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Präzisionsmedizin Wie Big Data das Leben von krebskranken Kindern verlängert

Die Kinderkrebsstation der Berliner Charité hat ein neues Projekt: Mithilfe der Digitalisierung soll das Leben zum Sterben verurteilter Kinder verlängert werden.

So wie die erste bildgebende Diagnostik die damalige Medizin revolutioniert hat, verändert die Molekularbiologie die Krebsbehandlung. Quelle: dpa

BerlinWer dem gut gelaunten Mann mit schwarzer Brille begegnet, würde nicht auf den Gedanken kommen, dass der Mittdreißigertagtäglich mit dem Leid und Tod von Kindern und Jugendlichen konfrontiert wird. Andrej Lissat ist Facharzt für Kinderheilkunde an der Pädiatrischen Klinik für Hämatologie und Onkologie an der Berliner Charité. Auf seiner Station landen die jungen Krebspatienten.

Die Heilungschancen sind bei Kindern besser als bei Erwachsenen. „Eigentlich sind die Erfolgsquoten bei der Krebstherapie in diesem Alter gut. 80 Prozent können wir heilen“, sagt Lissat. Bei dem restlichen Fünftel komme die Krankheit zurück, „die klassische Chemo hilft nicht mehr“, weiß Lissat.

Die letzte Möglichkeit: personalisierte oder individualisierte Verfahren, auch Präzisionsmedizin genannt. „Es geht schlicht darum, mit Hilfe der Digitalisierung die weltweit schon erprobten Therapieoptionen zu entdecken, die bei diesen Patienten noch etwas ausrichten können“, sagt Thomas Ballast, für Versorgungsfragen zuständiger Vize-Vorsitzender bei der Techniker Krankenkasse (TK).

Ballast hat sich sehr intensiv mit dem Thema beschäftigt, bevor seine Kasse sich im vergangenen Jahr entschloss, ein solches Projekt zu fördern. Im Januar stimmte der Ethikrat zu. Seitdem läuft das Projekt. Rechtstechnisch funktioniert das Ganze über einen Vertrag zur integrierten Versorgung. Verhandlungspartner ist außer der Charité die Heidelberger Firma Molecular Health.

Am Anfang jeder Therapie steht die molekulare Untersuchung des Tumors. „Dass es heute möglich ist, die DNA von Krebszellen zu entschlüsseln, ist ein Paradigmenwechsel von einem Ausmaß, das nur vergleichbar ist mit der Erfindung des Mikroskops im Jahr 1780,“ erklärt Friedrich von Bohlen, Geschäftsführer von Molecular Health. So wie die erste bildgebende Diagnostik, die die damalige Medizin revolutioniert hat, verändert die Molekularbiologie die Krebsbehandlung, so der Mediziner und Betriebswirt.

„Finden wir eine genetische Mutation in einem Tumor, die einen Ansatzpunkt für eine weitere Therapie bringen könnte, liefert uns Molecular Health für im Durchschnitt 50 Prozent der Fälle eine sinnvolle neue Behandlungsoption“, so Arzt Andrej Lissat. Das heißt aber auch, dass jedem zweiten Kind nicht geholfen werden kann. „Wir nutzen Big Data, um besser zu wissen, welche Droge hilft, welche nicht wirkt oder was sogar toxisch ist für den Patienten.“

Heilung bedeute aber auch das in den meisten Fällen nicht. „Es geht fast immer nur um Lebensverlängerung. Aber Verlängerung mit Lebensqualität“, erläutert Lissat. Kinder gehen wieder zur Schule und spielen Fußball. Es gehe um Monate, manchmal auch um Jahre, bis der Krebs sich wieder verändert und erneut zu wachsen beginnt.

Dabei ist es Lissats Aufgabe, die Optionen mit den Eltern zu besprechen. „Das bedeutet manchmal leider auch, dass ich Eltern mitteilen muss, dass der Allgemeinzustand ihres Kinder schon so schlecht ist, dass eine erneute Behandlung trotz allem keinen Sinn mehr hat.“

Und was kostet das Ganze? TK-Vize Thomas Ballast verweigert dazu die Auskunft. Es seien auf jeden Fall weniger als 10.000 Euro pro Patient, lässt sich Lissat nach langem Drängen entlocken. Am Ende könnte sich das Projekt aber sogar rechnen.

Alle zwei Jahre verdoppelt sich das Wissen über molekulare Medizin. Dieses immense Datenwachstum und immer leistungsfähigere Big-Data-Analysen erlauben immer präzisere Vorhersagen, welche Erfolge eine bestimmte Behandlung voraussichtlich haben wird.

Bereits 2015 haben die USA die Weiterentwicklung der Präzisionsmedizin zur „nationalen Aufgabe“ erklärt und entsprechende Förderprogramme aufgelegt. In Deutschland gibt es zwar vielversprechende Ansätze, die sich aber auf punktuelle regionale Initiativen von Wissenschaftsministerien und Unikliniken beschränken, wie das Projekt von Andrej Lissat.

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