über das Baltikum nach Russland weiterziehen, wie der Deutsche Wetterdienst (DWD) mitteilte. Am frühen Vormittag hob der DWD alle Unwetterwarnungen vor Orkanböen auf - es soll aber stürmisch bleiben.

Vorübergehend soll es ruhiger werden, bis am Sonntag vor allem im Süden und in der Mitte noch mal stärkere Böen erwartet werden - verbreitet mit bis zu 60 Kilometern pro Stunde. Auf höheren Bergen ist demnach auch mit teils schweren Sturmböen bis 100 km/h zu rechnen. Am Freitagabend war in Büsum an der Nordsee eine Orkanböe mit 143,3 Kilometern pro Stunde gemessen worden, auf dem Brocken 145,8 Kilometern pro Stunde.

In Hamburg erreichte die Elbe am Pegel St. Pauli am Samstagmorgen gegen 5.30 Uhr 3,75 Meter über dem mittleren Hochwasser, wie das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) mitteilte. Damit erreichte die Hansestadt erstmals seit 2013 wieder eine sehr schwere Sturmflut mit mehr als 3,5 Metern über dem mittleren Hochwasser. In der überfluteten Speicherstadt rettete die Feuerwehr am frühen Samstagmorgen zwei Männer, die mit ihrem Auto eingeschlossen waren. Laut Polizei waren die Männer stark unterkühlt - sie wurden vorsorglich in ein Krankenhaus gebracht.

In der niedersächsischen Gemeinde Wurster Nordseeküste war zuvor ein Mann während des Sturms von einem Dach gestürzt und gestorben. Der 68-Jährige habe in der Nacht auf Samstag versucht, das beschädigte Dach eines Stalls zu reparieren, teilte die Polizei mit. Dabei sei er durch das Dach gebrochen und rund zehn Meter in die Tiefe gestürzt.

Ein Autofahrer starb nach Angaben der Polizei am Freitagabend bei Altenberge in Nordrhein-Westfalen, als er mit dem Auto gegen einen quer auf der Fahrbahn liegenden Baum prallte. Der eingeklemmte 56-Jährige sei noch am Unfallort gestorben. Etwa zur selben Zeit war ein Mann mit seinem Wagen im nahen Saerbeck unterwegs, als sich das Fahrzeug nach Polizeiangaben überschlug. Der 33-Jährige starb demnach ebenfalls noch am Unfallort. Ob es sich hier um einen wetterbedingten Unfall handelte, war zunächst unklar. In Lehrte in der Region Hannover traf ein umstürzender Baum einen Mann, der schwer verletzt wurde.

Diese Versicherungen helfen bei Regen und Sturm
Sturm und GewitterWenn sich ein heftiges Gewitter zusammenbraut, hat der Glück, der versichert ist. Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen hat einige Tipps im Umgang mit Naturgewalten veröffentlicht. Grundsätzlich gilt: Für Sturmschäden haften Gebäude-, Hausrat- und Kaskoversicherungen. Wer sie in Anspruch nehmen möchte, sollte jedoch auf die Beaufort-Skala schauen. Die Versicherungen übernehmen die Schäden nur für Regionen, in denen das Unwetter mit einer Windstärke von acht Beaufort wütet - also ab einer Windgeschwindigkeit von 61 Stundenkilometern pro Stunde. Die Versicherungen lassen eine offizielle Sturmwarnung gelten oder wenn die Häuser in der Nachbarschaft ebenfalls beschädigt sind. Auch Medienberichte über Sturmschäden in der Umgebung können als Nachweis helfen. Die genaue Windstärke zum Zeitpunkt des Schadenseintritts kann auch beim Deutschen Wetterdienst (Hotline: 0180-2913913) erfragt werden. Die Wohngebäudeversicherung übernimmt Sturmschäden wie etwa abgedeckte Dächer, zerstörte Schornsteine oder Schäden am Haus durch umgefallene Bäume. Sie zahlt auch für Folgeschäden, wenn durch das vom Sturm beschädigte Dach oder kaputte Fenster Regen in das Gebäude eindringt und Wände oder Fußböden beschädigt werden. Praktisch: Hat der Sturm Ziegel und Dachpappe mitgehen lassen, muss man den Schaden nicht einzeln nachweisen. Wichtig ist, dass der Schaden der Versicherung sofort gemeldet werde, warnen die Verbraucherschützer. Und: Kaputte Gegenstände sollten erst nach der Rücksprache mit der Versicherungsgesellschaft entfernt werden, sonst könnte das die Feststellung des Schadens behindern.Quelle: Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen; Bund der Versicherten (BdV) Quelle: dpa
Gewitter und Sturm - HausratFür den Hausrat haftet die Versicherung nur, wenn er während der Böen in einem Gebäude untergebracht war. Ausnahme bilden Antennen und Markisen, die einem Mieter gehören und ausschließlich durch diesen genutzt werden. Manche Hausratspolicen enthalten sogar Zusatzklauseln, die den Verderb von gefrorenen Lebensmitteln abdecken. Auch Folgeschäden, die durch vom Sturm umhergewirbelte Gebäudeteile, umstürzende Bäume oder andere Gegenstände auf die versicherten Sachen (Haus oder Hausrat) entstehen, sind mitversichert. Quelle: dpa
Unwetterschäden am Auto - TeilkaskoIm Bereich der Kfz-Versicherung sind Sturm- und Hagelschäden nur dann mitversichert, wenn eine Teilkaskoversicherung besteht. Die Teilkaskoversicherung ist grundsätzlich auch Bestandteil der Vollkaskoversicherung. Hat der Sturm Dachziegel auf ein parkendes Auto geschleudert, muss die Teilkasko des Autohalters zahlen. Wichtig: Versichert ist der Wert des Autos zum Zeitpunkt der Schadensmeldung, nicht sein Neuwert. Oft hat der Versicherte außerdem eine Selbstbeteiligung zu leisten, die von der Entschädigungssumme abgezogen wird. Der Vorteil in der Teilkaskoversicherung ist, dass der Versicherer, abgesehen von der Selbstbeteilungen des Versicherungsnehmners, ohne Rückstufung des Schadenfreiheitsrabatts zahlt. Wer nur eine Kfz-Haftpflichtversicherung hat, genießt keinen Versicherungsschutz. Quelle: AP
Unwetterschäden am Auto - VollkaskoWenn ein Auto auf einen umgestürzten Baum fährt, haftet die Vollkaskoversicherung. Ist Baum nachweislich morsch, umgestürzt und hat das Haus oder Auto beschädigt, muss der Baumbesitzer oder seine Haftpflichtversicherung für den Schaden aufkommen. Ist ein gesunder Baum umgefallen, gilt dies als „höhere Gewalt”, und der Eigentümer haftet nicht für den Schaden. Quelle: dpa
Hochwasser, Überschwemmung und StarkregenWenn durch das Unwetter Keller überflutet und Wände und Inventar beschädigt worden sind, dann ist es besser, wenn man eine „Elementarschaden-Versicherung” abgeschlossen hat. Gebäudeversicherungen haften nicht für Schäden durch eindringendes Wasser. Bei Überflutungen durch Starkregen oder übertretende Ufer haftet nur eine Elementarschaden-Versicherung. Eine Elementarschaden-Police, meist als Ergänzung zur Hausrat- und Wohngebäudeversicherung oder direkt in den Verträgen enthalten, deckt je nach Vertrag weitere Schäden ab, etwa durch Ausuferung oberirdischer Gewässer (nicht aber Sturmflut), Austritt von Grundwasser an die Erdoberfläche infolge von Witterungsniederschlägen oder Ausuferung oberirdischer Gewässer, Rückstau (sofern einen Rückstauklappe installiert und funktionsfähig ist), Erdbeben, Erdsenkung, Erdrutsch, Schneedruck und Lawinen. Versicherer gestalten den Umfang oft individuell. Es hängt also von den jeweils vereinbarten Versicherungsbedingungen ab, ob auch wirklich alle hier aufgeführten Gefahren versichert sind. So haben beispielsweise manche Tarife bei Überschwemmungsschäden nur die Ausuferung oberirdischer Gewässer versichert, nicht aber auch Überschwemmungsschäden durch Starkregen. Eine Elementarschadenversicherung deckt selten alle Schaden ab. Beispielsweise gilt bei Schäden durch Überschwemmung häufig ein Selbstbehalt, beispielsweise von zehn Prozent des Schadens, mindestens 500 Euro sowie maximal 5.000 Euro. Quelle: dpa
Schäden am Auto: ÜberschwemmungenSchäden durch Überschwemmungen sind bei der Kfz-Teilkasko mitversichert. Hier gibt es keine Schadensfreiheitsrabatte, Fahrzeughalter brauchen also keine Rückstufung zu befürchten. Auch hier gilt: Bei einer Selbstbeteiligung wird der vereinbarte Betrag von der Entschädigungssumme abgezogen. Ob Kindersitze, Warndreieck und Verbandskasten ebenfalls versichert sind, hängt von der Versicherungsfirma ab. Vorsicht ist geboten: Wer trotz polizeilicher Warnung sein Auto in einem Überschwemmungsgebiet abstellt oder auch nur dort hinfährt, der riskiert, dass der Versicherer nur einen Teil des Schadens trägt oder eine Regulierung ganz ablehnt. Dies gilt insbesondere, wenn der Versicherte in einer Weise gehandelt hat, durch die der Schaden hervorgerufen wurde. Zumindest kann die Gesellschaft dann oftmals entsprechend der Schwere des Verschuldens ihre Leistung kürzen. Tipp: Versicherungsnehmer sollten einen Tarif in der Kaskoversicherung wählen, bei dem der Versicherer auf den Einwand der grob fahrlässigen Herbeiführung des Versicherungsfalls verzichtet. Quelle: dpa
Gewitter und BlitzeinschlagIst der Blitz direkt in ein Haus eingeschlagen, kommt der Gebäudeversicherer für die Schäden am Haus auf. Was durch die Überspannung kaputt geht, ersetzt die Versicherung nur, wenn der Blitz direkt in das versicherte Grundstück oder Gebäude eingeschlagen ist. Sonstige Schäden durch Überspannung, Überstrom oder Kurzschluss sind nur dann über die Gebäudeversicherung abgedeckt, wenn eine Überspannungsklausel vereinbart wurde. Das gilt auch für die Hausratversicherung. Tipp: Verbraucher sollten eine Versicherung wählen, die Überspannungsschäden möglichst bis zur Versicherungssumme decken und auch unabhängig davon leistet, wo der Blitz einschlägt. Quelle: dpa

Feuerwehren und Polizei meldeten bis Samstagmorgen zahlreiche Einsätze, in der Regel blieb es bei Berichten über umgestürzte Bäume, umherfliegende Gegenstände und beschädigte Gebäude. In Bremen stürzte ein 55 Meter großer Baukran in ein im Rohbau befindliches Bürogebäude. „Es sieht verheerend aus“, sagte ein Feuerwehrsprecher. Auch ein gerade vorbeifahrender Laster sei in der Nacht auf den Samstag von dem Kran erwischt worden. Der Fahrer sei unverletzt geblieben.

In Gronau bei Hildesheim (Niedersachsen) wehte der Sturm eine rund 80 Kilogramm schwere Kupferplatte von einem Kirchturm. Sie sei etwa 80 Meter weiter in ein Haus eingeschlagen, sagte ein Sprecher der Feuerwehr. Einige Kilometer entfernt, auf der Autobahn 7 bei Hildesheim, fiel nach Angaben der Polizei am Freitagabend eine Verkehrstafel wegen des Sturmes auf die Fahrbahn. Ein Sattelzugfahrer habe nicht mehr ausweichen können und sei über die Hindernisse gefahren. Dabei riss der Tank auf, und 400 Liter Diesel-Kraftstoff ergossen sich über die Fahrbahn.

In Hamburg stürzten bei einem viergeschossigen Wohnhaus im Stadtteil Eilbek am Freitagabend Teile der Fassade ein. Insgesamt seien im Giebelbereich rund 25 Quadratmeter Mauerwerk abgefallen, sagte ein Feuerwehrsprecher. In den Häfen in Emden und Wilhelmshaven mussten mehrere Schlepper die größeren Schiffe sichern. Dabei drückten sie die windanfälligen Schiffe gegen die Pier, sagte ein Sprecher der Wasserschutzpolizei.

Der Bahnverkehr im Norden Deutschlands und in den nördlichen Teilen Nordrhein-Westfalens war auch am Samstagmorgen stark eingeschränkt, wie die Deutsche Bahn mitteilte. Nördlich von Dortmund, Hannover und Berlin sowie zwischen Berlin und Halle (Saale)/Leipzig fahren demnach keine Fernverkehrszüge. Nur auf der Schnellfahrstrecke zwischen Köln und Frankfurt waren demnach einzelne Züge unterwegs. Auch der Regionalverkehr falle flächendeckend aus. Vor der Wiederaufnahme seien umfangreiche Erkundungsfahrten nötig. Fahrgäste können ihre für den Zeitraum von Donnerstag bis Sonntag gebuchten Fahrkarten bis zum 27. Februar flexibel nutzen oder kostenfrei stornieren, wenn sie Reisen wegen des Sturms verschieben.

In Nordrhein-Westfalen ist die Rheinbrücke Emmerich bis auf weiteres gesperrt. Grund dafür seien umgestürzte Gerüstteile, die in die Fahrbahn ragen, teilte die Polizei am frühen Samstagmorgen mit. Im Norden wurde die Fehmarnsundbrücke gesperrt, die die Insel Fehmarn in der Ostsee mit dem Festland verbindet. Zuvor waren in der Nacht zwei Laster umgekippt. Ein Fahrer wurde dabei verletzt, wie ein Polizeisprecher sagte.

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Die Nordseeinsel Wangerooge büßte im Sturm etwa 90 Prozent ihres Badestrandes ein. „Auf einer Länge von einem Kilometer gibt es kaum noch Sand“, sagte Wangerooges Inselbürgermeister Marcel Fangohr. Die Schutzdünen vor dem Trinkwasserschutzgebiet hätten kein Deckwerk mehr, dies müsse wie der Strand neu aufgeschüttet werden. Dennoch sei der Sturm glimpflich ausgegangen.

Auch in anderen europäischen Ländern sorgte „Zeynep“ für Schäden, teils schon am Freitag: In den Niederlanden kamen drei Menschen durch umstürzende Bäume ums Leben, darunter war auch ein Radfahrer. Großbritannien meldete ebenfalls drei Todesopfer. In Irland starb ein Mann infolge des Orkantiefs. Im Norden Frankreichs waren am Abend rund 130 000 Haushalte ohne Strom. Schäden und Stromausfälle gab es auch in Polen und Tschechien. So waren allein in Polen wegen beschädigter Leitungen Zehntausende Haushalte vor allem in Westpommern ohne Strom. Vom Nationalmuseum Stettin (Szczecin) wurde ein großes Blech gerissen.

„Zeynep“ war das zweite Orkantief innerhalb weniger Tage. Zuvor waren bei „Ylenia“ in Deutschland mindestens drei Autofahrer in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt bei wetterbedingten Unfällen gestorben: Zwei wurden von umstürzenden Bäumen erschlagen, ein dritter starb, als sein Anhänger im Sturm auf die Gegenfahrbahn geriet und es dabei zu einem Unfall kam.

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