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Quelle: imago images

Bezahlt wird später

Hauke Reimer
Hauke Reimer Stellvertretender Chefredakteur WirtschaftsWoche

Staaten müssen ihre Bürger vor den Folgen des Klimawandels schützen. An anderer Stelle sparen wollen sie nicht. Die Enteignung der Sparer geht weiter.

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EZB-Chefin Christine Lagarde wirkt in diesen Tagen wie eine Getriebene: Der Kauf von Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank muss weitergehen! Der Grund liegt auf der Hand. Müssten die Euro-Staaten ihre Schulden zu marktgerechten Zinsen bedienen, wären viele schnell insolvent, allen voran das von Lagardes Vorgänger Mario Draghi regierte Italien, das sich innerlich schon von allen Regeln der Währungsunion verabschiedet hat.

Mehr Geld also – und weniger Bescheidenheit? Das ist der falsche Weg. Die tödlichen Hochwasser in Deutschland haben einmal mehr gezeigt: Der Staat täte gut daran, sich auf seine Kernaufgabe zu besinnen, also auf den Schutz seiner Bürger, zumal vor Katastrophen und den Folgen des Klimawandels. Dazu braucht es nicht unbedingt mehr Geld. Wohl aber eine bessere Organisation von Verantwortung.

Natürlich werden jetzt Milliarden fließen, wird sich die Politik großzügig geben. Nur ist es leider unrealistisch, dass dafür an anderer Stelle gespart wird – sei es bei der Subventionierung profitabler Konzerne, beim Wahlgeschenk Mütterrente oder beim Post-Corona-„Wiederaufbau“ der EU. Was auch passiert, am Geld soll’s nicht liegen; jede mittelfristige Finanzplanung ist heute Makulatur – und kann’s der Finanzminister nicht richten, steht die EZB bereit. Eine Umkehr? Fast unmöglich. Dazu profitieren zu viele von der lockeren Geldpolitik, voran diejenigen, die besonders dicht dran sind an den Fleischtöpfen der Finanzbranche und Staatsbürokratie. Was wäre an Börsen und Immobilienmärkten los, würden die Notenbanken die Zinsen erhöhen?



Dafür leiden diejenigen, die sich bei der Geldanlage keine Risiken leisten können oder wollen: Ihre Vermögen werden durch Inflation entwertet, durch „Verwahrentgelte“ der Banken aufgezehrt – Banker, die früher prima mit der „3–6–3-Methode“ lebten (drei Prozent aufs Sparbuch, sechs Prozent für Kredite kassieren, um drei Uhr auf dem Golfplatz sein!) sind halt auch heute findig, wenn’s ums Geldbeschaffen geht. Dass neue Broker die Kosten für Aktiengeschäfte und damit die Eintrittsbarrieren für den Börsenhandel drücken, ist da immerhin ein kleiner Trost.

Denn absehbar ist: Die Schulden steigen weiter. Und es ist das Mindeste, dass wir unseren Kindern dafür einen funktionsfähigen Staat und eine bewohnbare Erde hinterlassen – und, wenn möglich, auch ein kleines, gut angelegtes Vermögen.

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