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Ruhrgebiet Das Autoland bekommt einen grünen Highway

Quelle: imago images

Einst war Dortmund die Stadt mit der höchsten Autodichte. Aber schon bald soll ein Radschnellweg das Ruhrgebiet auf etwa 100 Kilometern Länge verbinden – und den Menschen eine Alternative zu vollen Straßen bieten. Teil 12 von „Nächster Halt: Aufbruch“, unserer Serie zur Bundestagswahl.

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Dieser Artikel ist Teil unserer Serie zur Bundestagswahl 2021. Wir folgen der längsten IC-Strecke Deutschlands – vom Südwesten bis in den Nordosten. Nächster Halt: Aufbruch – Fahrt durch eine unterschätzte Republik

Weniger Menschen, die zur Arbeit pendeln, auf Dienstreisen fahren und, zumindest eine Zeit lang, Ausflüge unternehmen und reisen – natürlich war durch die Coronapandemie auch der Verkehr stark eingeschränkt. Und trotzdem war Nordrhein-Westfalen im deutschlandweiten Vergleich auch im vergangenen Jahr Stau-Landesmeister. In keinem anderen Bundesland standen Autofahrer so viele Kilometer und Stunden im Stau.

Die Autobahn A40 ist hier besonders anfällig, und zwar auf dem Abschnitt zwischen Duisburg und Essen, so steht es in der Staubilanz des ADAC. Sie allein verzeichnete 10.610 Meldungen. Zwischen Dortmund und Essen wiederum zählte der Automobilclub 340 Staukilometer je Kilometer Autobahn und damit den höchsten Wert des Bundeslands (und den vierthöchsten in Deutschland).

Wie sich der Verkehr der Metropole Ruhr zusammensetzt

Das Ruhrgebiet ist Autoland und die A40 das, was dort dessen Schlagader genannt wird. Täglich fahren dort bis zu 120.000 Fahrzeuge. Insgesamt stehen Autos, Motorräder und andere Krafträder für fast 60 Prozent des Verkehrs in der Metropole Ruhr, zu der sich 53 Städte der Region zusammengeschlossen haben. Die Zahl der registrierten Autos nahm im vergangenen Jahr in Dortmund erneut um 1,7 Prozent zu, den stärksten Zuwachs verzeichnete Bochum mit 2,2 Prozent, hat Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer ausgewertet. Weit abgeschlagen das Fahrrad, das nicht einmal ein Zehntel des Verkehrs ausmacht.

Aber bald könnte damit Schluss sein. Denn um die Abhängigkeit vom Auto zu durchbrechen, hat der Regionalverband Ruhr die Planung des Radschnellwegs Ruhr (RS1) angestoßen, der als Querspange zehn Städte von Duisburg bis Hamm auf gut 100 Kilometern verbinden – und für die Menschen das Radfahren attraktiver machen – soll. Der einst dreckige Pott bekommt einen grünen Highway, die ideale Begleitung zum Boom der Elektrofahrräder.

Querschnitt durchs Ruhrgebiet

Der Weg wird zum Teil über alte Bahntrassen geführt. Insgesamt sollen mehr als 90 Prozent der Strecke auf bestehenden Infrastrukturen entstehen, nur knapp acht Prozent müssen komplett neu gebaut werden. Fast ein Viertel des Wegs macht dabei der Abschnitt auf dem Stadtgebiet Dortmund aus, mit fast 24 Kilometern Länge.

Es wäre für die Stadt ein großer Umbruch, wenn dadurch mehr Menschen aufs Auto verzichteten: Vor knapp zehn Jahren war Dortmund gemäß weiterer Zahlen von Branchenexperte Dudenhöffer mit 410 Autos pro 1000 Einwohnern noch die Stadt mit der höchsten Autodichte in ganz Deutschland.

Eine Zählung an der Dortmunder Schnettkerbrücke in und aus Richtung der Technischen Universität zeigt ein Hoch im Juli 2018 mit knapp 44.000 Fahrrädern. 2021 verzeichnete der Anbieter Eco Counter dort die meisten Fahrräder im Juni, fast 36.000 Stück.

Anzahl der Radfahrer an der Schnettkerbrücke

Der Dortmunder Abschnitt des RS1 sei die komplizierteste Strecke, heißt es aus der Stadt, da dafür mehrere neue Brücken über Hauptverkehrsstraßen benötigt würden. Nur auf dem ersten Abschnitt habe man eine Anlieger- in eine Fahrradstraße umwandeln können. So erklären sich auch die vergleichsweisen hohen Kosten der Dortmunder RS1-Strecke.

In der Stadt spricht man von einem Dekaden-Projekt.

Kosten des Ruhrtal Radweges

Auch insgesamt kommt für den Radschnellweg einiges an Investitionen zusammen: Mit Kosten von etwa 184 Millionen Euro rechnet der Regionalverband Ruhr.

Rechtfertigen sollen das die erwarteten Effekte für den Klimaschutz und für die belasteten Nerven der Berufspendler in der Region. Im Einzugsbereich des RS1 leben mehr als 1,6 Millionen Menschen, stellen mehr als 60 Konzernzentralen, Regionalzentren großer Unternehmen und sonstige Betriebe 430.000 Arbeitsplätze. An vier Universitäten studieren etwa 150.000 Menschen. Stiegen mehr von ihnen vom Auto oder auch aus vollen Zügen aufs Rad um, könnte das die Verkehrswege und die Umwelt durchaus entlasten.

Wie eine bessere Radinfrastruktur für Entlastung sorgen soll

Dabei erwarten die Planer auch, dass, wenn mehr Menschen E-Bikes besitzen, sie auch längere Strecken mit dem Rad fahren werden. Der europäische Branchenverband CIE sagt Elektrofahrrädern großes Wachstum voraus: Von 3,7 Millionen verkauften E-Bikes 2019 soll ihr Absatz in Europa bis 2030 auf 17 Millionen Stück steigen.

Schon 2024 sollen zehn Millionen E-Bikes verkauft werden.

Prognose der verkauften Fahrräder und E-Bikes

Eine Rolle dabei wird sicher auch spielen, wie angenehm und sicher der RS1 zu befahren sein wird. Generell müssen Radschnellwege in Nordrhein-Westfalen vier Meter breit und getrennt von einem zwei Meter breiten Fußweg sein. Dazu sollen sie wenig ansteigen, beleuchtet und Radfahrer an Knotenpunkten möglichst bevorzugt behandelt werden.

Mehr zum Thema: Dieser Artikel ist Teil unserer Serie zur Bundestagswahl 2021. Wir folgen der längsten IC-Strecke Deutschlands – vom Südwesten bis in den Nordosten. Nächster Halt: Aufbruch – Fahrt durch eine unterschätzte Republik

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