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Quelle: imago images

Doppelt ist besser

Hauke Reimer
Hauke Reimer Stellvertretender Chefredakteur WirtschaftsWoche

Naturkatastrophen und Hackerangriffe zeigen: Digitaltechnik braucht oft ein analoges Back-up. Sonst wird das Risiko für Mensch und Wirtschaft zu hoch.

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Jetzt also, nach der Katastrophe, vor der er seine Bevölkerung nicht schützen konnte, baut der Staat wieder Sirenen auf. Technik aus der Zeit des Kalten Krieges. Einfach, aber wirkungsvoll, weil sie alle garantiert erreicht. Das ist die Lehre aus dem Hochwasser: Im Notfall können schicke, moderne Warnsysteme buchstäblich von gestern sein. Warn-Apps und Push-SMS brauchen ein funktionierendes Mobilfunknetz. Digitale Lösungen erleichtern das Leben. Aber sie dürfen nicht jede analoge Technologie verdrängen. Die Extremsituationen an Wupper, Ahr und Erft haben das gezeigt.

Naturkatastrophen sind das eine Risiko. Das andere sind Systemausfälle – etwa nach Hackerattacken. Die Einschläge kommen näher: In Texas erlangten Netzkriminelle Zugriff auf eine Pipeline, in Schweden legten sie Hunderte Coop-Märkte lahm, in Deutschland Kreisverwaltungen, Krankenhäuser, Unis, Unternehmen. In den schwedischen Supermärkten etwa war nichts mehr zu machen: Schweden hat das Bargeld praktisch abgeschafft, Einkäufe mit Cash sind nicht mehr vorgesehen. Fortschritt? Bargeld kann man auch noch bei System- und Stromausfällen nutzen, um Essen zu kaufen – ein Smartphone und seine Bezahlfunktion sind dann wertlos.

Automatisierte Läden, kontaktloses Bezahlen, menschenlose Fabriken und autonom fahrende Busse – alles wunderbar für coole Großstadtbewohner in friedlichen Zeiten. Wehe aber, es passiert Unvorhergesehenes. Wenn die Flut kommt, der Strom ausfällt oder Tesla-Software gehackt wird, ist froh, wer eine Sirene hört, auf Bargeld zugreifen kann und einen Diesel hat. Die technologisch zugerüstete Zivilisation ist verletzlicher geworden. Wir warten Maschinen aus der Ferne, steuern Infrastruktur remote, vertrauen auf KI und delegieren Verantwortung an Algorithmen – das bietet Einfallsmöglichkeiten, scheunentorweit.



Analoge Sicherheitspuffer wirken da beruhigend. Bargeld, Handakten, der eine oder andere Papiernachweis im Safe – sogar das belächelte Fax, falls mal die Amts-IT versagt. Auch Vorrichtungen, mit deren Hilfe Fachleute eine Maschine oder einen Kraftwerksblock von Hand hochfahren oder eine Pipeline wieder öffnen können. Im Flugverkehr gilt das seit jeher: Piloten müssen der Software jederzeit ins Steuer greifen können, dafür sind sie ausgebildet. Auch andernorts brauchen wir Menschen, die klassische Techniken beherrschen, sprich: ältere Beschäftigte, von denen viele ohnehin länger arbeiten wollen. Modern ist, wer Risiken und Kosten immer mitbedenkt, das Bewährte nicht bedenkenlos abschafft – so wie die Sirenen.

Mehr zum Thema: Ob bei der Flutkatastrophe oder der Coronakrise: Menschen verlassen sich auf das Funktionieren digitaler Systeme, aber diese erweisen sich häufig als nicht robust. Manchmal könnten auch Low-Tech-Lösungen helfen.

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