Pressestimmen zur Groko Erleichterung über Merkels „leidenschaftslose Zweckehe“

Nach den langen Groko-Verhandlungen überwiegt in der internationalen Presse Erleichterung über die Einigung - aber wenig Begeisterung.

Für viele Medien macht Angela Merkel nach den langen Koalitionsverhandlungen einen abgekämpften Eindruck. Quelle: Reuters

Die Weltpresse hat die Verhandlungen zwischen Union und SPD mitverfolgt - und das Ergebnis mit gezügelter Begeisterung kommentiert. Vor allem Merkels Einfluss sehen einige Medien im Schrumpfen begriffen. Die nun erzielte Koalitionsvereinbarung sei „die am wenigsten schlechte Lösung“.

  • „BBC“: Zweckehe als Kompromiss

„Die Koalitionsvereinbarung ist eine Zweckehe. Nicht eine aus Liebe. Und schon gar nicht aus Leidenschaft. Es ist die am wenigsten schlechte Lösung, weil keine der beiden Seiten die Alternativen favorisiert: Eine Minderheitsregierung wird als instabil angesehen; Neuwahlen würden zu Monaten der Unsicherheit führen und könnten die Pläne des französischen Präsidenten Emmanuel Macron zur Reform der Eurozone zunichtemachen.

Das Ergebnis ist also keine große Vision für ein neues Deutschland, sondern eine Liste pragmatischer Kompromisse. (...) Ein Kompromiss zwischen zwei so unterschiedlichen Parteien ist gut, da jeder etwas darin finden kann. Die Gefahr ist aber, dass man es beim Versuch allen zu gefallen, am Ende niemandem Recht macht.“

  • „Bloomberg News“: Erfahrene Machtvermittlerin

„Vorhersagen über Merkels baldiges Abdanken könnten jedoch übertrieben sein. Ja, sie musste einige wichtige Ministerien aufgeben. Sie ist aber eine erfahrene Machtvermittlerin, die weiß, wann sie nachgeben und wann sie standhaft bleiben muss.“

  • „The Guardian“: Erleichterung statt Euphorie

„Die Wiederherstellung von etwas, das in Berlin als "Business as usual" gilt, ist Anlass für vorübergehende Erleichterung, aber nicht zur Euphorie. Die SPD-Mitglieder können den Deal ablehnen. Und: Die Zusammenarbeit mit Frau Merkel hat die deutsche Mitte-Links-Partei ihrer Dynamik und Identität beraubt. Herr Schulz wurde bei der Wahl wegen des Fehlens einer eindeutigen Botschaft verspottet und tritt nun als Parteiführer ab.“

  • „Indian Times“: Vom Helden zum Verlierer

„Knapp ein Jahr, nachdem er versprochen hatte, Deutschlands älteste Partei wiederzubeleben, erklärte Martin Schulz nun, er werde als Vorsitzender der Sozialdemokraten zurücktreten - geschwächt durch ein Wahldebakel und ein paar Kehrtwenden zu viel. Stunden nach dem hart umkämpften Koalitionspakt sagte Schulz, dass er nicht der richtige Mann sei, um den "Erneuerungsprozess" seiner Partei anzuführen. Ein Fall vom Helden zum Verlierer.“

  • „New York Times“: Neuer Deal, alte Partner - hohen Kosten

„Es war kennzeichnend, dass Frau Merkel, die seit 12 Jahren an der Macht ist, eher müde als jubelnd wirkte. Der neue Deal mit den alten Koalitionspartnern ist genau die Regierung, gegen die die Deutschen im September gestimmt hatten. Er hinterlässt die rechtsextreme Alternative für Deutschland als führende Oppositionspartei des Landes. Und er kommt Frau Merkel, die unglaublich schrumpfende Kanzlerin, teuer zu stehen - sie musste wichtige Ministerien abgeben .

  • „Neue Züricher Zeitung“: Es dominiert die Müdigkeit

„Merkel betonte an der Pressekonferenz die Bemühung, überall die Balance zu halten: zwischen Sozialpolitik und Wirtschaftspolitik, Humanität und Steuerung in der Migrationspolitik. Es sei ein langer Weg gewesen, der zum Vertrag geführt habe. Es habe sich aber gelohnt, meinte sie. "Schwung und Dynamik", die sich Merkel für Deutschland verspricht, standen in krassem Kontrast zu ihrem Vortrag. Gelegentlich schien sie fast einzunicken. Den europäischen Aufbruch zu verkünden, überließ sie Schulz.

  • „Washington Post“: Das Ende ihrer Ära

„Merkel geht aus den letzten Koalitionsverhandlungen als drastisch geschrumpfte Figur hervor. Sie wurde von ihren Verhandlungspartnern der Mitte-Links-Partei (SPD) gezwungen, einen extrem hohen Preis zu bezahlen. In den Reihen ihrer eigenen Christdemokraten (CDU) wird man das so schnell nicht vergessen. Vorbei sind die Zeiten, in denen Merkel die deutsche Politiklandschaft so gestalten konnte, wie sie wollte. Auch wenn sie ihren Platz als Kanzlerin behält - das Ende ihrer Ära ist schon in Sicht.“

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