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Risikoforscher Ortwin Renn "Leitplanken setzen"

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Woher kommt diese kritische Einstellung zur Atomenergie?

Ich war vor Kurzem in England. Dort wird vor allem vom Tsunami und vom Erdbeben gesprochen, aber wenig vom Atomunfall. Das ist eine Unaufgeregtheit, die wir hier gar nicht kennen. Die Wahrnehmung von Risiken ist im internationalen Vergleich zwar nicht sehr unterschiedlich. Aber das Vertrauen in technische Eliten ist hierzulande viel geringer. Bei uns wird die Unbeherrschbarkeit von Technologien in den Vordergrund gerückt. Da herrscht anderswo viel mehr Pragmatismus, zum Teil auch Zutrauen in ein vorsorgendes Risikomanagement. Wenn in Frankreich die Ingenieure sagen, Kernkraftwerke sind sicher, dann gilt das. In Deutschland wird gefragt: Warum sagen die das?

Gleichzeitig definiert sich Deutschland als High-Tech- und Industrienation. Wie passt das zusammen?

Immer wenn sich politische mit wirtschaftlich-technischen Interessen zusammenfügen, leidet die Glaubwürdigkeit. Das Vertrauen in die Unabhängigkeit und die Fähigkeiten der Politik ist in der Bundesrepublik wenig entwickelt.

Droht Vergleichbares dann nicht auch der Solar- und Windenergie, die heute politisch gepäppelt wird?

Beide Technologien haben mehr emotionale Ausstrahlung und sind weitaus positiver besetzt. Aber bei den hierfür notwendigen Netzen und Speichern erleben wir doch schon jetzt den Charmeverfall. Vor allem grüne Politiker werden noch Probleme bekommen, wenn sie ihren Wählern erklären müssen, dass ein Ja zu diesen Infrastrukturen nun quasi Bürgerpflicht ist. An dem Punkt kann der Konsens zur Energiewende noch kippen.

Umso wichtiger wäre es, den politischen Ausstiegskonsens den Bürgern zu vermitteln. Was tut die Kommission dafür?

Hinter den Mitgliedern stehen große gesellschaftliche Gruppen, die Kirchen, Industrie, Gewerkschaften, die Wissenschaft, nicht die üblichen Funktionäre. Das sind Identifikationsfiguren mit sehr differenzierten Auffassungen. Wenn wir einen Konsens innerhalb dieser heterogenen Gruppe hinbekommen, wird das Wirkung auf die Gesellschaft als Ganzes erzielen.

Die CSU will den Atomausstieg bis spätestens 2022. Wie frei sind Sie da noch in Ihren Empfehlungen?

Das konkrete Datum ist doch gar nicht das Hauptthema. Wir konzentrieren uns darauf, wie die Alternativen zum Atom aussehen und was dafür getan werden muss, damit die Wende ökologisch, wirtschaftlich und sozial gelingen kann.

Gehört dazu eine Revisionsklausel?

Entscheidend wird sein, dass wir die einmal gefassten Ziele regelmäßig und transparent überprüfen. Wir können nicht erst in fünf Jahren Bilanz ziehen und dann überrascht feststellen, dass wir an entscheidenden Punkten gar nicht vorangekommen sind.

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