Russisches Gas und Öl Denken wir den Importstopp neu!

Eiszeit: Wenn der Westen Erdöl- und Gasimporte aus Russland sofort stoppen würde, ginge in Deutschland wohl das Licht aus. Alternative Ideen gibt es aber durchaus. Quelle: imago images

Würde der Westen Erdöl- und Gasimporte aus Russland sofort stoppen, ginge in Deutschland wohl das Licht aus. Aber es gibt Alternativen, sogar ohne dass Putin die Petrodollar für seinen Krieg nutzen kann. Ein Kommentar.

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Für TV-Satiriker Jan Böhmermann ist die Sache einfach: „Pro Minute importiert die EU russisches Gas im Wert von durchschnittlich 250.000 Euro“, rechnete er in seiner jüngsten Sendung „Neo-Magazin Royale“ vor. In einer knappen halben Stunde habe Putin damit allein rund 7,5 Millionen Euro verdient. „Wandel durch Handel, Putin wird das Geld sicher gut anlegen“, spottete Böhmermann.

Es ist nicht so, dass Außenministerin Annalena Baerbock das nicht wüsste. Und doch bestätigte sie am Sonntag noch einmal: Wenn der Westen Erdöl- und Gasimporte aus Russland sofort stoppen würde, dann ginge in Deutschland wohl das Licht aus.

Ein Dilemma, ein furchtbares, schmerzhaftes, akutes Dilemma, dem man sich lieber entziehen würde. Aber: Der Krieg findet jetzt statt. Der Vorwurf moralischer Schuld und Erpressbarkeit Deutschlands steht gegen die Sorge, dass der Gas- und Öl-Stopp die Energiepreise für Bürgerinnen und Bürger unbezahlbar machen könnte – womöglich gar ineffektiv: Russland, so lautet ein Einwand, könnte bei einem Importstopp am Ende sogar mit mehr Petrodollar für sein Produkt rechnen, weil die Preise mit der Knappheit steigen.

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Es gilt, sich schnellstmöglich aus diesem polit-ökonomischen Nullsummenspiel zu befreien. Ideen dazu gibt es durchaus.

Da wäre etwa der Vorschlag von Juri Vitrenko, Chef des staatlichen ukrainischen Energiekonzerns Naftogaz. Er forderte auf, Zahlungen für Öl, Gas und Kohle aus Russland „ab sofort auf ein Treuhandkonto zu überweisen und das Geld erst auszahlen, nachdem Putin seine Truppen aus der Ukraine abgezogen hat“. Natürlich: Dieser Schritt könnte bereits ausreichen, um einen abrupten Lieferstopp aus Moskau zu provozieren. Aber warum nicht aus der starren Maximalforderung eine flexible machen? Energie-Zahlungen in Bezug auf Menge und Zeitraum ließen sich durchaus in einer Weise verzögern, die nicht das sofortige Energie-Aus bedeuten.

Putin selbst ist ein Meister darin, sich an der Grenze des Machbaren zu bewegen. Diese Taktik ließe sich durchaus kopieren.

Der Sicherheitsforscher Eddie Fishman von der Denkfabrik Atlantic Council schlägt etwas Ähnliches vor: die schrittweise Reduzierung von Energie-Importen in kurzen Phasen. Er verweist auf Erfolge dieser Strategie im Konflikt mit dem Iran. Abnehmer von iranischem Öl konnten weiterhin ordern, solange ihr Land nur die Gesamteinkäufe im Zeitraum der vorangegangenen sechs Monaten erheblich reduzierte. So erklärt Fishman auf Twitter jene Maßnahmen, die US-Präsident Barack Obama bereits Ende 2011 auf den Weg brachte.

Die Einnahmen aus diesen stufenweise verringerten Öl-Exporten durften damals ebenfalls nur auf Treuhandkonten von Drittländern parken. Sie konnten damit dem bilateralen Handel Irans zu Gute kommen, aber nicht frei verfügbar ins Land zurückfließen. Iran ließ sich auch aus diesem Grund auf die Verhandlungen über einen Atom-Deal ein, weil es seine Verfügungsgewalt zurückhaben wollte.

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Das Ganze gleicht einer beschleunigten Drossel-Strategie, die den Kreml um Milliardenbeträge bringen würde. Ihr Druck wäre sofort spürbar, das Risiko im Vergleich zu einem Full-Stop gleichzeitig geringer. Dazu kommt ein starkes Marktsignal an andere Produzenten, zügig abnehmende russischen Lieferungen auszugleichen.

Und selbst, wenn das alles nur eine vorübergehende Lösung wäre: sie würde den Krieg Putins erschweren und dringend benötigte Zeit für den mittelfristigen Strategiewechsel bringen.

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