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Private Schulden Wie gefährlich ist Konsum auf Pump?

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Dieter Steinbauer Quelle: Christof Mattes für WirtschaftsWoche

In den Vereinigten Staaten von Amerika und anderen Ländern legen die Bürger deutlich weniger Geld auf die hohe Kante. Wie erklären sich die internationalen Unterschiede im Spar- und Konsumverhalten?

Piorkowsky: Ein Vergleich der Sparquoten ist wegen der unterschiedlichen Berechnungsmethoden schwierig. Nehmen Sie als Beispiel die Selbstständigen. Da fällt es schwer, zu entscheiden, welche Ausgaben als Konsum und welche als Investition zu werten sind. Darüber hinaus bekommen die Bürger in den USA und in Großbritannien leichter Kredite als die Deutschen. Das fördert die Bereitschaft, auf Pump zu konsumieren. Auch die Ausgestaltung der sozialen Sicherungssysteme hat Einfluss auf Konsum und Ersparnis. Die Deutschen wissen um die ungünstige demografische Entwicklung und legen deshalb zusätzliche Mittel fürs Alter zurück.

Steinbauer: Wenn wir die Unterschiede im Konsum- und Sparverhalten verstehen wollen, müssen wir uns die einzelnen Haushalte anschauen. So haben die Familienstrukturen erheblichen Einfluss auf das Sparverhalten. Mitglieder einer Großfamilie auf dem Land haben ein anderes Sparverhalten als Alleinlebende in der Stadt. Zudem spielen kulturelle Faktoren sowie die persönliche Mentalität eine Rolle, ob jemand bereit ist, auf Kredit zu kaufen, oder ob er erst einmal spart und dann später mit dem angesparten Geld seinen Konsum finanziert.

Konsumentenkredite

Stark: Für viele Menschen mit niedrigem Einkommen stellt sich die Frage doch gar nicht. Die können nichts auf die hohe Kante legen. Wenn deren Waschmaschine defekt ist, dann brauchen sie für eine neue einen Kredit. Für diese Menschen ist Verschuldung nicht der Ausdruck einer freien Entscheidung, sondern schlichte Überlebensstrategie.

Schmidt: Ein nicht zu unterschätzender Bestimmungsfaktor für die Verschuldung ist das Zinsniveau. Die Zentralbanken haben nach dem Platzen der New-Economy-Blase Anfang des Jahrzehnts die Leitzinsen drastisch gesenkt. Das hat die Anreize zur Aufnahme neuer Kredite erhöht. In Ländern wie Spanien oder Irland, wo es für Bauherren üblich ist, sich kurzfristig zu variablen Zinsen zu verschulden, entstand eine regelrechte Kreditblase.  Erhöhen die Zentralbanken die Zinsen wieder, schlägt das voll auf die monatliche Belastung der Verbraucher durch. In Deutschland haben wir damit weniger Probleme, weil hierzulande bei der Hausfinanzierung langfristige Festzinsvereinbarungen dominieren. Aber irgendwann müssen auch diese Kredite refinanziert werden.

Heißt das, die Niedrigzinspolitik der Zentralbanken ist mit verantwortlich für die Überschuldung?

Schmidt: Die niedrigen Zinsen und die überschüssige Liquidität  haben Banken veranlasst, immer mehr Kredite zu vergeben, und die privaten Haushalte und Unternehmen animiert, immer mehr Schulden zu machen. Vor allem in Spanien, Irland, Luxemburg, Frankreich, Großbritannien und Italien, wo jedermann erwartete, dass die Häuserpreisen immer weiter steigen werden.

Und wenn die Konjunktur dann nach unten dreht, kommt es zur Pleitenwelle.

Schmidt: Richtig. Internationale Vergleiche zeigen, dass die Überschuldung privater Haushalte in erheblichem Maß ein konjunkturelles Phänomen ist. Prinzipiell liegt das Kreditausfallrisiko bei Privatkundenkrediten inklusive Wohnungsbaudarlehen nur bei zwei bis zweieinhalb Prozent. Diese Quote kann sich aber schnell erhöhen, wenn sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verschlechtern. Schauen Sie in die USA: Dort liegt der Anteil notleidender Subprime-Kredite  inzwischen bei 25 Prozent, in anderen Hypothekenbereichen bei sieben bis zehn Prozent und bei Kreditkarten bei immerhin sechs Prozent...

Piorkowsky: ...wodurch ein Teufelskreislauf entsteht. Wer überschuldet ist, kauft weniger Güter – und das bremst die Konjunktur.

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Konsum auf Pump ist volkswirtschaftlich also schlecht?

Piorkowsky: Das kommt darauf an, was Sie unter Konsum verstehen. Wenn Sie ein Auto kaufen, weil Sie sonst Ihren Arbeitsplatz nicht erreichen können, zählt das statistisch zwar als Konsum, tatsächlich ist das aber eher eine Investition in Karriere und Einkommen. Auch Hochschulgebühren zählen in der Statistik zum Konsum – sind aber eine Investition in Humankapital.

Stark:  Gerade bei den Bildungskrediten fürchte ich, dass demnächst eine Lawine auf uns zu rollt. Was passiert, wenn die jungen Leute nach Studium oder Lehre keinen Job bekommen? Für solche Fälle müssen die Banken spezielle Krisenmechanismen entwickeln. Es ist beklemmend, zu erleben, wenn ausgerechnet junge Leute in die Schuldenfalle rutschen.

Schmidt: Bei Bildungskrediten verhält es sich ähnlich wie bei Immobilienkrediten. Wo Hauskäufer auf steigende Häuserpreise setzen, hoffen Studenten auf höhere zukünftige Einkommen durch einen entsprechend hochrangigen Hochschulabschluss. Wenn das nicht klappt, wird es eng.

Die meisten kaufen sich aber eher eine Schrankwand oder eine Urlaubsreise auf Pump.

Stark: Gerade Menschen, die aufgrund mangelnder Bildung die Gefahren gar nicht abschätzen können, nutzen häufig Konsumentenkredite. Klar, wir können den Unternehmen nicht die Verkaufsförderung verbieten. Umso wichtiger ist die Prophylaxe: Wir müssen den Menschen neben Schreiben, Lesen und Rechnen auch Finanzkompetenz vermitteln.

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