Richard von Weizsäcker

Stille Tage im Schloss Bellevue

Henning Krumrey Ehem. Redakteur

Mit einem Staatsakt nimmt die Bundespolitik heute Abschied von Altbundespräsident Richard von Weizsäcker - für den heutigen Herrn im Schloss Bellevue der erste Trauerakt für einen Staatsmann-Kollegen.

Weizsäcker-Foto neben dem Kondolenzbuch im Schloss Bellevue. Quelle: dpa

Staatsoberhaupt Joachim Gauck war der Schnellste. Um 11.27 Uhr meldete dpa am 31. Januar den Tod Richard von Weizsäckers. Schon 16 Minuten später versandte das Bundespräsidialamt Gaucks Kondolenzschreiben an die Witwe des Amtsvorgängers. Das Geheimnis der Geschwindigkeit: In Staatskanzleien wie Redaktionen liegen fertig formulierte Briefe und Nachrufe bereit, die sofort veröffentlicht werden können. Persönlich trat Gauck drei Stunden später sichtlich bewegt vor die Presse.

Beim AfD-Parteitag in Bremen bat der Tagungspräsident nicht viel später um eine Schweigeminute. Eine Mischung von betroffenem Raunen und genervtem Seufzen zog durch die Halle. Ein Gutteil der Parteimitglieder sieht den früheren Präsidenten eher als Volksverräter denn als Friedensstifter. Sie kreiden ihm seine Rede vor dem Deutschen Bundestag vom 8. Mai 1985 an, in der er – zum 40. Jahrestag des Kriegsendes – aufräumte mit dem Begriff der Kapitulation und den Frühlingstag im Jahr 1945 zum „Tag der Befreiung“ erklärte.

Eine nachhaltige Präsidentschaft
Richard von Weizsäcker (im Bild mit seiner Frau Marianne im Jahr 1968) hat den Start seiner politischen Karriere zu einem Gutteil Altkanzler Helmut Kohl zu verdanken. So verschafft Kohl dem zehn Jahre älteren Weizsäcker bei der Bundestagswahl 1969 einen sicheren Listenplatz. Mit seiner ersten Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten im Jahr 1974 scheitert er. Gewählt wird der bisherige Außenminister Walter Scheel, der als Kandidat der sozial-liberalen Koalition angetreten war. Foto: dpa
Nachdem Weizsäcker 1979 Bundestagsvizepräsident geworden war, erringt er 1981 im zweiten Anlauf gegen den SPD-Mann Hans- Jochen Vogel, das Bürgermeisteramt in der
In Berlin erbringt Weizsäcker (im Bild 1982 in Berlin auf einer Wirtschaftskonferenz mit dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl, Unternehmer Rolf Rodenstock, Arbeitgeberpräsident Otto Esser und Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff, v.l.) den Nachweis, dass er nicht nur der Mann für das intellektuell Feinsinnige, sondern auch für das politisch Grobe sein kann. Doch entgegen seiner Zusicherung, Berlin als
Im November 1983 wird Weizsäcker zum zweiten Mal als CDU/CSU-Kandidat für das Bundespräsidentenamt benannt und bei der Wahl am 23. Mai 1984 von der Bundesversammlung zum sechsten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland gewählt. Am 1. Juli wird er als Nachfolger von Karl Carstens in diesem Amt vereidigt (Foto). Bei der Wahl des deutschen Bundespräsidenten am 23. Mai 1989 wird Weizsäcker im Amt bestätigt. Es ist die bislang einzige Wahl eines Bundespräsidenten, bei der es nur einen Bewerber gibt. Foto: dpa
Kaum ein Jahr im Amt bietet er mit seiner historischen Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes 1985 eine Demonstration seiner Überparteilichkeit und Eigenständigkeit. Der 8. Mai sei ein Tag der Befreiung - das Kriegsende sei nicht mehr nur als Niederlage zu verstehen, sondern als Befreiung
Seinem Amt entsprechend, unternimmt Weizsäcker als Bundespräsident zahlreiche Auslandsreisen. So besucht er 1987 im Rahmen einer Lateinamerika-Reise den Titicacasee, den größten See Südamerikas, und wird dort von Hochlandindianern in traditioneller Kleidung musikalisch begrüßt. Foto: dpa
Vorsichtige Annäherung: Bundespräsident Richard von Weizsäcker empfängt 1987 Erich Honecker bei dessen ersten offiziellen Besuch in der Bundesrepublik Deutschland. Der Staatsratsvorsitzende der DDR und Weizsäcker waren sich erstmalig 1983 in Berlin begegnet, der Bundespräsident zu diesem Zeitpunkt noch in seiner Funktion als Regierender Bürgermeister. Foto: dpa

Diese Rede ist Weizsäckers Vermächtnis, seine größte Leistung für Deutschland. Denn sein zweiter Paukenschlag – der ihm heute in all den Nachrufen als moralpolitische Großtat zugeschrieben wird – hält dieser Einschätzung nicht stand. Der deutsche Parteienstaat sei „machtversessen auf den Wahlsieg und machtvergessen bei der Wahrnehmung der inhaltlichen und konzeptionellen politischen Führungsaufgabe“, hatte von Weizsäcker kritisiert. Das Ansehen der Parteien hat sich von dieser höchsten Rüge nie wieder erholt.

Leider war ihm dieser Missstand erst nach seiner Wiederwahl aufgefallen, also zu Beginn seiner zweiten Amtszeit, nach der für jeden Bundespräsidenten weder eine dritte Runde (verfassungsrechtlich verboten) noch eine andere Verwendung (unschicklich) möglich ist. Mit der späten Schelte machte er sich Helmut Kohl endgültig zum Feind, der ihn einst in die Politik geholt hatte.

Die deutschen Bundespräsidenten
Joachim Gauck (seit 2012)Der ehemalige DDR-Bürgerrechtler Joachim Gauck wurde am 18. März 2012 mit einer überwältigenden Mehrheit von 80 Prozent zum Bundespräsidenten gewählt. Er übernahm das Amt von seinem Vorgänger Christian Wulff, der nach nur 20 Monaten im Amt zurücktrat. Gauck, Jahrgang 1940, gehört keiner Partei an. Der Theologe und frühere Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde gilt als integer und redlich. Er ist der erste Ostdeutsche, der das höchste Staatsamt der Bundesrepublik bekleidet. Als wichtigste Aufgabe seiner Amtszeit verkündete Gauck in seiner Rede nach der Wahl, Regierung und Bevölkerung wieder näher zueinander bringen zu wollen. Im Februar 2017 wird er im Amt abgelöst. Quelle: dpa
Christian Wulff Quelle: dapd
Host Köhler Quelle: dpa
Johannes Rau Quelle: AP
Roman Herzog Quelle: AP
Richard von Weizsäcker Quelle: BPA
Karls Carstens Quelle: BPA

Tatsächlich hatte Weizsäcker seit seinem Ausstieg beim Chemie- und Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim ausschließlich in Mandaten und Posten gelebt, die ihm der Parteienstaat beschert hatte. Vom Bundestagsabgeordneten über das Amt des Regierenden Bürgermeisters von Berlin bis zum Staatsoberhaupt. Kohls Hintersassen schimpften den Adligen mit der Gabe zur getragenen Rede danach gern „Richard von Weihwasser“ – und schlimmer.

Dabei ist unbestritten: Richard von Weizsäcker hatte eine Aura wie nur wenige Politiker. Selbst wenn man skeptisch sein Büro betrat, konnte der kluge, stilvolle und liebenswürdige alte Herr den Gast binnen kurzer Zeit für sich gewinnen und beeindrucken. Auf dem Heimweg fragte man sich dann, wie ihm das nur wieder gelungen war.

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Am Mittwoch findet nun die offizielle Totenfeier im Berliner Dom statt. Für den heutigen Herrn im Schloss Bellevue ist es der erste Trauerakt für einen Staatsmann-Kollegen. Zum Start seiner Amtszeit hatten Redenschreiber und Mitarbeiter des Protokolls darüber sinniert, dass Gauck im schlechtesten Fall eine ganze Reihe von Staatsbegräbnissen begleiten müsste: Neben von Weizsäcker sahen sie mit Sorge auf Altbundespräsident Walter Scheel, 95 Jahre, die Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt, 96, und Helmut Kohl, 84, sowie den früheren Außenminister Hans-Dietrich Genscher, 87. „Und Christian Wulff“, warf ein Zyniker in die Runde. Das jüngste Staatsoberhaupt aller Zeiten galt nach Rücktritt und familiärer Trennung vielen als gefährdet. Diese Etappe ist zum Glück überwunden.

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