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Rechtsextremismus Tiefbrauner Osten

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AfD-Politiker als „völkischer Siedler“


Details zu den „völkischen Siedlern“ hat die Rechtsextremismus-Expertin Andrea Röpke  recherchiert. Ihr Fazit: Nirgends in Deutschland siedeln sich so viele Neonazis wie in Mecklenburg-Vorpommern an. Das Klischee vom Skinhead mit Springerstiefel passe dabei zunehmend nicht mehr, schreibt die Autorin in ihrem im Jahr 2015 erschienenen Buch „Gefährlich verankert“, das sie im Auftrag der Schweriner SPD-Landtagsfraktion geschrieben hat. „Organisierte Menschen mit rassistischem Weltbild tarnen sich durch Normalität innerhalb einer Gesellschaft voller Alltagsressentiments.“

Dazu zählt Röpke Mitglieder der Arier-Sekte „Artgemeinschaft“, die Bewegung der „Neo-Artamanen“, NPD-Anhänger aus den Ballungsgebieten oder auch völkische Rechte, die die eigene Scholle bewirtschaften wollten.

NPD-Politiker trügen heute gut sitzende Anzüge, viele rechte Frauen moderne Piercings oder traditionelle Zopffrisuren. Ihre Kinder besuchten Waldorf-Kindergärten, die Eltern kauften Biolebensmittel. Die Organisationsstrukturen befänden sich im Wandel von Parteien über Kameradschaftszusammenhänge bis hin zu Bruderschaften, so Röpke. Moderne Neonazis fänden sich auch zunehmend im Rocker- und Rotlichtmilieu wieder.

Röpkes Recherchen decken sich teilweise mit den Erkenntnissen der Bundesregierung. Wie das Innenministerium nennt auch sie den Raum Güstrow als ein Zentrum rechtsextremer Siedler. Bereits 2007 sei man in der Gegend von über einem Dutzend „nationaler Familien“ mit etwa 60 Kindern ausgegangen, konstatiert die Expertin.

Rechtsextreme Aktivitäten

Für Schlagzeilen sorgte 2010 der damalige Bürgermeister des Ortes Lalendorf bei Güstrow, Reinhard Knaack, der sich weigerte, einer mutmaßlich rechtsradikalen Familie die Patenschaftsurkunde des Bundespräsidenten für ihr siebtes Kind zu überreichen. Ansiedlungen von Anhängern der rassistischen „Artgemeinschaft“ gibt es Röpke zufolge auch bei Ludwigslust, Bad Doberan, Grevesmühlen und in der Region Ostvorpommern.

Die Gesichter der AfD

Im Zusammenhang mit dem Rechtsextremismus-Problem in Ostdeutschland treten auch immer wieder AfD-Politiker in Erscheinung. Im Landtagswahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern richtete sich der Fokus etwa auf den AfD-Direktkandidaten Jens-Holger Schneider.

Im Jahr 2007 war Schneider nach einer Teilnahme an einer NPD-Demonstration aus der CDU ausgetreten. Laut Recherchen von NDR und „Süddeutscher Zeitung“ (SZ) wurde er damals in einer Truppe „mit dem berüchtigtsten Neonazi Mecklenburgs“, Sven Krüger, gesichtet. Krüger sei zentrale Figur des Neonazi-Dorfes Jamel. AfD-Mann Schneider, hießt es in dem Bericht weiter, kenne Krüger gut - und auch den NPD-Funktionär Andreas Theißen. Bei einer NPD-gesteuerten Demonstration sei der AfD-Mann 2015 sogar als Ordner im Einsatz gewesen.

Die Nordost-AfD hat auch einen „völkischen Siedler“ in ihren Reihen: Sascha Jung. Erkenntnissen von NDR und SZ zufolge durfte der Jurist wegen seiner rechtsextremistischen Aktivitäten nicht in den bayerischen Staatsdienst. Die Burschenschaft, der er angehöre, werde zudem von Bayerns Verfassungsschutz beobachtet. Jung, so die Recherchen, sei sogenannter Neusiedler mit Anschluss ins völkische Spektrum der „Neo-Artamanen“.

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