Plagiatsaffäre Der richtige Rücktritt der Annette Schavan

Die engste Vertraute der Kanzlerin im Kabinett ist zurückgetreten. Es ist eine respektable, eine würdevolle Entscheidung. Und sie war unvermeidbar.

Rücktritt von Annette Schavan: Der Auftritt der Bundeskanzlerin und ihrer ehemaligen Bildungsministerin im Kanzleramt war vielleicht einer der ergreifendsten Momente in Merkels Kanzlerschaft. Quelle: dpa

Schweren Herzens. Angela Merkel greift gleich zweimal zu dieser Formulierung. Schweren Herzens nur habe sie das Rücktrittsangebot von Annette Schavan angenommen. Die Kanzlerin braucht nur wenige Minuten, um der Hauptstadtpresse den Abgang ihrer Bildungsministerin mitzuteilen, aber es ist ihr anzusehen, dass diese Worte nicht die üblichen, bis zur Unkenntlichkeit abgenutzten  Floskeln des politischen Betriebes sind. Annette Schavan steht anderthalb Meter neben ihr und versucht einen tapferen Blick. Sie müssen da jetzt durch, gemeinsam.

Dieser Auftritt im Kanzleramt dürfte einer der emotionalsten und schwierigsten, vielleicht sogar einer der ergreifendsten Momente in Merkels Kanzlerschaft sein. So respektvoll und warmherzig, aufrichtig und richtig im Ton spricht sie selten. Hier geht ihre wichtigste Vertraute im Kabinett. Gerade die Ministerin, die von allen einem Skandal am weitesten entfernt schien.

Diese Minister sind seit 2009 zurückgetreten
Bereits wenige Wochen nach dem Regierungswechsel 2009 erklärt Bundesarbeitsminister Franz Josef Jung am 27. November 2009 seinen Rücktritt. Zum Verhängnis wird ihm die Kundus-Affäre, die in seine Zeit als Verteidigungsminister der großen Koalition zurückreicht. Nachfolgerin Jungs wird Ursula von der Leyen, die bis dahin Familienministerin war. In dieses Amt folgt ihr CDU-Kollegin Kristina Schröder, die damals noch Kristina Köhler hieß. (Quelle: dpa) Quelle: REUTERS
Am 1. März 2011 zieht Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg die Konsequenz aus der Plagiatsaffäre und erklärt seinen Rücktritt von allen politischen Ämtern. Wenige Tage zuvor hatte er in seiner Dissertation gravierende Fehler eingeräumt und seinen Doktortitel zurückgegeben. Das Verteidigungsressort übernimmt der damalige Innenminister Thomas de Maiziere. Neuer Chef des Innenressorts wird der bisherige CSU-Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich. Sein Amt übernimmt Gerda Hasselfeldt. Quelle: AP
Im Zuge der FDP-Krise kommt es im Mai 2011 zu einer Kabinettsumbildung. Um den Neuanfang der Partei perfekt zu machen, verdrängt der designierte Vorsitzende Philipp Rösler Wirtschaftsminister Rainer Brüderle nach langem Machtkampf aus dem Amt. Rösler wiederum übergibt das Gesundheitsressort an seinen bisherigen Parlamentarischen Staatssekretär Daniel Bahr. Beide erhalten am 12. Mai ihre Ernennungsurkunden. Brüderle wird Fraktionsvorsitzender. Quelle: dapd
Am 16. Mai 2012 verkündet Bundeskanzlerin Angela Merkel überraschend die Auswechslung von Umweltminister Norbert Röttgen. Nachfolger wird der bisherige Parlamentarische Geschäftsführer der Unions-Fraktion, Peter Altmaier (CDU). Vorausgegangen war eine herbe Wahlniederlage der CDU in Nordrhein-Westfalen, für die Röttgen als Spitzenkandidat die Verantwortung trug. Bereits am Wahlabend war er als Landeschef zurückgetreten. Quelle: dapd
Am 09.Februar 2013 tritt Bildungsministerin Annette Schawan zurück. Schavan wurde zuvor der Doktortitel von der Universität Düsseldorf aberkannt. Nachfolgerin wird die niedersächsische Wissenschaftsministerin Johanna Wanka (CDU). Quelle: dpa

Der Abgang war dennoch unvermeidbar. Für die Wissenschaftsministerin muss die Wissenschaft der einzig gültige Maßstab sein. Und diese hat Schavan – in Gestalt des Fakultätsrates der Universität Düsseldorf –  mit klarer Mehrheit den Titel entzogen. Dass sie nun rechtlich gegen den Entzug vorgeht und ihren Titel vorerst weiter tragen darf, ist ihr gutes Recht und es ist persönlich verständlich. Aber ohne den Rückzug hätte sie als Ministerin eine Klage gegen eben jenes System angestrengt, das sie im Amt zu fördern, zu verteidigen und zu vertreten hat. Es wäre eine unmögliche Lage gewesen.

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