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Roman Herzog Ein mutiger Mann

Roman Herzog ist gestorben. Seine berühmte Berliner Ruck-Rede war ein Akt des Mutes, denn Herzog stellte eindringlich die Frage: „Was ist los mit unserem Land?“ Ein Nachruf.

Die Lebensstationen des Roman Herzog
Rechtswissenschaften Quelle: dpa
Alt-Bundespräsident Roman Herzog 2012 mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. Quelle: dpa
Roman Herzog, damals Vorsitzender des Ersten Senats des Bundesverfassungsgerichts Quelle: dpa
Spediteure tragen 2011 in Karlsruhe im Bundesverfassungsgericht ein Ölgemälde des ehemaligen Senatspräsidenten Roman Herzog aus einem Raum. Quelle: dpa
1999: Der damalige Bundespräsident Roman Herzog und sein Amtsvorgänger Richard von Weizsäcker Quelle: dpa
Der damalige Bundespräsident Roman Herzog, Direktor beim Deutschen Bundestag Rudolf Kabel (2.v.l.), der Bundesratspräsident Klaus Wedemeier (r) und die Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth Quelle: dpa
Roman Herzog bei seiner "Ruck-Rede" als Bundespräsident 1997 Quelle: dpa

Jimmy Carter gilt unter den US-Präsidenten als einer der Gescheiterten. Als einer, der nach nur einer Amtszeit aus dem Weißen Haus gejagt wurde, auch wegen einer Rede, die er im Jahr 1979 hielt, und die als „Malaise Speech“ in die Geschichte einging. Als eine, die zu negativ die Schwächen der USA beschrieb, zu direkt, so gar nicht amerikanisch-optimistisch. Davon hat Carter sich nie erholt.

Roman Herzog, ehemaliger Bundespräsident und am Dienstag im Alter von 82 Jahren verstorben, ist kein Jimmy Carter. Aber man muss den Vergleich ziehen, um zu begreifen, dass sein wichtigstes politisches Vermächtnis, die berühmte Berliner Ruck-Rede aus dem Jahr 1996, auch ein Akt des Mutes war. Denn Herzog stellte darin ebenso eindringlich wie sein US-Kollege die Frage: „Was ist los mit unserem Land?“ – und gab Klartext als Antwort: „Der Verlust wirtschaftlicher Dynamik, die Erstarrung der Gesellschaft, eine unglaubliche mentale Depression - das sind die Stichworte der Krise. Sie bilden einen allgegenwärtigen Dreiklang, aber einen Dreiklang in Moll.“

Das eigentliche Problem der Deutschen, so Herzog weiter, sei also ein mentales: „Es ist ja nicht so, als ob wir nicht wüssten, dass wir Wirtschaft und Gesellschaft dringend modernisieren müssen. Trotzdem geht es nur mit quälender Langsamkeit voran. Uns fehlt der Schwung zur Erneuerung, die Bereitschaft, Risiken einzugehen, eingefahrene Wege zu verlassen, Neues zu wagen. Ich behaupte: Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem.“

„Er wird mir und uns allen fehlen“
Angela MerkelMit dem Tod von Roman Herzog verliert Deutschland nach den Worten von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) einen „hochbeliebten Altbundespräsidenten“ und verdienten Patrioten. Er habe dem Land als einer der anerkanntesten Staatsrechtler und Interpreten des Grundgesetzes als Landesminister und Präsident des Bundesverfassungsgerichts und schließlich von 1994 bis 1999 als Bundespräsident gedient, erklärte Merkel am Dienstag in einer Mitteilung. Herzog habe das höchste Staatsamt in seinem „eigenen unnachahmlichen Stil“ ausgefüllt. „Er pflegte das offene Wort, war unprätentiös, humorvoll und durchaus selbstironisch“, betonte die Kanzlerin. Unvergessen bleibe seine Berliner „Ruck-Rede“ 1997, in der er zu umfassenden Reformen in Deutschland aufgerufen habe. „Seine unverwechselbare kluge Stimme und seine Fähigkeit, Probleme offen zu benennen und dabei Mut zu machen, wird mir und wird uns allen fehlen“, sagte Merkel. Die Nachricht von seinem Tod erfülle sie mit tiefer Trauer. Quelle: REUTERS
Joachim GauckBundespräsident Joachim Gauck hat seinen mit 82 Jahren gestorbenen Amtsvorgänger Roman Herzog als „markante Persönlichkeit“ mit „vorwärtsstrebendem Mut“ gewürdigt. Herzog habe „das Selbstverständnis Deutschlands und das Miteinander in unserer Gesellschaft geprägt und gestaltet“, betonte Gauck. „Mit Sachverstand, Klugheit und großer Lebenserfahrung trat er für unser Land und seine freiheitliche Verfassung ein. Als Minister, als Präsident des Bundesverfassungsgerichts und als Bundespräsident waren ihm die Bürger- und Freiheitsrechte niemals nur abstrakte Begriffe.“ Quelle: AP
Frank-Walter SteinmeierAuch Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier trauert um Herzog. „Ein großer Verfassungsrechtler, Politiker und Staatsmann ist heute von uns gegangen“, lässt er über das Auswärtige Amt verkünden. Steinmeier selbst habe Herzog als „einen geradlinigen, ehrlichen und klugen Menschen erlebt, der sich nicht scheute, auch harte Wahrheiten auszusprechen, aber auch seinen tiefsinnigen Humor niemals verlor“. Quelle: dpa
Sigmar Gabriel„Mit Integrität und persönlicher Autorität, getragen von seinem christlichen Glauben und großer Freiheitsliebe, aber auch mit Selbstironie und Humor, prägte Roman Herzog sein Amt als Bundespräsident durch die Kraft des Wortes“, schreibt Bundeswirtschaftsminister und SPD-Vorsitzender Sigmar Gabriel in einer Mitteilung. Er würdigte insbesondere Herzogs Verdienst, den 27. Januar als Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus eingeführt zu haben. „Er gab damit diesem Tag der Befreiung von Auschwitz die Bedeutung im öffentlichen Bewusstsein, die er verdiente und die er bis dahin nicht hatte.“, so Gabriel. Quelle: REUTERS
Christian LindnerDer FDP-Fraktionsvorsitzende bekundet auf Twitter sein Beileid: „Roman Herzog war eine große Persönlichkeit“, schreibt Lindner dort mit seinem persönlichen Kürzel „CL“. „Er hat den Deutschen nicht nach dem Mund geredet, sondern ins Gewissen, wenn es nötig war.“ Quelle: dpa
Dorothee Bär„Jetzt geht hoffentlich ein Ruck durch den Himmel“, schreibt die CSU-Bundestagsabgeordnete Dorothee Bär auf Twitter. „Gottes Segen und Ruhe in Frieden, lieber Roman Herzog.“ Quelle: dpa
Olaf ScholzAuch Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) trauert via Twitter um Altpräsident Roman Herzog: „Er wird als kritischer Geist in Erinnerung bleiben.“ Quelle: dpa

Herzogs Ausführungen gipfelten in zwei Sätzen: „Durch Deutschland muss ein Ruck gehen. Wir müssen Abschied nehmen von liebgewordenen Besitzständen.“  

Das saß – umso mehr von einem Mann, den man vielleicht nicht lieben musste (Herzog kam 1994 erst im dritten Wahlgang gegen Herausforderer Johannes Rau zum Zug, selbst für Helmut Kohl war der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichtes erst nur zweite Wahl), aber den jeder respektierte. Der gebürtige Bayer, 1934 in Landshut geboren, war bescheiden im Auftreten, nüchtern im Umgang – aber als brillanter Staatsrechtler mutig in Gedanken.

Den bewies er im Präsidialamt beim innenpolitischen Ruf nach Reformen, aber auch beim Mut, außenpolitisch Demut zu zeigen. Zum 50. Jahrestag des Warschauer Aufstandes gegen die Nazis bat Herzog alle polnischen Opfer des Krieges um Vergebung. Er machte 1996 den 27. Januar zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus.

Mit dem politischen Ruhestand konnte Herzog gut umgehen, schließlich „scheide ich ja heute nur aus dem Amt und nicht aus dem Leben“, wie er am Tag des Abschieds gewitzelt hatte. Und doch teilte Herzog eins mit Carter: Auch er schien mit seiner Ruck-Rede zu hadern, weil der echte Ruck ausgeblieben sei. So klang Herzog  vergangenes Jahr in einem Interview beinahe resigniert, als habe sich die Lage Deutschlands im Vergleich zu 1996 kaum geändert.

„Ich habe den Eindruck, dass Deutschland sich zu sehr ausruht, und zwar nicht nur die Regierenden, sondern auch die große Mehrheit der „einfachen“ Bürger“, gab Herzog zu Protokoll. „Unserem Land geht es gut, keine Frage. Aber wir haben aktuell mit unserer boomenden Wirtschaft nicht nur das Glück des Tüchtigen. Die niedrigen Zinsen etwa lassen uns die noch immer hohe Staatsverschuldung nicht spüren. Das verleitet dazu, sich bequem zurückzulehnen.“

Herzog kritisierte die Rentenpolitik, etwa die Rente mit 63, weil sie den Wohlstand der Zukunft gefährde. Und wer genau hinhörte, konnte vernehmen, wie der CDU-Mann seine CDU-Kanzlerin Angela Merkel dafür mitverantwortlich machte. Denn zwar erkannte Herzog an, Merkel schaffe es in bester Adenauer-Manier, anderen Parteien die guten Wahlkampfthemen wegzunehmen. Aber er ging mit deren Erfolgsrezept der „asymmetrischen Demobilisierung“ hart ins Gericht. Sie habe dazu beigetragen, dass sich zu viele Menschen von der Politik abgewendet hätten. „Wer eine sinkende Wahlbeteiligung für seinen eigenen Erfolg in Kauf nimmt, bekommt irgendwann die Retourkutsche.“ Ein mutiger Mann halt, dieser Roman Herzog.

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