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Pfleger auf der Intensivstation „Es reicht nicht, nur die Gehälter anzuheben“

Demonstration von Beschäftigten aus der Pflegebranche Ende September in Berlin. Quelle: imago images

Die Politik hat den „Corona-Heldinnen und -Helden“ in der Pflege neben Anerkennung auch Geld versprochen. Geld allein aber reicht nicht, sagt der Pflegeleiter einer Frankfurter Klinik. Ihm macht vor allem ein anderer Punkt zu schaffen.

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Der Pflegeleiter einer Klinik in Frankfurt – der dort für knapp 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verantwortlich ist – hatte für das Interview um Anonymität gebeten. Er ist seit 30 Jahren im Beruf und kann so sehr gut beurteilen, warum die Pflege als Berufsfeld so unattraktiv geworden ist.

WirtschaftsWoche: Wie ist bei Ihnen im Haus die Corona-Situation?
Rein technisch oder emotional?

Fangen wir technisch an.
Nun, wir sind eines der kleineren Häuser in Frankfurt. Wir haben immer mal wieder den einen oder anderen Patienten, der infiziert ist und Symptome aufweist. Intensivpatienten bisher nicht mehr als drei gleichzeitig. Das bedeutet natürlich, dass wir auf der Intensivstation mit Schutzanzügen, Sicherheitsschleusen und so weiter arbeiten müssen.

Kommen wir zum Emotionalen. Haben Ihre Leute etwas von den Prämien für die Corona-Helden gesehen?
Da ist nicht wirklich etwas passiert, das hängt ja auch an der Anzahl der Patienten, da sind viele Krankenhäuser rausgefallen.

Krankenhäuser müssen eine bestimmte Mindestzahl an Covid-19-Fällen vorweisen, die sie bis einschließlich September 2020 behandelt haben. Die Mindestzahlen erreichen längst nicht alle Häuser.
Der Informationsfluss ist sehr unregelmäßig, ich habe lange nichts mehr davon gehört. Dass nur so wenige die 1000 Euro oder 1500 bekommen, ist wieder ein Signal mangelnder Wertschätzung. Die Arbeitsbedingungen haben sich für alle verändert.

Wie? Sie hatten doch viel weniger Patienten.
Es kam zu einer Reduzierung elektiver Eingriffe, das sind Operationen, die nicht sofort zwingend gemacht werden müssen. Vor allem aber macht sich bemerkbar, dass die Patienten sich nicht mehr ins Krankenhaus trauen. Das ist auch für Pflegekräfte ein Problem. Die Leute wollen arbeiten, können es aber nicht, werden zum Teil auch nach Hause geschickt oder auf andere Abteilungen im Haus verteilt. Das macht keiner so gerne mit. Hinzu kommt: Ständig ändern sich wegen Corona die Abläufe und Zuständigkeiten. Mal muss ein Abstrich gemacht werden, mal nicht. Mal darf der Besuch eine Stunde bleiben, mal drei Stunden, dann wieder gar keine Besucher mehr. Immer wieder: rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln, das zermürbt.

Immerhin gibt es jetzt gesetzliche Vorgaben, dass mehr Personal auf die Intensivstationen soll – auch wenn die wegen Corona wieder ausgesetzt worden sind.
Die sind reichlich theoretisch, denn selbst wenn der Schlüssel gilt, könnten wir die Leute ja nicht einstellen.

Warum nicht?
Es gibt zu wenig Bewerber. Wir haben ja schon Probleme, die vorhandenen Stellen aufzufüllen.

Warum ist denn die Pflege unattraktiv geworden? Liegt es an der Bezahlung?
Es ist nicht nur das Geld. Klar, Geld ist auch Wertschätzung. Ich bin jetzt 30 Jahre im Beruf. Ein sehr großes Problem ist, dass sich Pflegeschwerpunkt und das Pflegeverständnis stark geändert haben. Die Frequenz hat zugenommen, die Liegedauer ist viel kürzer. Wer als Patient früher zwei Wochen im Krankenhaus war, muss heute nach drei Tagen wieder draußen sein.


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Weil Sie mehr Tage kaum vergütet bekommen?
Ja. Noch schlimmer ist die Bürokratisierung. Die ist mächtig vorangeschritten, jeden kleinen Schritt muss man dokumentieren, was man warum gemacht hat. Sie schreiben immerfort: Listen, Checklisten, es wird ja noch längst nicht alles online dokumentiert. Sie sind ständig damit beschäftigt, Sachen abzuhaken. Sie müssen verschlüsseln, entschlüsseln, alles zerlegen und nachweisen. Die Bürokratie ist zermürbend.

Wer schreibt, kann nicht pflegen. Was passiert, wenn Sie nicht alles aufschreiben?
Dann kommt gleich der Vorwurf: Du hast das nicht richtig dokumentiert, deshalb bekommen wir kein Geld, um unsere Leute zu bezahlen.

Mit den Pflegegesetzen sollte auch die Digitalisierung voran getrieben werden. Würde die helfen?
Davon redet man seit 15 Jahren, aber es würde schon Sinn ergeben. Heute haben wir teilweise dieselbe Information, die wir auf drei verschiedene Formulare und Zettel eintragen. Wenn Sie das alles digital machen würden, müsste das nur einmal passieren und das System würde die Daten dann an alle geben, die sie sonst auf Papier bekommen. Heute ist es teilweise so, dass wir alles per Hand an die Kurve des Patienten schreiben und am Ende alles noch mal ins System übertragen werden muss. Das kostet unheimlich Zeit, die wir lieber den Patienten widmen würden.

Mehr zum Thema: Nirgends kommen Beschäftigte finanziell so gut durch die Krise wie im öffentlichen Dienst. Trotzdem überziehen sie das Land mit Streiks. Geht’s noch?

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