Regierung will "Tempo 30" vor Schulen einführen Lasst eure Kinder in die Schule gehen!

Die Bundesregierung will Geschwindigkeitslimits vor Schulen. Doch warum tummeln sich dort überhaupt so viele Autos? Ein Plädoyer für den Schulweg zu Fuß.

Was sich Eltern für die Zukunft ihrer Kinder wünschen
Anzugträger laufen um die Wette Quelle: dpa
Mann steht mit ausgebreiteten Armen vor blauem Himmel Quelle: Fotolia
Euro-Zeichen unter einer Lupe Quelle: imago
77 Prozent der Eltern würden ihr Kind für's Studium ins Ausland schicken Quelle: Fotolia
83 Prozent der Eltern haben bereits einen bestimmten Berufswunsch für ihr Kind im Kop Quelle: Fotolia
66 Prozent der Eltern haben sich bereits zur Ausbildung ihrer Kinder beraten lassen Quelle: Fotolia
Mindestens ein Bachelor-Abschluss muss es sein Quelle: dpa Picture-Alliance
Ein Sparschwein af einer Treppe Quelle: dpa
Nachhilfe ist wichtig Quelle: Fotolia
Selbstvertrauen und Sozialkompetenz sind für die Eltern die wichtigsten Fähigkeiten, die in der Ausbildung vermittelt werden sollten Quelle: Fotolia

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt will, dass Autos vor Schulen und Kindertagesstätten langsamer fahren müssen. Zumindest während der Öffnungszeit soll „Tempo 30“ gelten. Dagegen ist nichts einzuwenden, aber viel verändern wird das ohnehin nicht. Denn vor unseren Schulen verstopfen ohnehin allmorgendlich Eltern mit ihren Wagen die Straßen.

Schulpolizisten klagen darüber, dass eilig ein- und ausparkende Mütter und Väter eine besonders häufige Ursache von Unfällen vor Schulen seien. Der Verkehrsclub Deutschland und das deutsche Kinderhilfswerk haben schon seit zehn Jahren den 22. September zum Aktionstag „Zu Fuß zur Schule“ ausgerufen.

Den schönen Anblick aus früheren Zeiten von Kindern, die in Grüppchen den Schulen zustreben, gibt es kaum noch. Der Schulweg – früher eine ganz besonders wichtige soziale Alltagsphase für Kinder als Pufferzeit zwischen Familien- und Schulleben – ist abgeschafft. Selbst Viertklässler (9 oder 10 Jahre alt) werden von Vati oder Mutti an der Hand gebracht oder öfter noch: mit dem Auto chauffiert. Wo die Kinder früher meist ihre Schulkameraden trafen und den vor oder hinter ihnen liegenden Tag besprachen, Schabernack ausheckten, sich vielleicht sogar mal rauften, sitzen sie jetzt in Muttis Auto.

Der Verlust des Schulwegs ist ein Teil des Phänomens der so genannten „Helikoptereltern“. Gemeint sind Eltern, die ihre Kinder vor allen erdenklichen Gefahren des Alltags zu bewahren versuchen.

Was Raser wissen müssen

Andere Szenen desselben Phänomens lassen sich auf Spielplätzen beobachten, wo Mütter ihre Kinder beim Rutschen festhalten oder sie nicht aus den Augen lassen, wenn sie mit anderen Kindern durch den Garten toben. Viele Siebenjährige dürfen nicht mal mehr einfach so ihre Freunde besuchen, die drei Straßen weiter wohnen. Vorher rufen die Eltern erst dort an und stellen sicher, dass die Eltern der Freunde da sind und das Spielen beaufsichtigen. Und am besten kommt Mutti gleich mit – am besten fährt sie ihr Kind gleich mit dem Auto hin, damit unterwegs nichts passieren kann, und holt sie zu vereinbarter Zeit wieder ab. Vor dreißig Jahren hieß es einfach: Komm wieder rein, wenn die Laternen angehen. Wo sieht man noch Kinderbanden lachend durch die Straßen streifen?

Wovor diese Mütter und Väter ihre Kinder bewahren möchten, ist klar: Gewalt und anderen Gefahren. Dass es diese gibt, kann niemand bestreiten. Sehr wohl bestreiten kann man allerdings, dass es eine angemessene Antwort auf die Gefahren für Kinder ist, sie vorsorglich in einen Kokon des Kümmerns einzupacken. Denn der mehr oder weniger geringen Wahrscheinlichkeit dieser Gefahren, steht der sichere Verlust an wertvollen und lehrreichen Erfahrungen für die Kinder gegenüber. Erfahrungen, die notwendige Schritte auf dem Weg zur Selbstständigkeit sind.

Was Sie über Blitzer wissen sollten
Blitzer Quelle: ddp
Radarfallen Quelle: dpa
Deutsche Städte mit der höchsten BlitzerquoteDer Deutsche Anwaltverein (DAV) hat 150 Städte befragt, wie hoch ihre Einnahmen aus Geschwindigkeitskontrollen im Jahr 2012 gewesen sind. Nicht im Ranking enthalten sind Großstädte wie Berlin, Hamburg und München, da die Städte trotz gesetzlicher Auskunftspflicht nicht auf die Anfrage des DAV reagierten. Nur 34 Städte haben überhaupt geantwortet - sechs wollen ihre Daten aber nicht veröffentlicht sehen. Die Mutigen und Ehrlichen, die ihre Daten für das Ranking freigegeben haben, kamen auf die Liste. Auf dem dritten Platz landet so Düsseldorf mit Einnahmen von 5,3 Millionen Euro durch Radarkontrollen. Die Stadt Dortmund kassierte - heruntergerechnet auf alle zugelassenen Pkw - 27,75 Euro pro Auto - insgesamt sieben Millionen Euro. Platz Eins im Ranking ging an Stuttgart. Die Autostadt verdiente 2012 7,9 Millionen Euro allein durch Radarkontrollen. Quelle: dpa
Blitzer Quelle: dpa
Blitzer ohne Blitz Quelle: JENOPTIK AG
Strecken- statt MomentaufnahmeÄhnlich wie der "Blitzer ohne Blitz" funktioniert der neue Streckenradar: Die Geschwindigkeit eines Autofahrers wird über einen längeren Abschnitt kontrolliert. Dafür fotografiert eine Kamera jedes Fahrzeug am Beginn des Abschnitts von hinten. Am Streckenende wird das Auto erneut erfasst. Wenn ein Fahrzeug die Strecke in einer Zeit zurücklegt, die nur durch die Übertretung des Tempolimits erreicht werden kann, wird das Fahrzeug von vorne geblitzt. In Niedersachsen sollte im Frühjahr 2015 ein etwa 18 Monate langer Feldversuch mit der Technologie starten. Dort werden die Fahrer deutlich auf diese Form der Kontrolle hingewiesen. Erfahrungen mit der Technologie gibt es bereits im europäischen Ausland. Quelle: dpa
Streit um Blitzer-WarnungenSpezielle Smartphone-Apps und die meisten Navigationssysteme können den Fahrer vor Radarkontrollen warnen. Das möge lehrreich sein, ist beides aber auch „ganz klar illegal“, so der Hamburger Anwalt Uwe Toben, Experte für Verkehrsstrafrecht. Denn die Straßenverkehrsordnung verbietet den Einsatz von technischen Geräten, die „dafür bestimmt sind, Verkehrsüberwachungsmaßnahmen anzuzeigen oder zu stören“. Warum das so ist und ob das auch für das Handy gilt, ist nicht sicher, denn der entsprechende Paragraf ist älter als jedes Smartphone und Navigationsgerät. Entsprechend wirbt etwa der Navigationshersteller Tomtom auf seiner Website für seinen Warnservice. Während das kritisiert wird, ist eine Art der Blitzer-Warnung vom Gesetzgeber eindeutig erlaubt: Radiosender dürfen nämlich vor Radarfallen warnen. Quelle: Blumenbüro Holland/dpa/gms
So teuer wird esWer bis zu 20 Sachen zu schnell unterwegs ist, muss nur mit einem Bußgeld von bis zu 30 Euro rechnen. Ab 21 Stundenkilometern zu viel steigt die Höhe des Verwarngeldes schon auf 70 Euro und es gibt einen Punkt in Flensburg. Den kompletten Bußgeldkatalog gibt es hier. Quelle: dpa
Wann Führerschein-Entzug drohtWer nicht nur ein paar Stundenkilometer drüber liegt, sondern deutlich mehr, dem droht ein Fahrverbot: Außerorts gilt: Wer 41 oder mehr über dem Limit fährt, muss sein Auto für mindestens einen Monat stehen lassen. Innerhalb einer Gemeinde gibt es schon ab einer Geschwindigkeitsübertretung von 31 km/h ein einmonatiges Fahrverbot. Quelle: dpa
Fotos kein BeweismittelEinen Haken hat die Radarkontrolle per Foto für die Polizei: Mittlerweile gelten Fotos, die Blitzgeräte aufgenommen haben, nicht mehr als Beweismittel, weil sie gegen das „Recht auf informationelle Selbstbestimmung“ verstoßen. Wer also einen bösen Brief samt Foto bekommt, kann - trotz gestochen scharfem Foto - behaupten, nicht zu wissen, wer das Auto zum fraglichen Zeitpunkt gefahren hat. Quelle: dpa

Auch der Schulweg gehört dazu. Allein oder in der Gruppe von Gleichaltrigen werden Kinder dadurch zu Verkehrsteilnehmern. Sie müssen Entscheidungen treffen, auch Risiken erkennen. Dabei können sie das Vertrauen der Eltern genießen und rechtfertigen, dass sie der Aufgabe gewachsen sind. Ein Kind, dem dieses Vertrauen nicht gegönnt wird, entwickelt vermutlich auch weniger Selbstvertrauen.

In ihrem späteren Leben als Erwachsene erwartet man von ihnen, mündige Bürger und eigenverantwortliche Marktteilnehmer zu sein. Doch wie sollen aus Kindern freie Menschen werden, wenn sie sich nicht in angemessenem Maß darin üben dürfen? Wie können wir hoffen, dass in den Schulen die Forscher, Unternehmer, Manager der Zukunft sitzen, wenn Kinder von ihren Eltern und Lehrern keine Chance erhalten, irgendetwas alleine, ohne Aufsicht und Hilfe zu tun?

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