„Pegida“-Demos Wutbürger in Putins Sinne

Diffuse Ängste werden die Deutschen diesen Montag auf die Straßen treiben – gegen Zuwanderung, gegen Europa, gegen Merkel, aber für Wladimir Putin, den viele als Friedensengel verklären. Zwischen den Deutschen und ihren Institutionen schwelt eine Kommunikationskrise, die die Demokratie gefährdet.

Vor diesen Problemen stehen die Zuwanderer
Teilnehmer eines Kurses "Deutsch als Fremdsprache" Quelle: dpa
Eine Asylbewerberin wartet in der Zentralen Aufnahmeeinrichtung in Berlin Quelle: dpa
Eine Frau sitzt in einem Flüchtlingsheim in einem Zimmer Quelle: dpa
Ein Flüchtling sitzt vor einer Gemeinschaftsunterkunft der Asylbewerber Quelle: dpa
Verschiedene Lebensmittel liegen in der Asylunterkunft in Böbrach (Bayern) in Körben Quelle: dpa

Bisweilen wundert man sich als Redakteur, welch große Bögen der geübte Leser-Kommentator nach der Lektüre von Beiträgen über Russland zu spannen vermag. Ganz gleich, ob es um die desolate Wirtschaftslage in der Ukraine geht oder um Ansätze zur Lösung des Kriegs im Osten dieses Landes – nicht wenige Rezipienten schießen sofort scharf gegen den Euro, gegen die Merkel-Regierung, gegen das vermeintlich allmächtige Amerika, das die Welt und sämtliche „Mainstream“-Medien steuert. Es versteht sich von selbst, dass der Kommentar gekauft ist und sich eine argumentative Auseinandersetzung erübrigt. Ende der Diskussion.

Ausländer in Deutschland

Man könnte es sich nun einfach machen und diese Stimmungsmache ignorieren. Seinen Job so machen, wie es sich für Journalisten eines Qualitätsmediums gehört: Vor Ort recherchieren, alle Seiten anhören, die Propaganda links und rechts liegen lassen, argumentieren, argumentieren, argumentieren. Nun sind da aber diese „Pegida“-Demos, die gegen eine angebliche „Islamisierung des Abendlandes“ vor allem im Osten des Landes Tausende auf die Straße treiben – nicht nur rechte Extremisten. Fast jeder zweite Deutsche, ergab eine Umfrage, sympathisiert mit dieser Bewegung. Was ist bloß mit Deutschland los, das sich der Welt so gern als weltoffen verkauft?

Wer Kommentare unter Russland-Beiträgen liest, versteht rasch: Die Pro-Putin- und Anti-Amerika-Fraktion findet sich und ihre Losungen auch auf den Montagsdemos wieder. „Pegida“ in Dresden eint eine Angst vor Zuwanderung, obwohl es in Sachsen kaum Ausländer gibt. Kritik an „Mainstream“-Medien und Merkels Politik der Mitte ist in Dresden ebenso Thema wie bei den Montagsdemos der Verschwörungstheoretiker in Berlin. Die haben in Wladimir Putin schon seit geraumer Zeit ihren Friedensengel gefunden und verbreiten stoisch das Moskauer Märchen, in Kiew würden Faschisten regieren. Vermutlich spricht kaum einer Russisch, sicher hat kaum jemand das Land je selbst bereist. Ihr krudes Weltbild ist dennoch nicht zu erschüttern.

Derweil wird Wladimir Putin im fernen Moskau vergnügt zur Kenntnis nehmen: Die Deutschen lassen sich mit den Lügen und Halbwahrheiten des russischen Propaganda-Apparats leicht spalten. Der Pluralismus lässt sich ausnutzen, indem man einen wohl finanzierten Staatssender an den Start bringt, der nichts als Gegenmeinungen zum angeblichen „Mainstream“ der Qualitätsmedien verbreitet: „Russia Today“ kokettiert sogar damit, einseitig zu berichten statt differenzierende Stimmen einzuholen – so wie es bei Qualitätsmedien in Deutschland Usus ist.

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