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Politisches Handeln Die verführerische Macht des Mitleids

Mitleid ist zu einem Hauptmotiv politischen Handelns geworden. Es wird Zeit, sich an Hannah Arendt und ihre Warnung vor der zerstörerischen Kraft der Tugend zu erinnern.

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Mitleid in Aktion: Der heilige Martin teilt seinen Mantel. Quelle: dpa Picture-Alliance

Wir leben in einem postideologischen Zeitalter, heißt es bisweilen. Es gehe in der Politik nur noch um wirtschaftliche Interessen und in der Gesellschaft allein ums schnöde Geld, dem alle zweckrational hinterherjagen. Das ist Unsinn. Mag sein, dass Ideologien out sind, aber große Gefühle sind mächtig wie eh und je. Vor allem eines: Das Mitleid.

Seine Macht zeigt sich zum Beispiel darin, dass die Bundesrepublik Deutschland Hunderttausende Menschen aufnimmt und versorgt, die um Asyl bitten, obwohl nicht nur sie selbst, sondern auch die Deutschen wissen, dass sie nicht politisch verfolgt sind, sondern arm. Das gilt pauschal für mindestens ein Drittel der Bewerber, nämlich die aus Bosnien, Albanien, dem Kosovo oder Serbien kommen. Länder, in denen es längst keinen Krieg und keine politische Verfolgung mehr gibt.

Und dennoch herrscht in Politik und Gesellschaft ein weitgehender Konsens, dass die armen Menschen, die zu uns kommen, unbedingt Hilfe verdient haben. Die Kommunen klagen über steigende Kosten für die Unterbringung. Doch kaum jemand fordert, die Leistungen auf das Niveau in anderen EU-Ländern zu senken. 

Vor über 20 Jahren, als die Asylbewerberzahlen ähnliche Ausmaße erreicht hatten wie heute, war das noch anders. Die damalige Bundesregierung reagierte einerseits entschieden gegen abscheuliche ausländerfeindliche Gewalttaten, verringerte aber andererseits durch verschärfte Gesetze die Anreize für politisch nicht verfolgte Asylbewerber und senkte dadurch die finanziellen Belastungen – im Interesse des deutschen Steuerzahlers.  

Die Geschichte der freien Marktwirtschaft
Metamorphose IIn der Frühphase des Kapitalismus werden aus Landarbeitern Handwerker: Webstuhl im 19. Jahrhundert in England. Quelle: imago / united archives international
Metamorphose IIMit der Industrialisierung werden aus Handwerkern Arbeiter: Produktion bei Krupp in Essen, 1914. Quelle: dpa
Metamorphose IIIIm Wissenskapitalismus werden Arbeiter zu Angestellten und Proletarier zu Konsumenten: Produktion von Solarzellen in Sachsen. Quelle: dpa
Ort der VerteilungsgerechtigkeitDen reibungslosen Tausch und die Abwesenheit von Betrug – das alles musste der Staat am Markt anfangs durchsetzen. Quelle: Gemeinfrei
Ort der KapitalkonzentrationDer Börsenticker rattert, die Märkte schnurren, solange der Staat ein wachsames Auge auf sie wirft Quelle: Library of Congress/ Thomas J. O'Halloran
Ort der WachstumsillusionWenn Staaten Banken kapitalisieren, sind das Banken, die Staaten kapitalisieren, um Banken zu kapitalisieren... Quelle: AP
Karl MarxFür ihn war der Unternehmer ein roher Kapitalist, ein Ausbeuter, der Arbeiter ihrer Freiheit beraubt. Quelle: dpa

Von diesem Interesse ist in der aktuellen asylpolitischen Debatte kaum mehr die Rede. Es scheint mittlerweile unschicklich zu sein, es zu vertreten, weil man dann als mitleidloser, böser Mensch dasteht. Auf dem Feld der Außenpolitik erleben wir ähnliches: Deutlich wurde die Macht des Mitleids zum Beispiel als 2010 der damalige Bundespräsident Horst Köhler in einem Interview auf dem Rückflug von Afghanistan dazu aufforderte, über den Einsatz der Bundeswehr für deutsche Interessen zu debattieren. Ein empörter Aufschrei aus Parteien und Medien folgte. Die Botschaft war klar: Deutsche Politik darf keinen anderen Zweck als die Linderung des Elends auf der Welt haben. Wenn es deutsche Interessen gibt, dann bestehen sie darin, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Mitleid ist de facto deutsche Staatsraison. Köhler hatte das offenbar nicht verstanden und schmiss das höchste Staatsamt beleidigt hin.

Ist das nicht ein großartiger zivilisatorischer Fortschritt? Ja. Vor allem verglichen mit Idealen und Gefühlen, die früher die politische Moral in Deutschland prägten.

Hat also endgültig das Gute gewonnen, wenn Regierungen, ja ganze Gesellschaften ihr Handeln nicht an kalten Interessen ausrichten, sondern an einem so menschlichen Gefühl wie dem Mitleid? Nein. Denn aus der Perspektive der Freiheit ist das Gute nicht mehr gut, wenn es absoluten Vorrang vor anderen Interessen beansprucht.

Was sollte an etwas so gutem und edlem wie dem Mitleid schon zu kritisieren sein?

Die Schwierigkeit, diese Frage anders als mit „nichts!“ zu beantworten, weist schon auf die Gefahr, die das Mitleid für ein freiheitlich-demokratisches Gemeinwesen bedeutet, wenn es darin zur dominierenden politischen Kraft geworden ist: Sein Anspruch auf absolute Geltung.

Gefühle machen blind. Jeder, der mal verliebt war, weiß das. Gefühle werden schnell zum Wahn, sie fordern totale Hingabe. Keine Kompromisse! Auch politische Leidenschaften, die vom Glauben an ihre eindeutige moralische Überlegenheit getragen werden, tun sich schwer mit dem Widerspruch von kühlen, rationalen Interessen.

Hannah Arendt und die Perversion des Mitleids

Ein freiheitlich-demokratisches Gemeinwesen zeichnet sich gerade dadurch aus, dass die Interessen aller seiner Bürger, reicher wie armer, einheimischer wie zugewanderter, als grundsätzlich legitim gelten. Wenn es aber fast unmöglich wird, bestimmte Interessen zu vertreten, weil man dadurch als mitleidloser, also böser Mensch dasteht, dann nimmt die freiheitliche Diskurs-Kultur Schaden.

Zusätzlich erschwert wird der Diskurs noch durch eine politischen Rhetorik, die Mitleid oft mit Solidarität verwechselt. Aber der Unterschied ist ein grundsätzlicher: Solidarität beruht auf gegenseitiger Verantwortung und Verpflichtung in einer Gemeinschaft von freien, gleichberechtigten Mitgliedern. Mitleid ist eine Einbahnstraße. Der Mitleidige steht automatisch über dem Bemitleideten. Solidarität wird demokratisch ausgehandelt, Mitleid wird paternalistisch gewährt. Solidarität ist seinem Wesen nach eine politische Institution. Mitleid ist eigentlich unpolitisch, wie alle Gefühle, eine Privatangelegenheit.

Was die Menschen vom Kapitalismus halten

Wie konnte dieses intime Gefühl derart politisiert, also zu einer öffentlichen Angelegenheit werden? Weil es sich verändert hat. Hannah Arendt, die große Wünschelrutengeherin der politischen Theorie, sah im öffentlich gewordenen Mitleid eine Perversion des ursprünglichen, menschlichen, christlichen Mit-Leidens, der Anteilnahme am Elend des anderen. Das Mitleid, so wie es heute nicht nur empfunden sondern auch öffentlich bekundet wird, ist nämlich durchaus kein Leid. Es ist nicht dasselbe Gefühl, wie das christliche Mitleiden, an dem niemand mehr litt als sein größter Kritiker: Friedrich Nietzsche, der in Turin einem gequälten Droschkengaul weinend um den Hals fiel.

Das Mitleiden, das den sensiblen Pfarrersohn Nietzsche quälte, ist immer an den unmittelbaren Anblick des konkreten Leids eines Einzelnen gebunden. Hirnforscher können diese Fähigkeit seit einigen Jahren sogar physiologisch verorten: in den so genannten Spiegel-Neuronen. Nervenzellen also, die beim Betrachten eines Vorgangs bei anderen das gleiche Aktivitätsmuster zeigen wie bei dessen Ausführung.

Mit diesem Mitleiden verbunden ist die Nächstenliebe, die Jesus fordert. Er predigt Güte und Liebe zum Nächsten, aber verlangt nicht, alle Leidenden in aller Welt zu lieben, und das Elend der Welt auszurotten.

Das forderte erst Rousseau. Sein Mitleid ist ein abstraktes Gefühl, das sich nicht auf konkrete Menschen, sondern auf unpersönliche Kollektive richtet: Die Armen, die Unterdrückten. Dahinter steht seine Überzeugung, dass das Eigentum die Menschen verdirbt, und dass also die Armen die moralisch besten Menschen seien. Und das Mitleid mit ihnen ist, wie Rousseau feststellt, „ein so wonniges Gefühl, dass es nicht wunder nimmt, wenn man es zu zeigen sucht.“

Hannah Arendt hat das rousseausche Mitleid als Perversion des Mitleidens entlarvt, weil es dem Mitleidigen kein Leid, sondern Befriedigung bereitet. Er versichert sich seiner moralischen Gutartigkeit, indem er Partei für die unverdorbenen Armen nimmt – aber ohne dem Elend persönlich nahe kommen zu müssen. Ohne selbst mit zu leiden. Das ist das Paradoxon des politischen Mitleids: Der Mitleidige hat ein heimliches Interesse daran, dass es menschliches Leid gibt und dass es weiterhin besteht.

Mitleid ja, aber konkret helfen sollen andere

Eine jüngere Umfrage des Alllensbach-Instituts belegt das rousseausche, abstrakte Mitleid der Deutschen: 66 Prozent behaupten, sich vorstellen zu können, Asylbewerber zu unterstützen. Aber nur fünf Prozent haben tatsächlich persönlichen Kontakt zu ihnen. Wovon fast die Hälfte nicht selbst, sondern nur durch die eigenen Kinder in Kontakt zu Asylbewerbern kommt. Nur ein Prozent der Deutschen hilft Asylbewerbern persönlich. Im Vergleich zu einer Umfrage von 1986 sind die Kontakte sogar weniger geworden.

Das heißt: Man stellt sich vor, zu helfen – aber das reicht dann auch fürs gute Gefühl. Vielleicht unterzeichnet man einen Aufruf „Rettet…!“ und spendet ein paar Euro. Aber zu nahe lässt man das Leid lieber nicht kommen. Sonst besteht schließlich die Gefahr, dass aus dem wonnigen Gefühl des abstrakten Mitleids mit allen Elenden dieser Welt das gar nicht so wonnige Mit-Leiden mit dem Nächsten, nämlich dem konkreten Menschen im Asylantenheim wird. 

Wie praktisch, dass es jemanden gibt, der dem Mitleidigen zu Hilfe kommt und ihm die lästige Aufgabe praktischer Hilfe abnimmt: der Staat und Nichtregierungsorganisationen, die das Mitleid zu einem professionellen, also unpersönlichen Geschäft gemacht haben, und darauf angewiesen sind, dass das Mitleid der Wähler und Spender nicht aufhört.

 

Als das große Mitleid zum großen Terror führte

Wohin die politische Herrschaft des verallgemeinerten Mitleids im äußersten Falle führen kann, zeigt die Erfahrung der französischen Revolution. Die Terrorherrschaft des „Wohlfahrtsauschusses“ übten Männer wie Robbespierre und Saint-Just aus, die sich auf Rousseaus Lehren beriefen und die „Tugend“, also die radikale Identifikation mit den Besitzlosen zum Staatszweck erhoben.

In ihrer Untersuchung „Über die Revolution“ zeigte Hannah Arendt 1963, dass dieses kompromisslose Mitleid mit den Elenden zu einem Freund-Feind-Denken führte, das die Gesellschaft in gute, mitleidige Menschen und böse Egoisten einteilt. Wobei die Elenden nach Ansicht Rousseaus und seiner Bewunderer im Pariser "Wohlfahrtsausschuss" per se unverdorbene, also gute Menschen waren.

Dieses Mitleid, gerade weil es die Güte schlechthin und der Inbegriff des Moralischen zu sein scheint, zeigt, je mächtiger es wird, eine umso größere Tendenz zur Abschottung gegen jeglichen Einwand. Die radikalsten Mitleidigen, die Jakobiner um Robbespierre, erklärten diejenigen, die in ihren Augen nicht mitleidig genug waren, zu „Feinden des Volkes“ und schickten sie zu Tausenden auf die Guillotine.  

Das Freund-Feind-Denken der Mitleidspolitik zeigt sich in sehr viel milderer Form auch heute. Es äußert sich in der Verwischung von Verantwortlichkeit und haltloser Kritik an denen, die man für mitleidlos und damit böse hält: Zum Beispiel in dem immer lauter werdenden Vorwurf von Politikern und politischen Aktivisten, das Grenzregime der EU-Staaten trage die Verantwortung für den Tod der zahlreichen ertrunkenen Flüchtlinge im Mittelmeer - und nicht etwa die Menschenschmuggler, die ihren Kunden Geld dafür abknüpfen, dass sie sie auf seeuntüchtige Boote packen. Wer nicht genug Mitleid mit den Elenden zeigt, soll also für das Elend oder gar den Tod der Elenden mitverantwortlich sein.

Das Mitleid, so Arendts höchst aktuelle Schlussfolgerung, wirkt auf solche Weise also zersetzend auf politische Ordnungen, weil es den emotionsfreien, weltlichen Raum zwischen den Menschen zerstört, in dem Politik in einer freien Gesellschaft stattfindet. Wer das Mitleid mit den Besitzlosen zum Kriterium guter Politik schlechthin erhebt, der bestreitet bald auch den Besitzenden ihr legitimes Recht zur Vertretung ihrer Interessen.  

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Ist das ein Plädoyer zur Ausmerzung des Mitleids? Nein, im Gegenteil. Das Mitleid ist eine der schönsten menschlichen Regungen. Die Fähigkeit, im leidenden Mitgeschöpf sich selbst zu erkennen, fremdes Leid zu beenden oder zumindest zu lindern, ist vielleicht, wie Schopenhauer glaubte, der einzige Ausweg aus der von Willen und Wahn konstruierten Leere unserer Existenz. Aber dieses Mitleiden ist etwas Privates, das in der Politik nicht gedeiht, sondern durch sie verkommt. Für tätiges Mitleid und Nächstenliebe bleibt in den kleinen Lebenskreisen ein unendlicher Raum des Menschenmöglichen.

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