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Regulierung Sieben Dinge, die wir noch regeln müssen

Vorschriften, wohin das Auge blickt. Wie krumm darf die Gurke sein, was gehört auf den Fahrradfahrerkopf? Alles ist geregelt. Die letzten Reste selbstbestimmten Handelns könnten schon nächstes Jahr verschwinden. Hier eine kleine Streichliste.

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Die EU-Kommission untersucht künftig unseren Energieverbrauch. Zum Beispiel beim Duschen und Baden. Quelle: Illustration: Thomas Fuchs

Dass wir im Dunkeln sitzen, während sich die gemeine Sparleuchte bequemt, ihre Lux zu entfalten, daran haben wir uns gewöhnt. Dass Glühbirnen überhaupt Teufelszeug sind, wurde uns per EU-Verordnung auf die harte Tour vermittelt.

Und was nach Scherz klingt, wurde schon 2010 bekannt: Die EU-Kommission darf künftig alle Produkte daraufhin untersuchen, wie viel Energie sie verbrauchen, und gegebenenfalls Grenzwerte setzen. Wie viel Wasser zum Beispiel durch den Duschkopf rauscht. Schluss mit Verwöhnminuten unter der Rainshower-Anlage.

Aber warum auf halber Strecke stehen bleiben? Kalt duschen spart Energie und ist gut für den Kreislauf. Mehr als 28 Grad braucht das Duschwasser nicht warm zu sein, Badewasser entfaltet seine erfrischende Wirkung schon bei 23 Grad.

Doch die Realität scheint jegliche Satire zu schlagen: Im kommenden Jahr entscheidet die EU-Kommission, ob auch Sneakers, Sessel oder TK-Lasagne einer Prüfung unterzogen werden müssen. Darauf wären nicht mal wir gekommen.

Weiß wie Koks

Kiffen ist schädlich, zu viel Rotwein auch. Drogenkonsum überhaupt. Nur durch intensive Lobbyarbeit ist zu erklären, dass die liebste Droge des modernen Menschen durch das Raster der Aufpasser und Gesundheitsapostel gerutscht ist: Salz. Steht überall rum, weiß wie Koks. Rieselt – wenn es nicht gerade in der Mühle verwahrte, rosafarbene Himalajakristalle sind – ebenso willig auf jede Speise. Selbst auf die, die Köche nicht fad lassen. Das lässt sich mancher Mensch nicht nehmen: nachsalzen, ohne zu probieren. Dabei sind die Risiken allen bewusst. Bluthochdruck, Herzkasper, Abtritt, danke schön.

Das verfemte Rauchen ist längst auf der Abschussliste gelandet. Die Gründe, warum es der Tabak in der Regulierungswut vor den Alkohol und mit weitem Abstand vor das Salz geschafft hat, bleiben im Dunkeln. Vom Vorbild lässt sich aber was lernen: Wie wär’s mit Bildern von verstopften Venen auf die Meersalzpackung statt lustig anzuschauender Wellen?

Salzfässer in Restaurants werden künftig auf einen Tisch vor der Eingangstür verbannt. Salz darf auch nicht so billig sein. Eine Gesundheitsabgabe in Höhe von 3000 Prozent sollte die leichtfertigsten Käufer abschrecken. Damit unser Leben bald auch beim Essen wird, was es bei anderen Hobbys ist: gesund, aber fad.

Einwandern in den Adelsstand

Stehen ums im nächsten Jahr auch Regelungen zur Lärmpegeln bevor? Quelle: Illustration: Thomas Fuchs

Akustische Erbse

Als Fortschrittsfreund steht der Liberale dem Lärm traditionell aufgeschlossen gegenüber, bedeutet Stille für ihn doch Stillstand, Lärm dagegen Lebendigkeit und Zukunftsoptimismus.

Was, bitte schön, wäre aus der Menschheit geworden ohne zischende Dampfmaschinen, röhrende Automotoren und dröhnende Düsentriebwerke? Allein, was für den Fortschrittsfreund wie Musik in den Ohren klingt, ist für den Lärmempfindlichen ein Missklang, vor dem er gern die Ohren verschließen würde.

Doch er kann nicht, weshalb er ständig auf der Flucht ist, gerade vor den Mikrogeräuschen der Technik: dem Brummen des Blackberrys, dem Klicken der Heizung, dem Klackern der Computertastatur. Der Schriftsteller Ulrich Holbein hat ihn trefflich als „Prinzen auf der akustischen Erbse“ bezeichnet. An Heiligabend, psssst, soll er endlich sein Recht auf „Stille Nacht“ haben. Als musikalische Untermalung empfehlen wir John Cages 4,33, ein Stück, das den Vorzug hat, dass während der Spieldauer kein einziger Ton erklingt – an Silvester schlagen wir dann wieder Radau.

Weniger ist mehr

129 Euro fürs Essen, 7 Euro für die Kneipe, 16 für die Gesundheit, 28 für Haushaltsgeräte: Die Berechnung des monatlichen Hartz-IV-Satzes zeigt, dass keiner besser weiß als Vater Staat, was wir zum Leben brauchen. Klar, wenn einer dann auch noch arbeitet, soll er ein bisschen mehr haben. Wie viel? Dafür gibt es den Mindestlohn.

Aber wer sich um die kümmert, die zu wenig haben, muss sich auch um die sorgen, die zu viel haben. Ampeln und Beipackzettel zeigen uns, welche Bratwurst zu viel Fett enthält, ob der attraktive Sambia-Fonds vielleicht doch zu riskant ist und in welchem Restaurant Meister Proper Hausverbot hat.

Auch vor zu viel Geld wird uns der Staat in Zukunft schützen, sind doch die Nebenwirkungen bekannt und immer wieder erschreckend. Die versehentlich mit Zement verfüllte Oberweite ist da noch das geringste Übel. Auch für Besserverdienende weiß der Staat, wie viel gut ist. R10, Bundesrichter, oder 11 587,75 Euro im Monat, mehr ist laut Bundesbesoldungsordnung nicht zu empfehlen. Daran sollten wir uns in Zukunft alle halten.

Adel verpflichtet (endlich)!

Sie tragen außer Uniform bevorzugt Cordhosen, selbstverständlich in Rot, und können die Linie der Träger bis auf Ihren Ur-Großvater zurückführen? Sie überkommt an türkischen Expo-Pavillons ein des Nachgebens würdiger Harndrang? „Der Gotha“ ist für Sie nicht einfach ein Bekannter mit komischem Vornamen? Für den Fall, dass Ihre Tischdame moralischer Erfrischung und sublimer Komplimente bedarf, extemporieren Sie sofort ein Minnelied des Walther von der Vogelweide? „Hoflieferant“ ist in Ihren Augen DAS Qualitätssiegel? Sie parlieren von„part-ey“ und waren „wasted“, wenn Sie sich mit ihren ehemaligen Mitschülern aus Eton alter Ausschweifungen erinnern?

Eine Sammlung an Quoten

Aufgrund des Nachwuchsmangels könnte eine Regelung der Fortpflanzung hilfreich sein. Quelle: Illustration: Thomas Fuchs

Glückwunsch! Sie sind der ideale Kandidat, wenn die Bundesregierung 2012 das Punktesystem für bürgerliche Einwanderer in den Adelsstand einführt. Das Motto: Einstellung statt Abstammung! Jeder Frosch kann zum Prinzen werden!

Nur ein Tipp: Wir empfehlen Ihnen untertänigst, sich von akademischen Ambitionen fernzuhalten.

Stramm gestanden

Freud nahm noch an, die Sexualtriebe würden trotz ihrer Schwererziehbarkeit „durch das Lustprinzip automatisch reguliert“. Dass letzteres im Dienst der Fortpflanzung steht, war für den sechs- fachen Familienvater selbstverständlich. Er konnte nicht ahnen, dass Männer und Frauen dereinst auf die Idee kommen würden, den evolutionären Vermehrungsauftrag in den Wind zu schlagen und auf Kinder, gar auf Sex, zu verzichten.

Wenn man einschlägigen Umfragen trauen darf, werden gerade in Akademikerhaushalten die Betten zunehmend zur verkehrsberuhigten Zone. Die Folge: Akademikerfamilien, einst die Säulen des Bürgertums, haben sich um ein Drittel dezimiert.

Weil das so nicht weitergehen kann, schlagen wir für das kommende Jubiläumsjahr Friedrichs des Großen ein preußisch-strenges Kopulationsregime vor: Dann heißt es stramm stehen und zum Vollzug schreiten, mindestens einmal die Woche, nicht unter sieben Minuten – sonst knallt’s!

Eine Quote für die Quote

Ihre weiblichen Politiker fördert die SPD jetzt nach dem Reißverschlussprinzip. Das ist weniger an- beziehungsweise auszüglich gedacht, als es klingt: Künftig sollen sich Männer und Frauen auf Wahllisten abwechseln. Um Überraschungen auszuschließen, hat sich die Partei auch eine Frauenquote (40 Prozent), eine Migrantenquote (15 Prozent) und eine unausgesprochene Gewerkschaftsfunktionärsquote (möglichst viele) verordnet.

Da die SPD sich als progressive Kraft sieht, liegt auch für uns der Schluss nahe, dass es nicht genug Vorgaben gibt. 40 Prozent aller noch unregulierten Daseinsbereiche müssen quotiert werden – vor allem in Parteien. Die FDP sollte es mit einer Intellektuellenquote versuchen, die CSU nach des Freiherrn Neuerfindung mit einem garantierten Gelträgeranteil.

Apropos Optik: Seit SPD-Spitzenfrauen sich vor Reden mit dem Glätteisen stylen, ist die Naturwelle aus der Politik verschwunden. Ein Lockenanteil wäre wünschenswert, schon wegen der krausen Gedanken.

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