Piratenparteitag Auf der gefährlichen Welle des Erfolgs

Die Piratenpartei wählt eine neue Spitze. Die entscheidende Frage dabei: wie bleibt man anders als die Konkurrenz - und trotzdem erfolgreich? Ein Besuch auf dem Parteitag in Neumünster.

Bier für die Frauen, Blumen für die Männer - der scheidende Bundesvorstand der Piraten wird verabschiedet. Quelle: dpa

Die Piraten haben einen Sinn für Kontraste, das muss man ihnen lassen. Die Holstenhallen in Neumünster sind vom Internethype maximal weit entfernt, extra verlegten Gigabyteleitungen zum Trotz.

Kein Schild, keine Ordner: Wer es nicht wüsste, würde nicht glauben, dass hier die derzeit meist beachtete Partei zu ihrem Bundesparteitag geladen hat. Die Besucher laufen erst einmal durch eine Vorhalle mit Schlafsäcken und Isomatten bevor sie zum eigentlichen Parteitag vordringen können. Viele der 2500 angereisten Freibeuter schlafen direkt am Ort des Geschehens.

Die raue Welt des Wahlkampfes empfängt die Piraten bereits am Bahnhof: dort hat die Linke üppig plakatiert. "Keine stimme den Nazis" steht dort, daneben die Piratenflagge.

In Schleswig-Holstein wird am 6. Mai gewählt und die übrigen Parteien versuchen, aus den Problemen und Schwächen der Piraten Erfolge zu generieren. Den Kampf haben die Etablierten längst aufgenommen.

Die Newcomer kommen ohne die meisten Insignien der Bedeutung aus, die sonst auf Parteitagen Usus sind: Es gibt keine Werbestände von Unternehmen und Verbänden, keine schicken Gratisbuffets, dafür ein gefühltes Laptop-Teilnehmer-Verhältnis von 1:1. Überall im Saal herrscht das typische Orange vor, auf T-Shirts, Pullis und Fahnen.

Die Werkzeuge der Piraten
PiratenpadEs ist der kollektive Notizblock der Piratenpartei: Im Piratenpad können gemeinsam Protokolle geschrieben oder Pressemitteilungen entworfen werden. Der Vorteil: In Echtzeit können mehrere Personen ein Dokument online bearbeiten, es wird farblich hervorgehoben, wer was geändert hat – das lässt sich damit unterscheiden. Technische Grundlage ist die inzwischen zu Google gehörende Software EtherPad, die auch Unternehmen nutzen können.
MumbleEines der wichtigsten internen Kommunikationswerkzeuge ist Mumble – eine Mischung aus Chat und Telefonkonferenz. Sogar viele Vorstandssitzungen werden hier abgehalten. Gegenüber klassischen Telefonkonferenzen gibt es mehrere Vorteile: Das Programm lässt sich leicht auf dem Computer installieren und über den Chat kann parallel kommuniziert werden – so können beispielsweise Links verschickt werden. Wenn jemand spricht wird das Mundsymbol neben dem Nutzernamen rot, dadurch kann man die Stimmen besser auseinanderhalten, als bei normalen Telefonkonferenzen. Ähnliche Funktionen bieten auch Skype oder TeamSpeak, dass vor allem von Online-Computerspielern zur Verständigung genutzt wird. Eine Institution bei den Piraten ist vor allem der „Dicke Engel“ (inzwischen umbenannt in ErzEngel). Jeden zweiten Donnerstag um 19:30 Uhr versammeln sich zahlreiche Piraten in diesem Mumble-Raum und diskutieren teils mit Gästen aktuelle Themen.
Liquid FeedbackEin zentrales Element ist das Computerprogramm Liquid Feedback (LQFB), eine Art Abstimmungstool, mit dem ermittelt werden soll, wie die Mehrheit der Partei zu bestimmten Positionen steht. Die Besonderheit: Das Programm gibt den Parteimitgliedern die Möglichkeit, ihre Stimme an eine andere Person zu delegieren, der sie mehr Kompetenz in bestimmten Fragen zutrauen. Allerdings ist Liquid Feedback so revolutionär wie umstritten. Während vor allem der Berliner Landesverband LQFB intensiv nutzte, waren andere Teile der Partei und auch der Bundesvorsitzende Sebastian Nerz lange skeptisch. Wie intensiv das Programm genutzt wird und welche Bedeutung den Entscheidungen zukommt ist daher noch in der Diskussion.
Wikis  Wikis sind der Klassiker, die meisten Webseiten nutzen eine Wiki-Software. Sie lassen sich leicht erstellen, erweitern und vor allem auch von vielen Beteiligten bearbeiten. Das Piratenwiki ist damit die zentrale Informations- und Koordinationsplattform.     Auch manche Unternehmen setzen inzwischen Wikis ein – vor allem für die interne Kommunikation. Das bekannteste Projekt ist Wikipedia.
Blogs   Auch Weblogs werden intensiv genutzt. Viele Piraten betreiben eigene Blogs, auf denen sie Debatten anstoßen oder bestimmte Dinge kommentieren. Auch die Piratenfraktion Berlin hat nach dem ersten Einzug in ein Landesparlament ein Blog gestartet, um über ihre Arbeit zu informieren.
Twitter   Der Kurznachrichtendienst ist der vielleicht beliebteste Kanal der öffentlichen Auseinandersetzung, kaum ein Tag vergeht an dem nicht irgendeine Äußerung oder ein echter oder vermeintlicher Fehltritt zum #Irgendwasgate und #epicfail ausgerufen werden. 
Diaspora   Auch andere soziale Netzwerke werden natürlich intensiv genutzt. Jedoch ist Facebook beispielsweise bei manchem Piraten schon wieder out. Julia Schramm beispielsweise, Herausforderin von Sebastian Nerz um den Parteivorsitz, hat sich wieder abgemeldet: „Es ist wie ein widerlicher Kaugummi.“ Stattdessen nutzt sie das alternative Netzwerk Diaspora.

Noch ist die Partei Größer als ihre Protagonisten und erst recht als ihr Programm. Dennoch danken hier einige der bisherigen prominenten Wortführer ab, die den Piraten bisher Gesicht, Profil und Aufmerksamkeit verschafft haben - allen voran Marina Weisband. "Ich habe alles gegeben, was ich geben konnte", sagt sie heute unter großem Applaus. "Es war nicht perfekt, aber ich bin zufrieden."

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Alles andere als Perfekt war die Außendarstellung, der Umgang mit rechtem Gedankengut in der Partei. Der Parteitag zeigt hier klare Kante: Frauen in "Brains against racism" - Shirts, Flyer mit Demoaufrufen und Poster auf den Toiletten. Der Chef Sebastian Nerz erntet für seine Erklärung gegen Nazis und Antisemitismus breite Unterstützung. Sogar eine Erklärung gegen Holocaust-Relativierer wird vorgelesen.

Ganz normal sind die Piraten dann doch nicht: als Gefion Thümer spricht, fleht sie den Saal an, ihr nicht zu twittern. Sie könne sonst ihre Notizen auf dem iPhone nicht lesen. Und als der scheidende Bundesvorstand verabschiedet wird, gibt es Geschenke auf Piratenart: Bier für die Frauen, Blumen für die Männer.

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