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Peter Altmaier auf Netzreise Gegen den Strom

Wirtschaftsminster Peter Altmaier ist auf Akzeptanz-Reise für den Netzausbau. Wird er die Anwohner überzeugen können? Quelle: dpa

Ohne neue Leitungen wird die Energiewende nicht gelingen. Doch dort, wo sie gebaut werden sollen, trifft ein wackerer Wirtschaftsminister auf wachsenden Widerstand.

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Der Protest kommt gesittet daher, geradezu wohlerzogen, aber wenn man genau hinhört, klingt er ziemlich unerbittlich. „Die Leute haben Angst“, sagt ein Bürgermeister. „Die sind aufgewühlt.“ Unterschätzen Sie, meint ein zweiter Bürgermeister, „unseren Klagewillen nicht“. Und als wäre das genug, tritt noch ein dritter Kommunalpolitiker ans Mikro und spricht mit ruhiger, aber fester Stimme: „Wir sind aufmunitioniert.“

Es ist Freitagnachmittag in einem Bildungszentrum am Berghang im hessischen Oberjosbach: Um Peter Altmaier sitzt ein gutes Dutzend Landes- und Lokalpolitiker in einem Stuhlkreis. Auch Bundestagsabgeordnete sind gekommen. Der Wirtschaftsminister schenkt sich immer wieder aus einer Cola-Flasche nach, dabei bräuchte er das Koffein gerade gar nicht. Der Saal steht schon unter Spannung genug.

Altmaier ist zu Gast, weil er für die Energiewende werben, Blockaden und Klagen verhindern will, vor allem beim fälligen Netzausbau. Was er jedoch von den Gastgebern hört, ist: Skepsis, gemischt mit Wut, ob dieser Ausbau so sein muss. Ob er überhaupt sein muss. Gerade hier.

Ja, muss er, das ist Altmaiers Credo. Über die Wege kann man mit ihm streiten, über das Ziel nicht. Dies ist schon seine dritte so genannte Netzausbaureise in jene Regionen, an denen sich die Energiewende mit neuen Leitungen materialisieren muss, wenn sie denn gelingen soll. Er war in Thüringen, Bayern, NRW, nun in Hessen. Ohne den Transport aus dem Norden wird es künftig keine zuverlässige Versorgung des industriellen Südens geben. Hunderte Kilometer müssen dafür noch gebaut oder modernisiert sein bis Mitte der Zwanzigerjahre. Vielleicht, wegen des Kohleausstiegs, sogar noch deutlich mehr.

Die Experten sind sich einig, doch die Bürger vor Ort wollen nicht folgen

Überall spürt der zuständige Minister, dass das Projekt alles andere als einfach wird. So hoch die allgemeine Zustimmung für eine nachhaltige Energieversorgung und Ökostrom auch ist – wird es konkret mit den Stromtrassen, kommt der Zorn, wird der Widerstand Betroffener geweckt. Der Saarländer hat den Ausbau zur „Chefsache“ erklärt. Es ist deshalb wohl das wichtigste wirtschaftspolitische Projekt seiner Amtszeit. Altmaier ist nun der Mann, der sich gegen den Strom stemmen muss.

Kann das gelingen? Altmaier verschanzt sich jedenfalls nicht in seinem Ministerium. Er geht auf Menschen zu, er wirbt und spricht, hört zu und verspricht. Sein Konfrontationskurs kommt in Gestalt einer Gesprächstherapie daher. Wo geredet wird, wird wenigstens noch nicht Klage eingereicht.

Am Freitagmittag, vor seinem Treffen mit der örtlichen Politik, wurde diese Chefsache dann schon sehr konkret. Altmaier steht auf einem Acker am Rande des Örtchens Idstein. Neben ihm, nur zehn Meter entfernt, stehen Einfamilienhäuser. Direkt über ihm spannt sich eine Stromleitung. Diese bestehenden Trassen sollen künftig in Hessen als Ausbau-Projekt „Ultranet“ deutlich leistungsfähiger werden und Gleich- und Wechselstrom parallel durchleiten. Für die Anwohner ist das zu viel. Sie haben Angst um ihre Gesundheit – und den Wert ihrer Immobilien.

Begegnungen wie diese gehören nun seit Monaten zu Altmaiers Alltag: Bürgerinitiativen, bei deren Vertretern sich aufgewühlte Betroffenheit mit hochgradiger Informiertheit mischt, machen ihm Druck. Ihre Furcht, von denen da oben im Berlin am Ende doch überhört zu werden, verbindet sich mit der Hoffnung, noch verschont zu werden vom Megaprojekt Energiewende.

Überall versichert Altmaier den Menschentrauben mit Bannern, die ihn umringen, mehr oder weniger dasselbe: dass alle Gesundheitsbedenken ausgeräumt werden müssen, dass alle Trassen-Optionen geprüft werden – und: dass er jetzt noch nichts versprechen kann.

„Wir werden enteignet“, schreit ihm ein Anwohner entgegen. Ein anderer zeigt sich bei Altmaiers Abreise enttäuscht über die unpräzisen Worte des weitgereisten Ministers. In ein paar Monaten erst wird der konkrete Ausbauplan festgezurrt sein. Dann erst wird sich zeigen, ob die Zuhörtour des Wirtschaftsministers auch dort für mehr Akzeptanz gesorgt hat, wo gebaut wird.

Am Freitagabend dann, beim Bürgerdialog des Ministeriums in einer Mehrzweck-Sporthalle in Niedernhausen bei Wiesbaden, sind die Reihen voll. Ein paar hundert Bürger dürften es sein. Je länger die Fragestunde an Altmaier dauert, desto unwirscher und lauter wird das Publikum. Was der Herr Minister aus Berlin da vorne erzählt, wühlt einige hör- und sichtbar auf. Ein gutes Drittel im Saal trägt gelbe Westen.

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