Ralf Kleindiek: Familien-Staatssekretär wechselt zu Boston Consulting
Ralf Kleindiek
Foto: imago imagesIn diesen Tagen verabschieden sich nicht nur Minister, sondern auch beamtete Staatssekretäre, die das Regierungshandeln geprägt haben. Etwa Rainer Baake, Energieexperte mit grünem Parteibuch, der unter dem früheren SPD-Chef Sigmar Gabriel und dessen Nachfolgerin Brigitte Zypries arbeitete, jetzt aber keine großkoalitionäre Politik mehr mitgestalten wollte.
Oder Katrin Suder, ehemalige McKinsey-Beraterin, die vier Jahre lang für Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen für die Beschaffungspolitik der Bundeswehr managte. Ralf Kleindiek, bisher Staatssekretär im Bundesfamilienministerium, startet am Montag bereits in einem neuen Job: Er wird Senior Advisor bei der Boston Consulting Group (BCG) und will sich dort vor allem um die Themen Digitalisierung, Verwaltungsmodernisierung und Diversity Management kümmern.
Kleindiek wurde bekannt, als das Land Hamburg 2015 die Bundesregierung wegen der Einführung eines Betreuungsgeldes für Kleinkinder verklagte. Kleindiek war zuvor Staatssekretär unter der damaligen Hamburger Justizsenatorin Jana Schiedek und hatte die Klage vorbereitet, musste während des Verfahrens dann aber die Position der Bundesregierung vertreten. Als Diversity Manager, heißt es im Familienministerium, qualifiziere ihn, dass er für vier Chefinnen gearbeitet habe, er sei ein „Ministerinnenmacher“. Wegen seiner Durchsetzungsfähigkeit wird Kleindiek mitunter auch „Kleinkrieg“ genannt.
Am Mittwoch wurde Angela Merkel zum vierten Mal als Bundeskanzlerin vereidigt. Kurz darauf wurden auch die Minister ihres neuen Kabinetts offiziell ernannt. Damit werden aus einigen Mitgliedern der alten GroKo – seit der Bundestagswahl nur noch kommissarisch im Amt – einfache Abgeordnete, zwei sind sogar bereits aus dem Bundestag ausgeschieden. Was könnte aus ihnen sonst noch werden?
Foto: dpaDer Frankfurter Personalberater und Headhunter Heiner Fischer hat sich für die WirtschaftsWoche die Lebensläufe der Politiker angesehen. Was er daraus abliest, ist allerdings eher hypothetisch zu verstehen: „Die meisten dieser Ex-Ministerinnen und -Minister sind bereits im Rentenalter. Viele der Positionen, für die sie geeignet wären – etwa als Bundesrichter oder Dekane von Universitäten – kommen deshalb für sie nicht mehr infrage.“
Foto: imago imagesMit Sigmar Gabriel (Außenminister a. D.) geht ein Hochkaräter der bisherigen Regierung. Gabriel ist von der neuen SPD-Führung nicht berücksichtigt worden und verlässt das Auswärtige Amt nicht gerne. Was kann aus einem Mann, der Ministerpräsident war, mehrere Jahre lang SPD-Chef, Vizekanzler sowie Wirtschafts- und Außenminister noch werden? Mit dem Abgang bleibt dem studierten Lehrer (zweites Staatsexamen und Referendariat) vorerst nur sein Bundestagsmandat für den Wahlkreis Goslar. Bei dem 58-Jährigen sieht Headhunter Fischer gewisse Parallelen zu Gerhard Schröder – mit dem Unterschied, dass dieser mit seiner siebenjährigen Kanzlerschaft seine politische Karriere vollendet hatte, als er abtrat. "Gabriel galt lange als wankelmütig und unberechenbar", sagt Fischer. "Er hat aber als Außenminister an Statur gewonnen."
Foto: dpaGabriel sei ein sehr guter Redner und beherrsche auch die „Sprache des kleinen Mannes“. In der Wirtschaft kann er sich Gabriel als Vermittler oder Schlichter vorstellen. Dabei könnten ihm auch die Kontakte aus seiner Zeit als Umweltminister in der ersten Großen Koalition von Merkel (2005 bis 2009) nützen. Wenn zum Beispiel in verfahrenen Situationen ein Schlichter gebraucht wird, könnte Gabriel ein gefragter Mann sein“, meint Heiner Fischer.
Foto: dpaThomas de Maizière (Innenminister a. D.) gehört neben Gabriel zu den Verlierern der Koalitionsverhandlungen. Er wird nicht weiter als Bundesinnenminister arbeiten können, weil die Position nun bei der CSU liegt und vom Parteichef Horst Seehofer ausgefüllt wird. Für de Maizière war in der neuen GroKo kein Platz mehr.
Foto: AP„Er hat eine ganz klare Verbindung zum Thema Rüstung und Verteidigung. Da würde ich ihn sehen. Aber auch als Chef einer Organisation wie zum Beispiel dem THW, wo Erfahrungen im Krisenmanagement gefordert sind, könnte ich ihn mir gut vorstellen Schließlich war einer seiner Vorgänger als Innenminister, Rudolph Seiters, 14 Jahre lang Chef des Deutschen Roten Kreuzes“, sagt Fischer.“ Wobei der gewählte Abgeordnete aus dem sächsischen Wahlkreis Meissen nicht als extrem führungsstark gilt, sondern eher als fleißiger und treuer „Soldat“. Vor allem sein zögerliches Handeln in der Flüchtlingskrise 2015 hat ihm Kritik eingebracht.
Foto: dpaBarbara Hendricks (Umweltministerin a. D.) ist außer ihrer Berufung als Bundesumweltministerin in der zweiten GroKo (2013 bis 2017) in Erinnerung geblieben als Schatzmeisterin der SPD über sechs Jahre. Die Vita der 65-Jährigen, die ihre sechste Legislaturperiode als Bundestagsabgeordnete erlebt, legt eine Folgeverwendung in einer Stiftung oder einer NGO nahe. „Schatzmeister ist im Prinzip das gleiche wie ein CFO. Wer das so lange gemacht hat, muss etwas können“, urteilt Personalexperte Fischer.
Foto: REUTERSEr sieht sie zum Beispiel bei den Vereinten Nationen oder einer größeren NGO. „Sie hat Statur. Sie könnte ohne weiteres eine leitende Position ausfüllen.“ Ob Hendricks dazu Lust hat, steht auf einem anderen Blatt – schließlich könnte sie nach der Legislatur mit 69 Jahren auch einfach in den Ruhestand gehen.
Foto: dpaBrigitte Zypries (Justizministerin a. D.) ist mit der Bundestagswahl 2017 aus dem Bundestag ausgeschieden.
Foto: APDie profilierte Juristin – sie war von 2002 bis 2009 Bundesjustizministerin – kann sich der Headhunter sowohl als Seniorpartnerin in einer großen Kanzlei vorstellen, als auch als Präsidentin einer Stiftung, einer Menschenrechtsorganisation oder bei einer NGO.
Foto: APHermann Gröhe (Gesundheitsminister a. D.) könnte mit seiner Ausbildung ohne weiteres wieder als Rechtsanwalt arbeiten. Als früherer Gesundheitsminister und CDU-Generalsekretär bringt er Qualifikationen mit, die für Krankenkassen oder die Pharmaindustrie interessant wären. „Dort könnte er seine Kontakte ausspielen, die sind für solche Unternehmen natürlich Gold wert.“
Foto: dpaDer 57-jährige CDU-Direktkandidat aus Neuss gefällt dem Personalexperten insgesamt gut. „Er hat zum Beispiel die schwarz-grüne ‚Pizza-Connection‘ mitgegründet, er schaut über den Tellerrand.“ Auch bei Verbänden und Stiftungen im Bereich Gesundheit wäre Gröhe ein gerngesehener Mitarbeiter, vermutet Fischer.
Foto: APJohanna Wanka (Bildungsministerin a. D.) hat mit fast 67 Jahren schon die Altersgrenze überschritten, um als Beamtin in eine Lehrfunktion zu gehen – die Qualifikation dazu hätte die studierte Mathematikerin aus Torgau. Auch sie ist im September aus dem Bundestag ausgeschieden.
Foto: imago imagesWollte Wanka noch eine neue Position erreichen, könnte sie wohl in einer Bildungsinstitution eine Rolle spielen. „Mit ihrer Erfahrung ist sie bestens qualifiziert für eine Position in einer Spitzenorganisation für Bildung oder Wissenschaft, beim Goethe-Institut und ähnlichem.“
Foto: dpaChristian Schmidt (Landwirtschaftsminister a. D.) bleibt Bundestagsabgeordneter der CSU. Der Franke hat ein vielseitiges Profil, findet Headhunter Heiner Fischer. „Bei ihm wäre einiges vorstellbar. Er könnte in einem Landwirtschaftsverband tätig werden. Er ist in mehreren Parlamentariergruppen aktiv gewesen, immer im Kontext Osteuropa: Kroatien, Baltikum, Tschechien. Er könnte zum Beispiel Unternehmen beraten, die in diesen Ländern aktiv werden wollen.“ Nicht im Kontext Wirtschaft, aber denkbar wäre ein Engagement bei der Evangelischen Kirche.
Foto: REUTERSAnsonsten bringt Schmidt, der im vergangenen Jahr mit Barbara Hendricks aneinandergeriet, weil er in Brüssel für die Genehmigung des umstrittenen Pflanzenschutzmittels Glyphosat stimmen ließ, Voraussetzungen für Jobs in Agrochemieunternehmen wie Bayer/Monsanto mit. „Auch als Lobbyist im Bereich Agrochemie wäre er ein Kandidat.“
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