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Pharmaindustrie Optimierte Blüten

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Teures Betäubungsmittel

Popp plant nun, die Cannabispflanzung in Wien auszubauen. Statt bislang nur 600 bis 700 Patienten möchte er künftig Zehntausende Schmerzkranke mit dem Hanfmedikament versorgen. Seit Jahren stand für das Unternehmen, so der Chef, die Linderung der Symptome von Schwerstkranken im Vordergrund. „Dronabinol soll in Deutschland so erfolgreich sein wie unser Hauptprodukt Sinupret“, sagt Popp. Laut Branchenschätzungen erwirtschaftet das Schnupfenmittel immerhin jährlich einen ordentlichen zweistelligen Millionenbetrag. Doch während Sinupret in Apotheken frei erhältlich ist, dürfte die Abgabe von Dronabinol auch weiterhin reguliert bleiben.

Einen Zulassungsantrag, um künftig mehr Patienten helfen zu können, insbesondere Krebs- und HIV-Kranken mit starken Schmerzen, hat Bionorica bereits gestellt. Bisher gilt Dronabinol nicht als klassisches Arznei-, sondern als Betäubungsmittel und ist damit prinzipiell von den Krankenkassen nicht erstattungsfähig. Durch die neue Zulassung soll sich das nun ändern. Das Medikament soll dann auch nicht mehr aufwendig von den Apothekern zusammengemixt werden, sondern als preiswerteres Fertigprodukt zu haben sein.

Voraussichtlich im Herbst entscheidet das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in Bonn darüber. Anschließend nimmt dann der Gemeinsame Bundesausschuss, ein Fachgremium aus Ärzten und Kassenvertretern, eine genaue Kosten-Nutzen-Bewertung vor.

Wie Cannabis konsumiert wird

Bundesregierung will Zugang zu Hanf erleichtern

Die Chancen, dass Bionorica die neue Zulassung erhält, stehen gut, sagen Hanfexperten. Der Pharmamittelständler verweist auf seine langjährigen Erfahrungen mit dem Hanfwirkstoff. Und politisch gibt es Rückenwind: Die Bundesregierung will künftig Schwerkranken den Zugang zu Cannabismedikamenten erleichtern, auch auf Kosten der Kassen. Derzeit werde geprüft, wie die Bedingungen zeitnah so angepasst werden könnten, dass Patienten, denen nur durch Medizinalhanf zu helfen sei, versorgt werden könnten, heißt es in einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion.

Seit zehn Jahren produziert der Medikamentenmittelständler Bionorica das Dronabinol. Doch erst seit zwei Jahren deckt das THC-Präparat überhaupt seine Kosten – auch dank des vorzüglichen Hanfs aus Wien. Zuvor hatte Bionorica den Stoff aus Holland bezogen. Dessen THC-Anteil lag allerdings deutlich niedriger als beim nun speziell gezüchteten Medizinalhanf.

Das Riesengeschäft mit dem Rausch

In Wien überlässt der deutsche Arzneihersteller jedenfalls nichts dem Zufall, die staatliche AGES fungiert lediglich als Dienstleister. Sogar das Ausgangsmaterial für die Hanfpflanzen haben die Bionorica-Forscher entwickelt.

Ende Oktober hat Versuchsleiter Lehner die ersten Triebe von der Mutterpflanze abgeschnitten, bewurzelt, eingetopft und mit Sprühnebel befeuchtet; Dünger- und Wasserzufuhr sind automatisch geregelt. Um das Wachstum optimal zu fördern, verwendet die AGES für Bionorica spezielle Folien zur Reflexion des Lichts; selbst die Pflanzentöpfe sind durchoptimiert. Über Details schweigt sich Lehner allerdings aus: „Wir wollen hier ja keine Anleitung zum Eigenanbau geben.“

Nach sechs Monaten wird geerntet

Lehner ist jetzt in seinem Element, als er nach dem Rundgang über die Cannabisaufzucht referiert. Nach drei Monaten sind die Hanfpflanzen groß genug, um sie zur Blüte zu bringen. „Hanf ist eine Diva, die Blüte gedeiht, wenn die Lichtzeiten kurz sind.“ Wissenschaftler Lehner spricht vom „Kurztag“ und verschließt dann per Knopfdruck ein Gewächshausabteil mit einem schwarzen Verdunkelungsschirm. „Im April wird geerntet, dann sind die Blüten perfekt.“ Gut sechs Monate dauert der Anbauzyklus.

Alle paar Monate fährt bei den Gewächshäusern ein unauffälliger Speditions-Lkw vor und transportiert Tausende Hanfblüten am Mittelgebirge Wienerwald vorbei ganz legal über die österreichisch-deutsche Grenze. Nach 460 Kilometern erreicht die Ladung das oberpfälzische Städtchen Neumarkt. Rund 40.000 Einwohner, Kopfsteinpflaster, verkehrsberuhigter Marktplatz. Die Zentrale von Bionorica liegt etwas außerhalb vom Ortskern. Am Werkstor 1 ist die Fahrt zu Ende. Eine idyllische Ruhe liegt über dem Gelände. In einem Pflanzengarten wachsen etwa Frauenmantel und Walderdbeeren – Inhaltsstoffe von klassischen Bionorica-Präparaten.

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