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Plagiatsaffäre Die Entzauberung der Annalena Baerbock

Eigentlich wollte sich Annalena Baerbock mit ihrem 240-Seiten-starken Buch als Vordenkerin für die Lösung der Weltprobleme profilieren; stattdessen muss sie sich jetzt gegen den Vorwurf wehren. Quelle: imago images

In ihrem neuen Buch will sich die grüne Kanzlerkandidatin als Vordenkerin profilieren – jetzt muss sich Annalena Baerbock allerdings gegen Plagiatsvorwürfe wehren. Ihre Kampagne gerät immer mehr aus dem Tritt. Ein Kommentar

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Man muss nach dem vorzeitigen Ausscheiden der Deutschen natürlich sparsam mit Weisheiten aus dem Fußball umgehen, aber wenn Du keinen Lauf hast, schießt Du eben auch keine Tore. Das ist auf dem Platz so wie in der Politik; Jogi Löw und Annalena Baerbock – übrigens eine begeisterte Fußballerin – haben das schmerzlich erfahren.

Nach ihrem furiosen (und von der linksliberalen Medienmehrheit wohlwollend begleiteten) Start springt der grünen Kanzlerkandidatin jetzt immer häufiger der Ball vom Fuß. Ihr Dribbling bleibt ständig stecken, sie läuft zum wiederholten Mal ins Abseits. Erst sollte ein aufgehübschter Lebenslauf ihren akademischen Schmalspurabschluss in ein Elitediplom verwandeln, dann verschwieg – pardon: vergaß – sie eine fünfstellige Sonderzahlung und jetzt fliegt ihr dummerweise auch noch das neue Buch um die Ohren.

Eigentlich wollte sich die 40-Jährige damit auf 240 Seiten als Vordenkerin für die Lösung der Weltprobleme profilieren; stattdessen muss sie sich jetzt gegen den Vorwurf wehren, ihre Weisheiten im Buch aus anderen Quellen schnöde abgeschrieben zu haben. Natürlich sind die Plagiatsvorwürfe nicht so erheblich wie einst beim Freiherren Theodor zu Guttenberg oder bei Ex-Familienministerin Franziska Giffey. Aber peinlich ist das Ganze schon. Vor allem, wenn man sich als Visionärin für die Gestaltung der Zukunft profilieren will.

Die prompte Empörung der Grünen über einen angeblichen „Rufmord“ an ihrer Spitzenkandidatin ist nicht nur völlig unverhältnismäßig – sie zeigt auch, dass zumindest das Umfeld von Baerbock immer noch nicht begriffen hat, was es bedeutet, dass sich ihr Idol gerade als Regierungschefin der größten Industrienation Europas zur Wahl stellt. Da werden – übrigens an Männer wie Frauen gleichermaßen – nun einmal ganz andere Maßstäbe angelegt als bei Wahlen auf grünen Parteitagen. Dort sorgte schon ihr Ausruf „ich bin nicht die Frau an Roberts Seite“ für Jubelstürme. Aber die Mehrheit der Deutschen verlangt von einer künftigen Kanzlerin zu Recht ganz andere Eigenschaften und Fähigkeiten als flotte Sprüche oder das gekonnte Ausspielen der Frauenkarte. Zum Beispiel Redlichkeit, Erfahrung und Führungsstärke – so wie man es von Angela Merkel gewohnt ist.

Annalena Baerbock und ihr grünes Team lagen zu Beginn des „Wahlkampfmatches“ knapp in Führung vor Armin Laschet und der schwarzen Unionsmannschaft. Inzwischen hat Laschet aber nicht nur aufgeholt, sondern ist klar an ihr vorbeigezogen. Ob durch eigene Tore oder aufgrund ihrer Eigentore – darüber kann man streiten.

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Ist das Endspiel um die Kanzlerschaft damit bereits entschieden? Auf keinen Fall! Das Kräftemessen dauert noch knapp drei Monate – und so schnell wie die Schwarzen den Vorsprung der Grünen aufgeholt haben, kann er auch wieder verloren gehen. Fast die Hälfte der Wähler wissen noch nicht, ob sie zur Wahl gehen und für wen sie sich dann gegebenenfalls entscheiden sollen. Im Fußball wie in der Politik kommt es auf den Kapitän an. Während Laschet, der nie ein Ballzauberer war, langsam Vertrauen aufbaut, ist Stürmerin Baerbock dabei, sich selbst zu entzaubern.

Mehr zum Thema: Die Kanzlerkandidatin und der Lobbyist: Für die grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock wird das Private politisch – und vielleicht noch heikel. Ihre Partei will Lobbyismus stärker regulieren. Und ausgerechnet ihr Mann arbeitet als Lobbyist bei der Deutschen Post. Und: Wie Annalena Baerbocks Ex-Politikprofessor den Hype um sie findet.

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