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Praxisgebühr Gebühr muss nicht weg, sondern rauf!

Die FDP will die Praxisgebühr wieder abschaffen: Mit den zehn Euro sei keinem geholfen. Dann muss man sie eben erhöhen. Ein Plädoyer für mehr Marktwirtschaft und Eigenverantwortung im Gesundheitswesen.

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Am Sonntag will die Koalition über die Praxisgebühr und die Beitragssätze in der Krankenversicherung beraten. Quelle: dapd

Am Sonntag will die Koalition über die Praxisgebühr und die Beitragssätze in der Krankenversicherung beraten. Die FDP beharrt auf der Abschaffung der zehn Euro teuren Eintrittskarte beim Arzt, weil die nichts gebracht habe (außer Mehreinnahmen für die Kassen und Bürokratie für den Doktor). Und auch die Union, die lieber die Beiträge ermäßigen möchte, bestreitet nicht, dass die Praxisgebühr ihren Hauptzweck verfehlt habe: durch Eigenbeteiligung die Zahl der Arztbesuche zu reduzieren. Und in der Tat sind die Fallzahlen nach einer kleinen Delle kurz nach der Einführung des Obolus bald wieder auf das alte Niveau zurückgesprungen.

Aber woran liegt das? Hängt das Scheitern nur an vermeintlich verquerer Ideologie; reagiert der Patient nicht auf ökonomische Anreize?

Mitnichten. Die Grundidee der Selbstbeteiligung ist aus drei Gründen richtig: Wird für den Arztbesuch ein fühlbarer Preis fällig, wird der Kunde zum einen daran erinnert, dass medizinische Behandlung kostet. Zweitens kommt mit diesen steigenden Ausgaben auch ein zusätzlicher Beitrag in die Kasse. Vor allem aber prüft sich der potentielle Patient genau, ob der Gang zum Doktor wirklich nötig ist. Denn das ist ja das Hauptziel der Selbstbeteiligung: Die Kunden sollen überlegen, ob sie beispielsweise für einen läppischen Schnupfen wirklich in die Praxis laufen wollen – oder sich lieber auf eigene Kosten einen heißen Tee kochen und ein paar Päckchen Taschentücher kaufen.

Das geben Krankenkassen zurück
Es ist ein Achtungserfolg für Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP): Als erste der großen Krankenversicherungen gibt die Techniker-Krankenkasse seinem Drängen nach und zahlt bis zu 720 Millionen Euro an ihre Versicherten zurück. Die anderen Kassen mauern - noch... Quelle: dapd
Der neue Vorstandschef der Techniker Krankenkasse (TK), Jens Baas, sagte den sechs Millionen Mitgliedern jeweils zwischen 60 und 120 Euro an Rückzahlungen zu. Bislang waren allenfalls kleinere Kassen mit insgesamt einer Million Mitgliedern dem Aufruf von Bahr gefolgt. Die anderen verschränkten die Arme über dem Bauch. Auch gestern blieben viele Kassen bei ihrer negativen Haltung gegenüber Rückzahlungen... Quelle: dpa
DAK: Kein Zusatzbeitrag mehrDie Deutsche Angestelltenkrankenkasse kommt aus einem tiefen Tal. Als eine der ersten Kassen musste die DAK vor über zwei Jahren einen Zusatzbeitrag fordern. "Bei uns redet niemand über Prämien an unsere Versicherten. Wir haben unsere Prämie längst gezahlt, indem wir zum ersten April 2012 diesen Zusatzbeitrag von acht Euro wieder abgeschafft haben", kommentiert denn auch ein Sprecher die Ankündigung der Techniker Krankenkasse. Quelle: dpa
DAK: Kein Zusatzbeitrag mehrTatsächlich war das ein großer Erfolg für die Kasse, die wegen des Zusatzbeitrags mehrere Hunderttausend Mitglieder verloren hat. Viele Experten hatten Zweifel, ob die DAK das laufende Jahr ohne neue rote Zahlen überstehen würde. Diese Befürchtung hat sich nicht bestätigt. Nach einem Plus von 344 Millionen Euro 2011 schloss sie auch das erste Halbjahr 2012 mit einem Plus von mehr als 100 Millionen Euro ab. Ihre Rücklagen liegen damit jedoch weiter weit unter der Grenze, ab der das Sozialgesetzbuch eine Prämienausschüttung erlaubt. Quelle: dpa
Barmer GEK: kein Geld für PrämienDie Barmer GEK gehört wie die Deutsche Angestellten-Krankenkasse (DAK) zu den großen Kassen, die sich umfangreiche Filialnetze und eine intensive Betreuung ihrer Versicherten leisten. Dies ist neben Verzerrungen im Finanzausgleich zwischen den Krankenkassen ein Grund, warum die Barmer trotz des Geldregens, der seit fast zwei Jahren über das Gesundheitssystem niedergeht, keine soliden Rückladen bilden kann Quelle: dpa
Barmer GEK: kein Geld für PrämienDie Kasse ist grundsätzlich wenig geneigt, ihren Versicherten Boni zu zahlen. Dabei gehe es am Ende nur um wenige Euro, die der einzelne Versicherte kaum spüren würde, sagte Barmer-Sprecher Athanasios Drougias. "Das ist weniger als die Zwiebeln auf einem Döner." Der Barmer sei ein attraktives Leistungsportfolio wichtiger. Quelle: dpa
KKH-Allianz: Finanzausgleich funktioniert nichtNach einem Einnahmeüberschuss von 140 Millionen Euro 2011 war es schon mutig von der KKH Allianz, ihren zwei Jahre lang geforderten Zusatzbeitrag von acht Euro zum 1. März aufzuheben. Zwar liegen die Reserven der ehemaligen Kaufmännischen Krankenkasse Halle deutlich über der gesetzlichen Mindestreserve von einer viertel Monatsausgabe. Aber für Prämien langt das Geld nicht. Quelle: dpa

Funktioniert hat die Praxisgebühr in Deutschland nicht, weil die Anreize falsch gesetzt waren, sprich: weil der Preis zu niedrig ist. Denn die bisherige Konstruktion unterlag genau der psychologisch-ökonomischen Falle des Versicherungsprinzips: Wenn ich gezahlt habe, will ich auch etwas davon haben.

Bisher zahlt jeder Patient seine zehn Euro, wenn er erstmals im Quartal ins Wartezimmer tritt. Alle weiteren Besuche der Sprechstunde sind frei, für die Gemeinschaft der Versicherten aber nicht kostenlos. In diesem System liegt es deshalb nahe, auch beim ersten Niesen ruhig zum Arzt zu rennen – in den weiteren Wochen des Quartals wird schon noch irgendetwas passieren, was einen wieder in die Sprechstunde treibt. Aber ein höherer Pauschalbetrag allein würde auch nicht viel besser steuern. Die erste Hürde wäre zwar höher, danach aber ginge es munter weiter wie bisher. Im Gegenteil: Wer wegen eines verdrehten Knies den Arztbesuch nun wirklich nicht vermeiden konnte und eine deutlich höhere Quartalsgebühr zahlen musste, wird nun erst recht darauf erpicht sein, kein Rezept und keine Krankschreibung auszulassen – er hat ja den Doktor schon für das ganze Quartal bezahlt.

Ingenieure hätten nicht so schnell aufgegeben

Streichpotenzial der Krankenkassen
Karten von Krankenversicherungen Quelle: AP
Ein Mund Quelle: Robert Kneschke - Fotolia.com
Bonusheft Quelle: dpa
Gymnastik Quelle: Robert Kneschke - Fotolia.com
Akupunktur Quelle: gms
Eine Impfdosis des Mittels Pandemrix gegen Schweinegrippe Quelle: dpa
Geschientes Bein Quelle: Peter Atkins - Fotolia.com

Es führt deshalb kein Weg daran vorbei, die Praxisgebühr für jeden einzelnen Arztbesuch neu zu erheben. Nur dann ist der Bürger in jedem Fall wieder vor die Entscheidung gestellt, ob er tatsächlich in ambulante Behandlung muss. Dann geht es nicht mehr nur auf Kosten der Gemeinschaft, sondern zumindest zu einem kleinen Teil auch auf eigene Rechnung. So könnte es gelingen, dass die notwendigen Arztbesuche bleiben, die Lappalien aber jeder allein auskuriert.

Wäre das unsozial? Wohl kaum, wie der Blick in andere Länder zeigt. In Frankreich ist schon seit 1945 der Besuch beim niedergelassenen Arzt gebührenpflichtig. 20 bis 30 Euro sind jeweils fällig, allerdings erstattet die staatliche Sozialversicherung später drei Viertel des Betrages. Schweden, bekannter Weise auch kein Hort des kalten Kapitalismus, verlangt für jeden Besuch in der Sprechstunde einen Betrag zwischen 15 und 25 Euro, je nach Region. Maximal kann die Belastung 100 Euro erreichen, danach gibt es eine Art Freikarte für weitere Behandlungen. Ein junger Schwede geht ganz selten zum Arzt, ein alter Schwede öfter, aber im Schnitt sind es nur 2,8 Besuche pro Jahr. Das Mittel der OECD-Länder liegt, ebenso wie Frankreich, zwischen sechs und sieben; die Deutschen dagegen sehen die Helfer in Weiß durchschnittlich 17 Mal im Jahr.

Angst vor dem Wähler

Diese enorme Differenz sollte doch eigentlich ausreichen, nach weiteren Wegen zu suchen, um den Drang in die Praxis einzudämmen. Selbstverständlich müsste es Härtefallregeln für Menschen mit chronischen Erkrankungen geben oder für Unfallopfer, die immer wieder zum Verbandswechsel antreten müssen. Aber so weit denkt die schwarz-gelbe Koalition gar nicht erst. Sie will an kräftigere  Anreize partout nicht ran – aus Angst vor dem Wähler. Schließlich hatte es auch rund um die Einführung der Praxisgebühr im Jahr 2004 heftige Proteste gegeben, damals gegen Ulla Schmidt (SPD) und das rot-grüne Bündnis.

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Die erfinderischen deutschen Ingenieure hätten nicht so schnell aufgegeben wie die schwarz-gelbe Bundesregierung, die von angeblich marktwirtschaftlichen Parteien getragen wird. Ein schwäbischer Tüftler, der sich an einem selbstfahrenden Motorvehikel versucht, hätte nicht nach dem ersten Fehlschlag ambitionslos aufgegeben und wäre wieder aufs alte Fahrrad gestiegen. Er hätte seine Pläne verfeinert, die Mängel beseitigt und den innovativen Weg fortgesetzt. 

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