WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Philip Manow „Die deutsche Populismus-Debatte ist vermurkst“

Quelle: imago images

Philip Manow glaubt, wer in Deutschland Populisten wählt, fürchtet den sozialen Abstieg. Er erklärt, warum wir weniger moralisieren und stattdessen auf wirtschaftliche Verhältnisse blicken sollten, wenn es um Populismus geht.

Herr Manow, am Anfang Ihres aktuellen Buches schreiben Sie: „Wer über den Populismus reden will, aber nicht zugleich auch über den Kapitalismus, landet meist nur bei der Identitätspolitik.“ Was stört Sie an der Identitätspolitik?
Sie bietet einen nicht allzu ergiebigen Zugang zum Phänomen Populismus. Identitätspolitik beschränkt sich meist auf Rituale wechselseitiger Verächtlichmachung: Man wirft einander die unterschiedlichen Gruppenidentitäten an den Kopf. Dahinter steckt die Annahme: Komische Menschen mit komischen Einstellungen folgen Populisten, also müssen wir die schlechten Einstellungen durch gute ersetzen, etwa durch mehr politische Bildung oder Aufklärung. Wäre dem so, wäre mehr Sozialpädagogik die Lösung. Aber ich denke, das geht am Kern des Problems vorbei.

Sie verstehen Populismus als einen Protest gegen die Globalisierung. Was spricht für diese Sichtweise?
Die Globalisierung hat in den vergangenen 20 Jahren eine enorme Intensivierung erlebt, insbesondere in Europa. Die Osterweiterung der EU hat die Verlagerung von Produktionsstandorten erleichtert, die Freizügigkeit innerhalb der EU hat den Wettbewerb auf den Arbeitsmärkten intensiviert. Hinzu kommt der Aufstieg Chinas zu einem ökonomischen Schwergewicht, das die verschiedenen Volkswirtschaften extrem unter Druck setzt. Entsprechend der Politischen Ökonomien der einzelnen Staaten lassen sich unterschiedliche Stressreaktionen beobachten.

Meine Hauptthese geht zurück auf den Harvard-Ökonom Dani Rodrik. Er unterscheidet zwei Formen der Globalisierung. Zum einen die Globalisierung von Gütern und Geld, die sich über Grenzen bewegen, zum anderen die Globalisierung von Personen, die sich über Grenzen bewegen. Ich knüpfe an Rodriks These an, dass populistischer Protest tendenziell eher linksgerichtet ist, wenn die grenzüberschreitende Bewegung von Gütern und Geld für Politische Ökonomien ein Problem darstellt – das ist in Südeuropa und Südamerika der Fall. Der populistische Protest ist eher rechtsgerichtet, wenn die grenzüberschreitende Bewegung von Personen problematisiert wird, wie in Deutschland, in Nordeuropa, aber auch in den USA.

Philip Manow ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Bremen. 2018 erschien sein Buch „Die Politische Ökonomie des Populismus“. Quelle: PR

 Worauf führen Sie diese Unterschiede zwischen Norden und Süden zurück?
Auf die unterschiedlichen Politischen Ökonomien. Prototypisch für Kontinentaleuropa steht Deutschland, aber auch Skandinavien, Österreich oder die Niederlande zählen dazu. Diese Länder sind exportorientiert und sehr wettbewerbsfähig – deswegen haben sie mit einem harten Währungsregime kein Problem, sondern profitieren davon sogar, weil sie so den internen Preisdruck unter Kontrolle bringen. Zudem verfügen sie über sehr großzügige und offene Wohlfahrtsstaaten, die diese Art der Außenwirtschaft abfedern. Demgegenüber steht das südeuropäische Modell, das sehr viel stärker auf der Binnennachfrage fußt und deswegen Verschuldungsmöglichkeiten braucht.

Damit ist auch Währungssouveränität nötig, um über Währungsabwertungen Wettbewerbsmängel zu kompensieren, die aus dieser Art des Wirtschaftens erwachsen. Auch in diesen Staaten gibt es einen großzügigen Wohlfahrtsstaat, aber der ist deutlich weniger zugänglich. Während der Euro-Krise ab 2010 sahen wir, dass Südeuropa unter Stress geriet, weil notwendige Währungsabwertungen innerhalb des Euro-Regimes nicht möglich waren. Während der Flüchtlingskrise ab 2015 geriet das kontinentaleuropäische Modell aufgrund der Migration unter Druck.

„Über den Populismus als Problem zu reden ist oft eine Art, über ihn als Problemsymptom nicht reden zu müssen“, schreiben Sie. Inwiefern sehen Sie die Kritik der AfD an der Migrationspolitik der Bundesregierung gerechtfertigt?
Ich habe nicht vor, Positionen der AfD zu verteidigen. Aber aus sozialwissenschaftlicher Perspektive erscheint es zumindest erklärungsbedürftig, warum wir in Europa Rechts- und Linkspopulisten sehen, oder in Nordamerika Donald Trump und zugleich Justin Trudeau, oder in Südamerika Maduro und Bolsonaro. Empirisch ist kaum zu bestreiten: In Ländern, in denen wir relativ zugängliche und großzügige Wohlfahrtsstaaten haben, wie Deutschland oder der Schweiz, wird Migration von Teilen der Bevölkerung als problematisch wahrgenommen und der rechtspopulistische Protest verfängt elektoral. Ich glaube, dahinter steckt ein sehr trivialer Zusammenhang.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Diesen Artikel teilen:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%