Ronald Focken "Zuhören ist wichtiger als vollquatschen"

Kommunikationsexperte Ronald Focken Quelle: PR

Die SPD stürzt in Umfragen auf ein Rekordtief. Warum Parteien, aber auch Marken und Unternehmen sich immer häufiger mit der Illoyalität von Wählern und Kunden konfrontiert sehen, erklärt ein Kommunikationsexperte.

WirtschaftsWoche: Herr Focken, wenn am Sonntag Bundestagswahl wäre, würde die SPD auf 16 Prozent abstürzen – eine Partei, die sich über Jahrzehnte auf eine scheinbar feste Stammklientel stützen und verlassen konnte. Ist Loyalität von gestern, gilt Treue nichts mehr?
Ronald Focken: Wähler – und auch Konsumenten – haben heute grundsätzlich nicht mehr die Loyalität zu Marken, Unternehmen und auch nicht mehr zu Parteien, wie es früher der Fall war.

Woran liegt das?
Die Menschen sind sehr nüchtern geworden, sie stellen stets die Kernfrage nach der Relevanz: Was habe ich davon? Was bringt mir das? Unternehmen, Marken und Parteien müssen schlicht liefern, sie müssen das, was sie einmal versprochen haben, halten. Dazu müssen sie aber zunächst einmal für etwas stehen. Das ist die erste Hürde.

Und die zweite?
Wenn sie die genommen haben, müssen sie damit leben, dass die Menschen heute alles gnadenlos hinterfragen. Jeder hat heute sein Smartphone dabei, jeder hat Zugang zu einer Fülle von Informationen und fühlt sich entsprechend aufgeklärt über das, was um ihn herum geschieht. Jede Personalrochade in den Parteien etwa bekomme ich heute hautnah mit. Da entsteht schnell der Eindruck von Chaos. Und das führt bei vielen zu einer Verunsicherung, die sich durch viele gesellschaftliche Bereiche zieht.

Stabile Anker scheinen zu fehlen?
Ja, und das ist schon einigermaßen schräg, denn eigentlich erleben wir doch eine tolle wirtschaftliche Entwicklung mit einer Arbeitslosigkeit auf dem niedrigsten Stand seit Jahren. Dennoch haben viele Menschen das Gefühl, in einer wahnsinnig unsicheren Zeit zu leben. In dieser Situation suchen die Menschen Halt und Orientierung. Und genau an dem Punkt versagen die großen Parteien, und das gilt nicht nur für die SPD – viele Menschen haben den Eindruck, sie stehen nicht mehr für das, was sie einmal ausgemacht hat. Sie haben, als Marken betrachtet, ihren Kern verloren.
Nehmen Sie Martin Schulz' Versuch, trotz seiner ersten klaren Festlegung doch noch in die Regierung zu gehen. Das führte unterm Strich zu einem kompletten Desaster, er hat damit die Glaubwürdigkeit der SPD riskiert. Es festigt den Eindruck: Da steht ein Politiker nicht zu seinem Wort. In der aktuellen Situation, in der weltweit viele Gewissheiten in Frage gestellt werden, keine Konstanz zu zeigen, das ist für die Markenführung einer Partei schlicht katastrophal.

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