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Rückblick Wie die Treuhand bei der DDR-Abwicklung versagte

Rund 8500 Betriebe sollten in die Marktwirtschaft geführt werden. Das vereinigte Deutschland rechnete mit Milliardeneinnahmen. Doch am Ende standen Lug und Trug – und ein sattes Minus.

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Nur stählerne Gerippe sind Quelle: dpa

Massenarbeitslosigkeit, Wirtschaftskriminalität und verlassene statt blühende Landschaften: In den Augen vieler ehemaliger DDR-Bürger fällt die Bilanz der "Anstalt zur treuhänderischen Verwaltung des Volkseigentums" verheerend aus. Der DDR-Bürgerrechtler und Grünen-Politiker Werner Schulz spricht gar vom "größten Betrugskapitel in der Geschichte Deutschlands".

Fakt ist: Etwa 8500 Betriebe mit mehr als vier Millionen Beschäftigten wurden zum 1. Juli 1990 der Treuhandanstalt unter der Fachaufsicht des Bundesfinanzministeriums unterstellt. Seine Aufgabe bezeichnete Treuhandchef Detlev Karsten Rohwedder so: "Kombinate privatisieren, wo möglich. Sanieren, wo möglich und stilllegen und liquidieren, wo unabweisbar."

Treuhand schaufelte ein Milliardengrab

Unter den Betrieben waren Vorzeigeunternehmen wie Jenoptik und das größte ostdeutsche Stahlwerk EKO, profitable Werften – und Betriebe wie der Kühlschrankhersteller DKK, der den ersten FCKW-freien Kühlschrank produzierte. Der Bund hoffte auf Milliardeneinnahmen. Rohwedder schätze 1991 salopp: "Der ganze Salat ist 600 Milliarden D-Mark wert."

Dennoch wurde die Arbeit der Treuhand zu einem Milliardengrab. Mit der Auflösung der Anstalt zum 31. Dezember 1994 schloss die Behörde mit Schulden in Höhe von 256 Milliarden D-Mark.

Ein Grund: Ein Großteil der DDR-Betriebe war technisch völlig veraltet. Schon Anfang 1990 galten 60 Prozent der Unternehmen als sanierungsbedürftig oder gar als nicht sanierungsfähig. Zudem waren fast alle Firmen im zweistelligen Prozentbereich personell überbesetzt. Meist aus politischen Gründen. Neben Kindergärten und Bibliotheken hatten viele Betriebe eigene Krankenstationen und Ferienangebote. Trotz intensiver Suche konnte die Treuhandanstalt die Betriebe nur mit erheblichen Zuschüssen veräußern.

Die Einführung der D-Mark Quelle: AP

Selbst in DDR-Zeiten wettbewerbsfähige Unternehmen büßten nach der Wende in hoher Zahl ihre Konkurrenzfähigkeit ein. Schuld daran war die D-Mark, oder besser gesagt: der festgelegte Wechselkurs von 1:1 bei der Währungsreform. Die DDR-Mark erfuhr so eine vierhundertprozentige Aufwertung. Ostdeutsche Exporte wurden auf einen Schlag dramatisch teurer, eine Absatzkrise belastete die ostdeutschen Betriebe.

Die Zahl der Angestellten in den VEB-Betrieben wurde innerhalb von 20 Monaten von 4,1 Millionen auf 1,24 Millionen abgebaut, 3713 Betriebe wurden geschlossen. Die Arbeitslosigkeit in den neuen Bundesländern stieg auf 14,2 Prozent. Die Treuhandanstalt genoss den zweifelhaften Ruf des Betriebsschließers.

Doch vorzuwerfen sind die Werksschließungen der Treuhandanstalt nur zum Teil. Denn die Wechselkursproblematik war politisch alternativlos. Die Alternative, ein an der Arbeitsproduktivität zwischen Ost und West orientierter Wechselkurs, hätte die Nominallöhne und damit den Lebensstandard in Ostdeutschland erheblich verschlechtert – und die friedliche Wiedervereinigung gefährdet.

Sogar grundsätzlich positiv über die Arbeit der Berliner Behörde äußerten sich die Wirtschaftsweisen in ihrem Jahresgutachten von 1994: "Der Treuhandanstalt ist es in erster Linie zu verdanken, dass das Bild der Wirtschaft in den neuen Bundesländern heute nicht von notleidenden und nur durch ständige Finanzspritzen am Leben gehaltenen Staatsbetrieben geprägt wird, sondern von selbständigen Unternehmen, die beharrlich und zunehmend auch mit Erfolg auf die Festigung ihrer Marktposition hinarbeiten."

Schwarzmalerei

Über nachhaltige Fehlleistungen der Treuhandanstalt können diese Errungenschaften allerdings nicht hinwegtäuschen: So ist der Behörde vorzuwerfen, dass westdeutsche Betriebe die Abwicklung der VEB-Betriebe nutzten, um potenzielle Konkurrenten auszuschlachten – und Betrüger, um Kasse zu machen. Betriebe wurden zerschlagen, Unternehmenswerte drastisch kleingerechnet und dubiose Käufer – ohne Bonitätsprüfung durch die Treuhand – zugelassen.

Beispiel VEB Wärmeanlagenbau: Der ehemalige DDR-Monopolist für Heizkraftwerke und Fernwärmeleitungen mit seinen 1200 Mitarbeitern weckt Anfang 1991 das Interesse der Deutschen Babcock AG. Diese schickt ihren damaligen Prokuristen, Michael Rottmann, in die Hauptstadt, um den Kauf vorzubereiten. Rottmann allerdings verbündet sich mit den beiden Geschäftsführern des Anlagenbauers, der sich inzwischen Wärmeanlagen Berlin GmbH nennt. Rottmann malt die wirtschaftliche Situation der WBB derart schwarz, dass Babcock vom Kauf Abstand nimmt.

Viele DDR-Betriebe wurden zu Quelle: dpa/dpaweb

Der Treuhandanstalt präsentiert Rottmann gleichzeitig einen anderen potenziellen Käufer, das Schweizer Unternehmens Chematec. Die hoch verschuldete Firma, die für Rottmann als Strohmann dienen soll, erhält von der Treuhand den Zuschlag. Für zwei Millionen D-Mark kaufen die Eidgenossen die WBB. Dessen tatsächlicher Wert lag, so schätzen es Experten später, bei rund 68 Millionen Mark.

Nach der Abwicklung wechselt Rottmann in die WBB-Geschäftsführung – und beginnt, die Unternehmensreserven auf andere Konten zu transferieren, Grundstücke zu veräußern und Hypotheken aufzunehmen. So betrügen Rottmann & Co. die WBB um insgesamt knapp 150 Millionen D-Mark und hinterlassen dem Anlagenbauer einen Schuldenberg in Höhe von knapp 100 Millionen Mark.

Es ist nur ein Beispiel von vielen. Der Treuhand, so viel ist heute klar, fehlte es an Personal, Zeit und Führungsstruktur, um Unternehmen zu bewerten und Käufer und deren Absichten unter die Lupe zu nehmen. Das gilt auch für Investoren, die die übernommenen VEB-Betriebe konsequent aushöhlen.

Verlassene Landschaften mit Industrieruinen

Beispiel DKK: Der Kühlschrankbauer aus dem Erzgebirge kämpft nach der Währungsreform gegen die Krise. Zusammen mit Greenpeace gelingt dem Traditionsunternehmen aber ein Coup. Es entwickelt den ersten FCKW-freien Kühlschrank. Die westdeutschen Hersteller fürchten Konkurrenz. Sie starten eine Medienkampagne und wettern gegen die "gefährlichen" Geräte aus Ostdeutschland.

Die Treuhand senkte – auf Rat westdeutscher Verbände und Konzerne – den Daumen, DKK musste schließen. Die Konkurrenz aus dem Westen übernimmt wenig später die neue FCKW-freie Kühltechnik – und hinterlässt im erzgebirgischen Scharfenberg Industrieruinen und verlassene Landschaften.

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