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Rezession Kommt die Nullrunde für Deutschland?

Jemand stülpt seine leeren Hosentaschen nach außen. Quelle: imago images

Die Rezession setzt den Arbeitsmarkt unter enormen Druck. Hunderttausende Jobs sind in Gefahr, Millionen bereits in Kurzarbeit. Hilft Lohnzurückhaltung dabei, jetzt Arbeitsplätze zu retten?

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Einen Verbündeten hätten die Gewerkschaften schon mal – und zwar dort, wo sie ihn vielleicht nicht unbedingt sofort vermuten würden: in der CDU. Wenn man Christian Bäumler, den Vizechef der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft, fragt, ob die deutsche Wirtschaft, die Beschäftigen vor allem, eine Corona-Nullrunde einlegen müssten, dann ist seine Antwort eindeutig: „Die Arbeitgeber wären schlecht beraten, gerade bei den Arbeitnehmern sparen zu wollen. Wenn die Konjunktur wieder anspringen soll, brauchen wir jetzt mehr Nachfrage – und ohne Vertrauen kehrt die nicht zurück“, sagt Bäumler.

Dabei läuft es gerade genau auf ein solches Szenario zu: Allein durch die millionenfache Kurzarbeit erleben überall in Deutschland Beschäftigte sogar, was es heißt, weniger zu verdienen. Soll es nicht zu (noch mehr) Entlassungen oder einer Insolvenzwelle kommen, dürfte sich in den kommenden Monaten in sehr vielen Betrieben die Frage stellen: Verzichten, um zu retten? Ganz zu schweigen davon, dass Arbeitgeber in Tarifverhandlungen auf den nicht mehr vorhandenen Verteilungsspielraum pochen werden.

Gewerkschaftler widersprechen der Losung vehement. „Dauerhafte Nullrunden schaden der Wirtschaft und können daher keine akzeptable, tarifpolitische Lösung sein“, entgegnet beispielsweise Knut Giesler, Chef der IG Metall in Nordrhein-Westfalen. „Das German Job Wunder gibt es nur, weil wir uns in den vergangenen Jahren nicht allein auf den Export verlassen haben, sondern auch eine starke Binnenkonjunktur hatten.“ Deswegen sei zu deren Stützung kurzfristig die von der Bundesregierung beschlossene Aufstockung der Kurzarbeit unglaublich wichtig, „langfristig muss es jedoch auch wieder vernünftige Entgeltsteigerungen geben, um den Binnenmarkt zu stabilisieren“.

Unterstützung für diese Position bekommt Giesler aus dem Lager gewerkschaftsnaher Wirtschaftswissenschaftler. Alexander Herzog-Stein hat gerade für das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) einen Report zur Arbeits- und Lohnstückkostenentwicklung vorgelegt. „Es wäre verheerend für die zukünftige Entwicklung, wenn mit einer nicht gerechtfertigten Bezugnahme auf eine scheinbare Gefährdung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit und dem Appell des Maßhaltens der Weg in die Austerität und in dauerhaft schwaches Lohnwachstum gewählt würde“, sagt Herzog-Stein.

Ein weiteres Argument: Der Lohnkostenanstieg 2019 in Höhe von 3,3 Prozent sei erstmals seit sieben Jahren wieder etwas höher ausgefallen als der gesamtwirtschaftliche Verteilungsspielraum von 2,6 Prozent. Allerdings: Im europäischen Vergleich rangieren die deutschen Lohnstückkosten eher am oberen Ende. Bei lahmender Produktivität kann das zum Problem werden für die Wettbewerbsfähigkeit.

Beim arbeitgeberfinanzierten Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln sehen sie die tarifpolitische Großwetterlage deshalb naturgemäß aus einer anderen Perspektive. Auch wenn IW und IMK in Fragen der Investitionsnotwendigkeiten zuletzt durchaus viele Gemeinsamkeiten entdeckten - hier liegen sie auseinander.

„Ich bezweifle, dass die Gewerkschaften in diesem Jahr noch nennenswerte Tariferhöhungen erzielen können. Es wird im zweiten Halbjahr eher Tarifverträge geben, die Pauschalzahlungen vorsehen“, sagt IW-Tarifexperte Hagen Lesch. Im Moment sei es für die Arbeitnehmervertretungen eben schwer, tarifpolitisch in die Offensive zu gehen, die unsichere Situation am Arbeitsmarkt schwäche ihre Verhandlungsposition. „Die Gewerkschaften haben aktuell einfach nicht den nötigen Verhandlungsspielraum, um spürbare Entgelterhöhungen durchzusetzen“, so Lesch. „Nullrunden sind da die logische Folge.“

Mithilfe von Pauschalzahlungen, glaubt er, könnten die Gewerkschaften einen Teil ihrer Mitglieder zumindest ansatzweise besänftigen. Ein „taktisch kluger Schachzug“ wäre das zum Beispiel für Verdi. Die Dienstleistungsgewerkschaft verhandelt noch dieses Jahr für den öffentlichen Sektor. Während eine Tarifanhebung für die gesamte Branche aufgrund der hohen Ausgaben für Corona-Hilfspakete unwahrscheinlich ist, könnte die Gewerkschaft mithilfe von Pauschalzahlungen zumindest für systemrelevante Berufe einen Bonus erzielen.

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