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Parteien Was Grüne und die FDP eint - und was sie trennt

FDP und Grüne kommen bei der nächsten Bundestagswahl groß raus – sie entscheiden über Dreierkoalitionen. Wer sie wählt, was sie eint, was sie trennt.

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Grün gegen gelb Quelle: dpa

Kanzlerin Angela Merkel möchte die Liberalen als Wunschpartner der Christdemokraten für bürgerliche Mehrheiten gewinnen, sucht in Hamburg und in anderen schwarz-grünen Experimenten aber auch die Nähe zur Öko-Partei. Vize Frank-Walter Steinmeier, gerade zum Kandidaten der schwächelnden SPD gekürt, braucht beide, Liberale und Grüne, um im Kanzleramt anzukommen. Weil die große Koalition ihrer kleinen Kompromisse müde ist und es rechnerisch für kleinere Zweierbündnisse kaum reichen dürfte, kommen neue Dreiecksbeziehungen ins Spiel. Wie diese Ménage-à-trois aussieht, entscheiden letztendlich vor allem FDP und Grüne. Wollen sie mit der Union nach Jamaika oder mit der SPD Richtung Ampel? Wer kann mit wem, wo gibt es inhaltliche Schnittmengen, welche Farbspiele ergeben sich daraus?

Auf den ersten Blick viele Ähnlichkeiten

Auf den ersten Blick sind sich FDP und Grüne sehr ähnlich – zumindest hinsichtlich ihrer Klientel: Beide Parteien schneiden bei jungen Wählern deutlich besser ab als bei den älteren – die Ökos vor allem bei Frauen im Alter zwischen 30 und 44 Jahren. Wer Arbeit hat, einen hohen Bildungsgrad und in einer Metropole wohnt, der macht sein Kreuz gern bei den zwei kleinen Parteien. Dabei zieht es die Selbstständigen zur FDP, Grüne finden Anklang bei Beamten und Angestellten.

Sehr unterschiedliche Auffassung von Gerechtigkeit

Senioren/Selbstständige

Doch die Sozialstruktur ist nicht alles, wie ein Blick hinter die Kulissen zeigt. In einem Punkt trennen die urbanen, jung-dynamischen Bildungsbürger Welten: ihrem Verständnis von Gerechtigkeit. 78 Prozent der Grünen-Wähler verstehen nach einer Umfrage der Meinungsforscher von Dimap unter Gerechtigkeit „Solidarität“, zwei von drei Freien Demokraten setzen dagegen auf Leistungsgerechtigkeit.

Aus dieser grundlegenden Differenz folgen ganz unterschiedliche Standpunkte in der Wirtschafts- und Sozialpolitik, wenige Schnittmengen – sowie die Einsicht: Die Milieus von Grünen und FDP gleichen sich weniger, als oft angenommen wird, zwischen Grün und Gelb klafft tatsächlich ein tiefer Graben.

Lesen Sie auf der zweiten Seite, welche Positionen der Grünen mit den Liberalen nicht vereinbar sind, welche Standpunkte die FDP von den Grünen abgrenzen und in welchem Bereich die Parteien ähnliche Positionen vertreten...

Atomkraft - nein danke!

Welche Positionen der Grünen mit den Liberalen nicht vereinbar sind:

Klima- und Energie:

Ausstieg aus der Kernenergie, Neubau-Stopp für Kohlekraftwerke, Forschung und Förderung erneuerbarer Energien, dezentrale Energieversorgung Nachhaltige Mobilität: Verlagerung des Verkehrs von der Straße auf die Schiene, Tempolimit, Begrenzung des Dienstwagen-Privilegs, emissionsarme Autos, City-Maut Arbeitsmarkt: Gesetzlicher Mindestlohn, Hartz IV auf 420 Euro erhöhen, Grundsicherung Gentechnik: Gentechnikfreie Landwirtschaft, Verursacherhaftung für Agro-Gentechnik, gegen verbrauchende Embryonenforschung Haushalt & Steuern: Weg mit dem Ehegattensplitting, hoch mit dem Spitzensteuersatz und höhere Erbschaftsteuern Globalisierung: Globale Sozial-, Menschenrechts- und Umweltstandards, internationale Kontrolle von Hedge- und Private Equity Fonds

Mehr netto vom Brutto

Welche Standpunkte die FDP klar von den Grünen abgrenzen:

Steuerreform:

Keine Koalition auf Bundesebene ohne eine Strukturreform des Steuersystems, deutliche Senkung der Einkommensteuerlast mit drei Stufen, keine Reichensteuer Haushalt : Reduzierung staatlicher Aus- und Aufgaben, öffentliches Verschuldungsverbot Energie: Bezahlbare Energie für alle, Mix unter Einbeziehung der Kernkraft, Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke, ermäßigter Mehrwertsteuersatz für Strom Arbeit und Soziales: Kündigungsschutz lockern, gegen Ausweitung der Hartz-IV-Sätze, Bürgergeld zum Motivieren von Geringverdienern und nicht – wie bei den Grünen – als bedingungsloses Grundeinkommen Bildung: Für Chancen- und Leistungsgerechtigkeit, wo Grüne auf Gleichheit setzen. Förderung von Privatschulen, pro Studiengebühren

Schnittmenge

Gelb und Grün setzen in der Gesellschafts- und Außenpolitik ähnliche Akzente - aber es hakt im Detail

Bürgerrechte:

Grüne wie FDP wollen die Rechte der Bürger gegenüber dem Staat stärken und messen dem Schutz der Privatsphäre einen vergleichsweise hohen Stellenwert bei. Skepsis gegenüber dem öffentlichen Sicherheitsbedürfnis, für mehr Datenschutz, gegen Online-Durchsuchung und Vorratsdatenspeicherung Gesellschaft: Beide Parteien respektieren individuelle Lebensformen wie auch die gleichberechtigte Homo-Ehe, nehmen liberale Positionen zur Abtreibung ein Integration: Beide Parteien fordern erleichterte Einbürgerung. Die Grünen treten eindeutiger für doppelte Staatsbürgerschaft und kommunales Wahlrecht für Zugewanderte ein. Die FDP verknüpft ein Bleiberecht stärker an Leistungskriterien Außenpolitik: Beide setzen auf Dialog. Grüne machen sich stark für Abrüstung, einen Strategiewechsel in Afghanistan und sind gegen militärische Einsätze gegen den Terror (Operation Enduring Freedom). Die FDP sieht Deutschland mehr im Westen eingebunden, befürwortet jedoch wie die Grünen intensive Kontakte mit Russland

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