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Oxford-Forscher Mayer-Schönberger „Wir geben unsere Daten zu schnell her“

Big Data ohne Big Brother: Wie lassen sich Daten nutzen, ohne den Menschen gläsern zu machen? Der Forscher Viktor Mayer-Schönberger will Google, Facebook und Co in die Pflicht nehmen – und zur Not zur Kasse bitten.

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Viktor Mayer-Schönberger: „Big Data hilft uns, bessere Entscheidungen zu treffen.“

Oxford Die NSA überwacht das Netz in einem bislang ungeahnten Ausmaß. Der SPD-Politiker Martin Schulz warnt in einem Beitrag für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ vor „technologischem Totalitarismus“ und fordert eine neue Digitalpolitik. Wie lassen sich die riesigen Datenmengen, die heute entstehen, sinnvoll nutzen, ohne den Menschen gläsern zu machen? In der „FAZ“ haben bereites der weißrussische Publizist Evgeny Morozov, bei Handelsblatt Online Julia Reda, Spitzenkandidatin der Piratenpartei für die Europawahl und Peter Schaar, zehn Jahre lang Bundesbeauftragter für den Datenschutz und die Informationsfreiheit. Nun schlägt Professor Viktor Mayer-Schönberger von der Universität Oxford im Interview vor, die Datennutzer – also etwa Google und Facebook – in die Pflicht zu nehmen. Das kostet allerdings Geld.

Herr Mayer-Schönberger, der deutsche SPD-Politiker Martin Schulz warnt vor eine technologischen Totalitarismus, wenn Internetkonzerne und Geheimdienste weiterhin alle möglichen Daten sammeln und auswerten. Stimmen Sie ihm zu?

Herr Schulz beschreibt hier schon eine konkrete Gefahr. Das Internet ist eine mächtige Infrastruktur und kann ohne entsprechende Rahmenbedingungen in der Tat ein Werkzeug des Totalitarismus werden. Das ist nicht neu –aber in dem Maße, in dem das Internet integraler Bestandteil der Lebenswelten der meisten Menschen geworden ist, hat auch diese potentielle Gefahr zugenommen. Gleichzeitig ist das Internet im Kern relativ dezentral organisiert, sodass es resistenter gegen den Missbrauch für totalitäre Zwecke ist gerade etwa im Vergleich zum Rundfunk.

Welche Gefahren drohen konkret?

Zum einen droht das Internet als Hilfsmittel zur gesellschaftlichen Überwachung missbraucht zu werden. Darüber haben wir in den letzten Monaten dank Snowden diskutiert. Es kann aber auch als Propagandawerkzeug missbraucht werden, und etwa Desinformationen verbreiten helfen. Auch daran arbeiten nicht zuletzt viele Geheimdienste mit tausenden von Mitarbeitern.

Und schließlich droht durch das Datensammeln in Zusammenhang mit Big Data die Gefahr, dass unser Verhalten genau vorhergesagt wird, und wir in Zukunft bestraft werden nicht für das, was wir schon getan haben, sondern für das, was die Big-Data-Analyse nur vorhersagt wir mit hoher Wahrscheinlichkeit tun werden. Um diesen Gefahren zu begegnen, brauchen wir dringend entsprechende gesetzliche Rahmenbedingungen.

Kann es überhaupt gelingen, die Technologie im Sinne der Menschen zu nutzen, ohne die Privatheit des Einzelnen zu verletzen?

Ja, davon bin ich überzeugt. Aber das erfordert eben auch bessere, effektivere Regulierung der Datennutzung durch den Staat und Unternehmen. Das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung ist in der Theorie ein zentrales Fundament unserer Freiheitsordnung, aber in der Praxis geben wir es zu schnell auf, indem wir lange Datenschutzbestimmungen von Anbietern nicht lesen und einfach auf OK klicken. Viele Unternehmen, mit denen ich gesprochen habe, stehen dieser ihrer Verantwortung gegenüber den personenbezogenen Daten durchaus aufgeschlossen gegenüber.

Welche Vorteile bietet Big Data denn – also die Sammlung und Auswertung großer Datenmengen in Echtzeit?

Big Data hilft uns, durch Analyse einer großen Zahl von Daten bessere Entscheidungen zu treffen, weil wir so die Wirklichkeit besser verstehen können. Mit Big Data lässt sich etwa die Verbreitung der Grippe umgehender vorhersagen. Oder man kann im Auto Teile tauschen, kurz bevor sie kaputt gehen und nicht erst, wenn der Wagen havariert am Straßenrand steht. Wir können damit besser verstehen, wie man besser lernt – etwa Fremdsprachen – und welches Medikament in welcher Dosierung jeden einzelnen von uns wieder gesund werden lässt. Es gibt also eine ganze Menge an Vorteilen von Big Data, wenn es richtig angewandt wird.


„Kontrolle wie bei Autos und Lebensmitteln“

Wie kann eine richtige Anwendung aussehen?

Für eine zeitgemäße Lösung braucht es zwei Eckpfeiler: Erstens, dass sich aus Daten Wert schöpfen lässt. Und zweitens, dass diese Wertschöpfung eben in einem rechtlichen Rahmen, der auch durchgesetzt wird, zu erfolgen hat – und zwar in klarer gesellschaftlicher Verantwortung, also nicht bloß zum Wohl der bestehenden Besitzstände, sondern vor allem auch zum Wohl der Menschen.

Was schlagen Sie konkret vor?

Naturgemäß liegt der Teufel im Detail. Deshalb habe ich mit Dutzenden Experten aus aller Welt in den letzten beiden Jahren an einem möglichen Lösungsansatz auf der Basis der Verantwortlichkeit der Datennutzer und effektiver, grundrechtsgestützter staatlicher Regulierung gearbeitet und hoffe, dass dies der Beginn einer dringend notwendigen Diskussion ist. Denn sonst droht die Gefahr, mit dem Datenschutz im 20. Jahrhundert verhaftet zu bleiben, und damit die Menschen den Datensammlern nahezu wehrlos auszuliefern.

Wie kann so eine Verantwortlichkeit aussehen?

Verantwortlichkeit bedeutet, dass Unternehmen das mögliche Risiko für die Betroffenen ermitteln müssen, noch bevor sie persönliche Daten für eine bestimmte Big-Data-Anwendung einsetzen. Darauf aufbauen müssen sie entsprechende Sicherheitsmaßnahmen vorsehen. Dafür haften sie auch dann – nicht nur den Betroffenen, sondern auch dem Gesetzgeber gegenüber.

Wie stellen Sie sicher, dass die Unternehmen ihr auch nachkommen?

Das erfordert natürlich eine schlagkräftige und effektive Datenschutzbehörde. Aber was uns in anderen Bereichen, wie etwa bei der Lebensmittelkontrolle oder der Sicherheit von Autos, an behördlicher Kontrolle schon selbstverständlich ist, sollte uns auch für Big Data billig sein.

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