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Politische Debatte Die Republik im Umfragewahn

Die Niedersachsenwahl machte deutlich, dass Wahlforscher und Demoskopen nicht nur Beobachter sind, sondern auch Akteure in der politischen Arena. Wir leben in einer Umfragedemokratie.

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Wie Sie besser mit Niederlagen umgehen
Der Spitzenkandidat zur Landtagswahl in Niedersachsen, Stephan Weil (SPD, l.), und Niedersachsens Ministerpraesident David McAllister (CDU) Quelle: dapd
RückzugZugegeben, Politiker müssen trotz Niederlagen gleich darauf wieder in die Kameras lächeln und auch mitunter katastrophale Ergebnisse erklären. Grundsätzlich ist das aber der falsche Weg, erklärt die Kommunikationstrainerin Anja Gräfin von Kanitz. "Man sollte den Schmerz erst einmal in seinem engsten Kreis verarbeiten. Sowohl emotional als auch körperlich ist das in dieser Phase des Schmerzes ungeheuerlich wichtig", sagt sie. Also erst einmal einigeln und den Rückschlag in Ruhe verdauen. "In dieser Phase, macht es keinen Sinn an die Öffentlichkeit zu treten und irgendwelche Statements zu geben", ist sich die Beraterin sicher. Und sich ein oder zwei Tage bei Freunden oder dem Partner auszuheulen ist völlig in Ordnung. Quelle: Fotolia
FehleranalyseJetzt bloß nichts verdrängen: Nach der Phase der emotionalen Aufarbeitung geht es an die Fehleranalyse. Jetzt heißt es Kopf einschalten und sich fragen: Was hätte ich anders machen können? Was war mein Anteil? Was war fremder Anteil? "Das ist sehr wichtig, denn nur so kann man sich auch von dem Geschehen lösen. Sonst läuft man Gefahr, dass da bei einigen ein Trauma hängen bleibt", sagt Anja Gräfin von Kanitz. Quelle: Fotolia
Fehler zugebenVor allem soll man Niederlagen auf eine reife Art und Weise zu begegnen, sagt die Beraterin. Das lässt sich leider nur an Niederlagen trainieren, ist aber unumgänglich. "Man sieht ja häufig im öffentlichen Raum, dass es sehr unreife Verarbeitungsmuster gibt, mit Fehlern umzugehen", sagt sie. Fehler zu leugnen, und so zu tun, als ob alle anderen verrückt wären ist der falsche Weg. Auch wenn Prominente wie der ehemalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg diese Taktik lange durchgehalten haben, schadet sie nur dem Image und der Glaubwürdigkeit. Da lieber ehrlich sagen: Ich habe etwas falsch gemacht. Quelle: Fotolia
Trotzreaktionen vermeidenNicht jede Niederlage hat mit Schuld zu tun. Manchmal sind auch einfach unglückliche Umstände oder Pech im Spiel. Gerade in diesen Fällen ist es ein Fehler, wenn man trotzig und aggressiv wird und die Schuld bei anderen sucht. "Auch bei Managern kommt das nicht gut: bei Erfolgen stellen sie sich ins Rampenlicht, bei Misserfolgen schicken sie ihre Mitarbeiter vor", sagt die Kommunikationstrainerin. Selbst wenn einen gar keine Schuld trifft, muss man lernen, so ein Geschehen nüchtern aufzuarbeiten. Quelle: Fotolia
Im Zweifelsfall Hilfe holenWer mit der Aufarbeitung seiner persönlichen Schlappe überfordert ist, sollte sich nicht schämen, sich Hilfe zu holen, empfiehlt von Kanitz. "Es müssen nicht unbedingt Profis sein, aber es müssen auf jeden Fall Leute sein, die kein eigenes Interesse haben." Vorwürfe wie 'Habe ich Dir doch gesagt, dass das nichts bringt', helfen nicht weiter. "Bei einem Manager, der für das Schicksal von Mitarbeitern verantwortlich ist oder über zig Millionen Euro bestimmen muss, kommt das Problem hinzu, dass sie von im eigenen Unternehmen von Konkurrenten umstellt sind. Dann müssen sie sich fragen: Mit wem kann ich offen reden?", so von Kanitz. Quelle: Fotolia
Ziele überdenkenOb nun alleine oder mit der Unterstützung von Außen - am Ende der Fehleranalyse müssen die persönlichen Ziele auf den Prüfstand: Es kann durchaus der Fall sein, dass man die vorherigen Ziele wieder anpeilt und bei seiner Strategie bleibt. Es kann aber auch sein, dass man nach der Analyse, sagt: Wir haben die Dinge falsch eingeschätzt. Nun müssen wir die Konsequenzen ziehen und Dinge ändern. "Leute, die unreife Verarbeitungsmuster haben, ihren Anteil nicht sehen wollen oder die Schuld bei anderen suchen, sind dazu verdammt, immer wieder die gleichen Fehler zu machen", ist sich von Kanitz sicher. Quelle: Fotolia

Um Erklärungen war keiner verlegen. Die Landtagswahlen in Niedersachsen waren nicht nur verteufelt knapp, sondern entsprachen auch nicht den Erwartungen. Und trotzdem gab es für das, was passiert war, exakt passende Erklärungen der Wahlforscher. Wer nach den ersten Hochrechnungen am Abend des 20. Januar erwartet hätte, dass die Umfrage-Institute und ihre Auftraggeber ratlos sind, angesichts der Unterschiede zu ihren Umfrageergebnissen der Wochen zuvor, sah sich getäuscht.

Alle Institute hatten die CDU vorher zwischen 39 und 41 Prozent gesehen, statt 36 Prozent, und die FDP knappste den Umfragen zufolge an der 5 Prozent-Hürde herum, während sie tatsächlich fast doppelt so viele Stimmen (9,9 Prozent) schaffte. Die summierte Abweichung der Umfragewerte vom Wahlergebnis lag bei allen Wahlforschungsinstituten bei 10,0 Prozentpunkten (Forschungsgruppe Wahlen) und mehr. Aber die Demoskopen konnten auch das wiederum demoskopisch erklären: Die CDU hat dem Koalitionspartner eben Stimmen „ausgeliehen“.

In den beiden Umfragen der Forschungsgruppe Wahlen unmittelbar vor dem Urnengang, die das ZDF traditionellerweise nicht veröffentlicht, hätte sich der Anstieg der FDP-Wähler deutlich gezeigt, sagt Vorstandsmitglied Andrea Wolf. Und vor allem hätte sich gezeigt, dass 80 Prozent der bekennenden FDP-Wähler eigentlich die CDU am liebsten mögen. Ähnliches sagt auch Richard Hilmer, ihr Konkurrent von Infratest-Dimap. Zwei Drittel der FDP-Zweitstimmenwähler hätten ihr Votum selbst als "Leihstimme" bezeichnet.

Der Niedergang der FDP
Machtwechsel in der FDP?Viele Parteimitglieder geben ihm die Schuld: Dem Parteivorsitzenden Philipp Rösler. Seit Wochen schon wird darüber diskutiert, ob Rösler nach einem niedersächsischen Wahldebakel zurücktritt. Noch am Freitag vor der Wahl bezweifelte dies FDP-Bundestagsfraktionsvorsitzender Rainer Brüderle. Allerdings fordert er, dass der kommende Parteitag vorgezogen wird – an dem auch die Wahl zum Parteivorsitzendem ansteht. Bisher ist der Parteitag für Mai 2013 geplant. Rainer Brüderle werden gute Chancen zugerechnet Rösler abzulösen. Quelle: dpa
Rösler: Vom Hoffnungsträger zum BuhmannRösler kommt nach den Wahlniederlagen im Frühjahr 2011 zum Zug: Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg: Die FDP kassiert gleich drei krachende Wahlniederlagen. In Mainz fliegen die Liberalen nicht nur aus der Regierung, sondern auch aus dem Landtag. Sie bekommen nur noch 4,2 Prozent der Stimmen, 3,8 Prozent weniger als fünf Jahre zuvor. Auch in Sachsen-Anhalt ist für die FDP kein Platz im Parlament, die Partei scheiterte mit 3,8 Prozent klar an der Fünf-Prozent-Hürde. In Baden-Württemberg fällt die FDP von 10,7 auf 5,3 Prozent. Grün-Rot übernimmt die Macht. Damaliger Buhmann ist Röslers Vorgänger Guido Westerwelle, der von seinem Amt zurücktritt. Quelle: dpa
Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler wird am 13. Mai in Rostock mit 95,1 Prozent der Stimmen zum neuen FDP-Vorsitzenden gewählt. „Ab heute wird die FDP liefern“, kündigt er in seiner Antrittsrede an. Quelle: dapd
Trotz Führungswechsels verharren die Liberalen im Umfragetief. Die FDP startet einen Verzweiflungsversuch, um die Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern zu ihren Gunsten zu entscheiden: Sie macht auf Wahlplakaten Stimmung gegen die Einführung von Eurobonds. Der Erfolg bleibt aus, die FDP verliert 6,8 Prozent und fliegt aus dem Landtag. Quelle: dpa
In Berlin folgt das nächste Fiasko. Die FDP holt gerade einmal 1,8 Prozent der Stimmen zum Berliner Abgeordnetenhaus und liegt damit hinter der NPD und nur knapp vor der Tierschutzpartei. Quelle: dapd
Rösler beteuert anschließend, dass die FDP ihren europäischen Kurs nicht verlassen wolle und beharrt darauf, dass eine „geordnete Insolvenz“ Griechenlands eine Option bleiben müsse. Gehört wird der Parteivorsitzende nicht, die Euro-Rettung wird von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Brüssel gestaltet. Die FDP trägt ihre Rettungspläne mit, die Basis murrt. Eine Gruppe um den FDP-Abgeordneten Frank Schäffler sammelt mehr als 3500 Unterschriften von Parteimitgliedern und erzwingt damit einen Mitgliederentscheid zum Europa-Kurs der Liberalen. Die Euro-Rebellen um Schäffler wollen die FDP in dem Entscheid gegen den Willen der FDP-Führung um Rösler auf ein Nein zum geplanten Euro-Rettungsfonds ESM festlegen. Quelle: dpa
Der Entscheid stiftet Unruhe in der Partei. Die Initiatoren werfen der Parteispitze Behinderung vor. Rösler und Lindner ziehen heftige Kritik auf sich, als sie vor Ablauf des Entscheids öffentlich die Erwartung äußern, dass die nötige Mindestbeteiligung von einem Drittel der Mitglieder verfehlt werde. Quelle: dpa

Aus diesem Befund wurde in den Tagen danach von den professionellen Wahldeutern in Redaktionen und Parteien die angebliche „Leihstimmenkampagne“ der CDU gemacht. Journalisten – die meisten hatten die FDP zuvor auf Basis der Umfrageergebnisse wochenlang totgeredet – und Politiker außerhalb der FDP hatten die durch die Wahlforscherei scheinbar belegte These gleichermaßen dankbar aufgegriffen. Selbst in der CDU schienen viele daran zu glauben, so dass bald angebliche Schwüre kolportiert wurden, dass man so etwas nie wieder tun werde. Kaum einer machte sich die Mühe, in der erst wenige Tage und Wochen alten Wahlkampfberichterstattung nachzulesen. Da war nämlich nirgendwo die Rede von einer Kampagne der niedersächsischen CDU, die FDP zu wählen. Es gab sie schlicht nicht, die Leihstimmenkampagne. Weder David McAllister noch andere CDU-Wahlkämpfer haben ihre Wähler aufgefordert, die FDP zu wählen.

Die Demoskopen selbst hatten das getan. Denn ihre Umfragen machen taktisches Wählen erst möglich. Was für die Quantenmechanik gilt, gilt auch für das Wahlverhalten der Gegenwart: Messungen beeinflussen das gemessene Objekt. Wer nicht weiß, dass die FDP anscheinend knapp an der 5-Prozent-Hürde scheitern könnte, und damit als Koalitionspartner ausfallen könnte, der hat keinen Grund statt der eigentlich favorisierten CDU die FDP zu wählen. All die professionellen Wahlforscher, die die FDP vor der Wahl tot redeten, haben die taktische Reaktion der FDP-wählenden CDU-Freunde erst herausgefordert. So blöd sind CDU-Wähler nicht, dass sie für diese Erkenntnis eine Kampagne der CDU brauchen. Aber die FDP-Schlechtreder brauchten die Legende von der Leihstimmenkampagne, um den Ansehensverlust durch die Fehlprognose auszuwetzen.  

Eine konstruierte öffentliche Meinung

    

Reaktionen zur Niedersachsen-Wahl
David McAllister unmittelbar nach den ersten Hochrechnungen. "Die CDU in Niedersachsen ist die Nummer eins", sagte er in einer ersten Stellungnahme seinen Parteianhängern. Eine hauchdünne Mehrheit zeichnete sich im Verlauf des Abends ab. Auch als schließlich klar wurde, dass es nicht zu einer bürgerlichen Mehrheit reicht, beanspruchte McAllister die Regierungsbildung für sich und kündigte an: „Wenn es nicht reicht für eine Fortsetzung des Bündnisses von CDU und FDP, würden wir als stärkste Kraft mit allen politischen Parteien Gespräche führen. Natürlich auch mit der SPD.“ Quelle: dapd
Am lautesten feiert nach dieser Wahl wohl die FDP. Sie konnte sich über Rekordwerte freuen. Quelle: dapd
FDP-Spitzenkandidat Stefan Birkner (FDP, M.) jubelt nach den ersten Hochrechnungen zur Landtagswahl zwischen dem Wirtschaftsminister Joerg Bode (l.) und dem Parlamentarischen Geschäftsführer Christian Grascha. Die krisengeschüttelte FDP schaffte mit 9,7 Prozent klar den Wiedereinzug in den Landtag. Quelle: dapd
FDP-Generalsekretär Patrick Doering gibt in der Parteizentrale der FDP im Thomas-Dehler-Haus in Berlin bei der Wahlparty der Partei zur Landtagswahl in Niedersachsen ein Pressestatement zum Ergebnis ab. Er ist sichtlich zufrieden mit dem Erfolg seiner Partei. Quelle: dapd
Da muss Rainer Brüderle doch im Hintergrund bleiben. Die 9,7 Prozent haben FDP-Chef Philipp Rösler vorerst in seiner Funktion gerettet. "Es ist ein großer Tag für die FDP und alle Parteimitglieder", resümierte Rösler das Wahlergebnis. Quelle: dapd
SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück würdigte den Wahlkampf von Herausforderer Stephan Weil, er habe einen fantastischen Wahlkampf in Niedersachsen geführt. Wenn das Ergebnis noch nicht klar für die SPD ausgefallen sei, habe auch Steinbrück das mit zu verantworten. "Aber es ist dennoch ein gutes Ergebnis für diesen Abend". Quelle: dpa
Stephan Weil ließ sich von seinen Genossen ebenfalls feiern. Er legte kurz nach der ersten Hochrechnung ein zufriedenes Lächeln auf. "Das ist nun wirklich mal ein spannender Wahlabend", resümierte er am frühen Abend. Nach dem vorläufigen Endergebnis erklärte der Wahlsieger, er werde auch mit nur einer Stimme Mehrheit im Landtag regieren. „Ich freue mich jetzt auf fünf Jahre Rot-Grün.“ Quelle: dapd

Die Wahl in Niedersachsen hat damit deutlich wie selten zuvor gezeigt, dass wir nicht nur in einer Mediendemokratie, sondern, wie die Politologen Sieglinde Rosenberger und Gilg Seeber in ihrem Buch „Kopf an Kopf“ feststellen, in einer „Umfragedemokratie“ leben. Die Demoskopie ist nicht nur die objektive Beobachterin des politischen Geschehens, als die sie sich selbst ausgibt, sondern eine aktive Kraft. Sie schafft mit ihren Umfragen eine Scheinwirklichkeit, die die reale Wirklichkeit nicht nur bei Wahlen unmittelbar beeinflusst. Einmal, indem sie wie in Niedersachsen geschehen, zum taktischen Wählen verleitet. Aber, noch wichtiger, indem sie den Journalismus und Parteipolitik mit Deutungsangeboten versorgt. Die Demoskopie ist neben Politikern und Journalisten ein Teil des politischen Betriebes geworden, der mit den beiden anderen inzwischen ein Amalgam bildet.

Im postideologischen Zeitalter haben Parteien einen unstillbaren Durst nach empirischem Wissen über den Wähler, um Unterstützung für politische Vorhaben zu erkunden, Taten zu rechtfertigen und vor allem zur Planung der Wahlkampagnen. Und dieser Durst wird umso größer, je schwächer die Basis der unverhandelbaren Überzeugungen in den Parteien und bei den Wählern ist.

Demoskopen liefern eine konstruierte öffentliche Meinung, die durch das Zahlenwerk der Umfragen Klarheit und Exaktheit behauptet. Je wichtiger diese in Umfragen konstruierte, vermeintliche „öffentliche Meinung“ genommen wird, und je mehr sich die Akteure der Politik danach richten, desto schneller lösen sich aber auch die bisherigen Konturen der Parteien auf, desto verwechselbarer werden sie für die Wähler. Die Aufmerksamkeit für die Demoskopie und Wechselhaftigkeit ihrer Ergebnisse schaukeln sich gegenseitig hoch.

Die Kritik an der Bereitschaft der Politik, sich der demoskopisch konstruierten öffentlichen Meinung auszuliefern, ist alt und verliert doch nicht an Berechtigung. Hans Magnus Enzensberger verglich das Allensbach-Institut schon 1965 mit den Orakeln der Antike: „Die Pythia antwortet nicht auf eigene Faust, sie gibt die Fragen an eine höhere Instanz weiter, an die Stimme Gottes, die im Jargon der Demoskopen ‚repräsentativer Querschnitt heißt." So unberechenbar wie die Gunst der antiken Götter ist auch die Gunst der heutigen Wähler geworden. Das diagnostizieren die Wahlforscher seit Jahren: Das Aufbrechen fester Sozialmilieus und damit einhergehend das Nachlassen der Identifikation mit einer Partei – die katholischen Kirchgänger als verlässliche CDU-Wähler werden ebenso selten wie die unbeirrbar „rot“ wählende Gewerkschafter. Gleichzeitig wächst das Verlangen der verunsicherten Parteien nach Daten darüber, was der „repräsentative Querschnitt“ der Bevölkerung denkt, will und nicht will.

Wenn Politik zum Pferderennen wird

Wahlversprechen, und was daraus wurde
1988: „ Eins ist sicher: die Rente“ (CDU)Noch im Sommer forderte Bundessozialministerin Ursula von der Leyen, eine Zuschussrente einzuführen. Das soll die Armut im Alter verhindern, die viele Deutsche fürchten. Denn die staatliche Rente allein reicht längst nicht mehr. Schon 2001 führte die Bundesregierung mit der Riester-Rente eine zusätzliche Vorsorge-Möglichkeit ein. 1988 klangen noch andere Töne: Einen abgesicherten Lebensabend versprach damals CDU-Sozialminister Norbert Blüm im Wahlkampf. Mit dem Spruch „Eins ist sicher: die Rente“ hatte die CDU für sich geworben. Quelle: AP
1990: CDU will Aufbau Ost aus der Porto-Kasse zahlen„Blühende Landschaften“ versprach Kanzler Helmut Kohl 1990 in den neuen Bundesländern. Dafür hatte er vor der Bundestagswahl ausgeschlossen und wollte die Wiedervereinigung „aus der Portokasse“ finanzieren. Stattdessen kam der Solidaritätszuschlag. Dieser sollte aber nicht lange bleiben. 1996 versprach Kohl: „Der Solidaritätszuschlag ist bis Ende 1999 endgültig weg.“ Heute gibt es ihn immer noch. Quelle: dapd
2005: SPD schließt eine höhere Mehrwertsteuer ausFranz Müntefering fand es 2005 als Vizekanzler „unfair“, dass die Regierung „an dem gemessen wird, was in Wahlkämpfen gesagt worden ist“. Seine SPD hatte im damaligen Wahlkampf gesagt, dass es mit ihre keine höhere Mehrwertsteuer geben würde. Die CDU hatte sich für eine Erhöhung um zwei Prozentpunkte eingesetzt. Schließlich wurden es drei Prozentpunkte – mit der SPD als Koalitionspartner. Quelle: dpa/dpaweb
2005: CDU will erst raus aus dem Atomausstieg - und dann doch nichtSchon im Wahlkampf 2005 stellt die CDU den unter der SPD beschlossenen Atomausstieg in Frage. Raus aus dem Ausstieg wagt sie sich jedoch erst 2010 in einer Koalition mit der FDP. Lange fest hält sie daran nicht. Kanzlerin Angela Merkel änderte ihre Haltung ein knappes Jahr später nach der Atom-Katastrophe von Fukushima. Im Juni 2011 beschlossen Bundestag und Bundesrat, die sieben ältesten deutschen Atomkraftwerke und das Kraftwerk Krümmel sofort stillzulegen sind. Die restlichen deutschen Kernkraftwerke sollen bis 2022 abgeschaltet werden. Quelle: AP
2008: Hessens SPD will erst ohne, dann mit der LinkenRoland Koch als hessischen Ministerpräsidenten zu Fall bringen: Das war 2008 das Ziel von SPD-Spitzenkandiidatin Andrea Ypsilanti im hessischen Wahlkampf. Dafür wollte sie sogar ihr Wahlversprechen brechen, keine Koalition mit der Linken einzugehen. „Wir werden uns nicht einmal von ihr tolerieren lassen. Auch nach dem Wahlabend nicht, garantiert!“ Das waren Ypsilantis Worte vor der Wahl gewesen. Als sie sich nach der Wahl doch von der Linken tolerieren lassen wollte, ließ sie nach heftigem Widerstand von ihrem Vorhaben ab und trat zurück. Quelle: dpa
2009: CDU und FDP wollten das Kindergeld auf 200 Euro erhöhen200 Euro Kindergeld versprach die FDP vor der Bundestagswahl 2009. Die Koalition mit der CDU einigte sich sogar auf diese Erhöhung – geschehen ist seit dem nichts: Der Kindergeld-Satz liegt derzeit bei 184 Euro für das erste und zweite Kind, sowie 190 Euro für das dritte Kind. Laut einem Bericht der Bild-Zeitung von November 2012 können Eltern immerhin auf eine Erhöhung von zwei Euro bis spätestens 2014 rechnen. Quelle: AP
2009: CDU will Eingangssteuersatz senkenZum Jahresbeginn2013 dürfen sich die Steuerzahler über eine Erleichterungen freuen. Der Grundfreibetrag steigt ab jetzt schrittweise bis 2014 von 8.004 auf 8.354 Euro. Der Eingangssteuersatz bleibt jedoch gleich. Dabei hatte die CDU im Wahlkampf 2009 versprochen, ihn in zwei Schritten von 14 auf zwölf Prozent zu senken. Quelle: dpa

Für nur noch etwa ein Viertel der Befragten, sagt Andrea Wolf von der Forschungsgruppe Wahlen, kommt nur eine Partei in Frage. In den vergangenen Jahren sei nicht nur die Wechselbereitschaft gestiegen, sondern die Entscheidung falle auch immer später, oft erst kurz vor dem Wahltermin. "Prinzipiell gilt: Der Wähler trifft seine Entscheidung endgültig erst in der Wahlkabine", sagt Richard Hilmer, Geschäftsführer von Infratest-Dimap. Die Folge ist, dass die Institute immer mehr und detailliertere Umfragen machen, die immer kurzlebigere, flatterhafte Stimmungsbilder zeigen, getrieben von Sympathiewerten für einzelne Spitzenpolitiker, moralischer Empörung nach persönlichen Skandalen oder anderen schnellen Aufregerthemen.

Dass Journalisten so scharf auf Umfragen sind, hat ganz einfache Gründe. Sie sind ein praktisches Instrument zum Infotainment des Publikums. Sie erfüllen einerseits den Zweck von Nachrichten, da sie als aktuelle Fakten erscheinen, sie sind seriös und quasi-wissenschaftlich, aber andererseits sind sie unterhaltsam, da sie das politische Geschehen als „Rennen“, im besten Fall „Kopf an Kopf“ (Rosenberger/Seeber) darstellbar machen. Das macht vielen Journalisten und Medienkonsumenten offenbar mehr Spaß, als sich mit komplexen Problemen, Institutionen und Prozessen auseinanderzusetzen.

Über politische Positionen und Vorhaben wird dementsprechend von Demoskopen und Journalisten oft ähnlich gesprochen wie über die Taktik einer Fußballmannschaft. Wenn die Wahl gewonnen wurde, war sie richtig, ging sie verloren war sie falsch – oder die Mannschaftsaufstellung stimmte eben nicht. Und dann ist der Spitzenkandidat angezählt wie ein erfolgloser Trainer.

Die Phrasen dieses demoskopisch fundierten Horse-Race-Journalism werden mittlerweile ohne Bedenken vom den Politikern selbst übernommen. Rainer Brüderle erklärt sich stolz zur „Sturmspitze“ und David McAllister sagte am Wahlabend noch in die Kamera, er sei sicher „dass wir am Ende bei diesem spannenden Rennen die Nase vorn haben werden.“ Da ist es nur konsequent, dass die Wahlpartys der Parteien von Fanpartys bei Fußball-Weltmeisterschaften kaum noch zu unterscheiden sind. 

Man kann das gerade als Journalist gut finden, weil es Parteipolitik „spannend“ macht. Womöglich hat der Anblick der Umfragen mit der FDP an der Fünf-Prozent-Hürde sogar manchen Freund des McAllister-Lagers motiviert, zur Wahl zu gehen, um dem „Rennen“ die entscheidende Wendung zu geben.

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Man kann sich aber durchaus auch Sorgen darum machen, wenn der Stellenwert der Demoskopie in der Demokratie überhand nimmt. Denn in der Umfragedemokratie, die den Parteienwettkampf zu einer Art Pferderennen uminterpretiert, wächst die Gefahr, dass politische Ziele zu rein taktischen Mitteln verkommen und der „Sieg“ zum einzigen Zweck wird. In einer lebendigen Demokratie sollte es eigentlich umgekehrt sein: Wahlsiege und die dadurch gewonnene Macht als Mittel, um politische Ziele durchsetzen zu können.

Demoskopie ist aus einer modernen politischen Kultur nicht mehr wegzudenken. Aber wenn die politischen Akteure glauben, dass eine aus Umfragen kondensierte öffentliche Meinung als Richtschnur des Handelns die politische Willensbildung ersetzen kann, dürfen sie sich über die Flatterhaftigkeit ebenjener Umfrageergebnisse nicht wundern.     

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