WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Schattenbanken „Wir können uns mit der Regulierung keine Zeit mehr lassen“

Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) warnt davor, Schattenbanken unbeaufsichtigt zu lassen: So bergen etwa Hedge-Fonds gefährliche Risiken für das Finanzsystem, sagte Bafin-Chefin Elke König.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Die Präsidentin der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), Elke König. Quelle: dapd

Bonn Handelsblatt: Frau König, fünf Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise verliert die US-Großbank JP Morgan Milliarden durch Handelsgeschäfte. Haben die Banken ihre Lektionen nicht gelernt?

Elke König: Es wird immer wieder passieren, dass Handelsstrategien entwickelt werden, die nicht aufgehen. Wer große Räder dreht, sollte auch über die nötige Bremsleistung verfügen, sprich, die Fähigkeit haben, Risiken durch ausreichendes Kapital abzufedern. Und wenn man noch einen Schritt zurückgeht: In den Banken sitzen intelligente Leute, die Modelle entwickeln und Annahmen treffen. Aber das haut eben nicht immer hin, es gibt auch ein Modellrisiko. Das weiß ich auch aus meiner Erfahrung in der Versicherungswirtschaft.

Welche Konsequenzen sehen Sie für die deutschen Banken?

Wir schauen uns den Fall an und sehen dann, ob er für die von uns beaufsichtigten Institute mit den internen Risikomodellen und gesetzten Limits beherrschbar gewesen wäre. Natürlich heizen die Vorgänge um JP Morgan die Diskussionen über Derivate und den Eigenhandel an. Aber ich sage Ihnen auch: Sie können nie für jede Eventualität Regeln schaffen.

Also keine Panik?

Nein. Warum denn auch? Natürlich prüfen wir, ob das bei deutschen Instituten hätte passieren können. Aber, seien Sie sicher: Die nächste Krise, das nächste Problem entsteht wieder an einer anderen Ecke.

Befürchten Sie negative Auswirkungen auf die Banken durch einen möglichen Austritt Griechenlands aus der Währungsunion?

Das würde aus Sicht der Aufseherin für Banken und Versicherer kein größeres Ereignis darstellen. Aber dann stellte sich natürlich gleich die Frage nach dem möglichen nächsten Dominostein beziehungsweise dem Zweitrundeneffekt.

Womit wir bei der spanischen Bankenkrise wären. Erwarten Sie Ansteckungseffekte?

Wir wissen, wie stark deutsche Banken und Versicherer in Spanien engagiert sind und wie sie ihre Engagements abgesichert haben. Weniger klar ist, wer diese Absicherung zur Verfügung gestellt hat. Ich bin aber momentan nicht beunruhigt. Spanische Banken haben Probleme mit den Folgen der Immobilienblase.

Sehen Sie in Deutschland Anzeichen für eine ähnliche Entwicklung?

Die Immobilienpreise sind in bestimmten Ballungsgebieten gestiegen, aber wo kommt man her? Im internationalen Vergleich gibt es in Deutschland definitiv keinen überhitzten Immobilienmarkt.


„Wir werden nie ein perfektes Risikomanagement haben“

Ist das Risikomanagement der Banken heute besser als vor der Finanzkrise?

Wir werden nie ein perfektes Risikomanagement haben. Und wenn ein Unternehmen nur das Risiko sieht und nicht die Chance, dann macht es unter Umständen auch etwas falsch. Aber in vielen Bereichen des Risikomanagements stehen die Banken heute besser da, etwa beim Liquiditätsmanagement. Vor der Krise war das übrigens kein Thema, da hieß es, „Liquidität folgt Solvenz“. Und dann wurde Liquidität auf einmal ein Engpassfaktor.

Worauf kommt es dann an?

Im Grunde bringen uns schon ganz simple Fragen weiter. Gibt es ein gutes internes Kontrollsystem, ein gutes zeitnahes Reporting, wie groß darf das Rad sein, das gedreht wird? Das müssen alles die Bankvorstände entscheiden. Wichtig ist: Unregelmäßigkeiten müssen schnell auffallen, und das Volumen und die Komplexität der Geschäfte dürfen im Ernstfall nicht die Existenz gefährden.

Bei der Regulierung wurde schon an vielen Stellschrauben gedreht. Wo klemmt es noch?

Einige Themen aus der Krise haben wir noch nicht hinreichend weitergetrieben. Das gilt aus meiner Sicht vor allem für die Schattenbanken, also beispielsweise Hedge-Fonds und Geldmarktfonds. Da liegt der große Handlungsbedarf für uns Aufseher. Mein Vorgänger, Herr Sanio, glaubte ja, dass sich hier das Fenster für eine stärkere Beaufsichtigung schon wieder geschlossen hat. Das möchte ich so nicht unterschreiben.

Was macht Sie so optimistisch?

Ich stehe nicht allein da. Paul Tucker von der Bank of England beispielsweise sieht das ähnlich. Dass eine Achse London - New York hier blockiert, stimmt so nicht. Das Financial Stability Board will seine Vorschläge bis zum Jahresende vorlegen, und wir werden hier weiter drängen.

Wegen welcher Gefahren stehen Schattenbanken im Fokus der Aufseher?

Unmittelbar nach der Finanzkrise haben wir uns darangemacht, den Bankensektor widerstandsfähiger zu gestalten. Mit der strengeren Regulierung dieses Sektors wurden jedoch zugleich auch Anreize geschaffen, Geschäfte in den weniger regulierten Schattenbankensektor zu verlagern. Da die Transparenz in diesem Sektor begrenzt ist, können sich dort durch hohe Verschuldung, aber auch durch Liquiditätsfazilitäten unbemerkt und unkontrolliert Risiken aufbauen, die zu einer Gefahr für die Stabilität des gesamten Finanzsystems werden können.


„Wir müssen alle Hedge-Fonds einbeziehen“

Wie dringlich ist die Regulierung?

Sehr dringlich. Wir können uns mit der Regulierung von Schattenbanken keine Zeit mehr lassen. Wenn wir nicht bald wesentliche Fortschritte erzielen, ist es nur eine Frage der Zeit, dass sich Krisenherde außerhalb unseres Radars bilden. Wir müssen jetzt von der Bestandsaufnahme endlich zum politischen Handeln übergehen. Ich begrüße den Weg, den die EU-Kommission mit ihrem Grünbuch aufzeigt, ausdrücklich. Wir können uns die letzte Verästelung bei der Definition, was eine Schattenbank ist, derzeit getrost sparen. Handeln tut not!

Könnten Sie sich auch eine direkte Regulierung vorstellen, die Verbote von Aktivitäten einschließt? Oder geht es in erster Linie um Transparenz?

Wir sollten zwei Wege gleichzeitig beschreiten, wie vom Financial Stability Board und von der EU-Kommission in ihrem Grünbuch angedacht. Wir müssen Klarheit darüber gewinnen, welche Verbindungen es etwa zwischen den beaufsichtigten Banken und den Schattenbanken gibt. Diese müssen wir regulieren. Aber auch die Regulierung der Schattenbanken selbst ist ein Thema.

Zu den Schattenbanken zählen Hedge-Fonds, Geldmarktfonds, aber auch Wertpapierleiher und Versicherer. Gibt es Spieler, die Sie besonders im Auge haben?

In der Finanzkrise haben sich Geldmarktfonds - vor allem solche, die einen konstanten Anteilswert vorhalten - als „run-anfällig“ erwiesen. Ich sehe hier großen Handlungsbedarf. Ebenso bei der Regulierung der Hedge-Fonds. Auch hier müssen wir weiter voranschreiten. Sich bei den Überlegungen auf bestimmte Arten von Hedge-Fonds, sogenannte „Credit Hedge Funds“, zu beschränken halte ich für zu kurz gesprungen. Wir müssen alle Hedge-Fonds einbeziehen und prüfen, welche Risiken sich aus deren Aktivitäten ergeben. Das Financial Stability Board hat diesen Gedanken aufgenommen, was ich sehr begrüße.

Wie geht man mit dem Problem um, dass viele Hedge-Fonds sich in Steueroasen tummeln?

Auf dem Weg der direkten Regulierung stoßen wir da schnell an unsere Grenzen. Zielführend ist in dieser Frage in jedem Fall der Weg der indirekten Regulierung. Dabei würden beispielsweise die Verbindungen unserer Finanzinstitute zu den Off-Shore-Hedge-Fonds reguliert. Sprich: Kredit- oder Liquiditätslinien der von uns beaufsichtigten Finanzunternehmen für diese Hedge-Fonds würden mit einem Risikoaufschlag belegt. Hedge-Fonds, die in London oder New York ansässig sind und häufig weltweit im Kapitalmarkt aktiv sind, können sehr wohl direkt reguliert werden.


„Die Bankenlandschaft ist nicht statisch“

Würde ein nationaler Alleingang bei der Regulierung von Schattenbanken ein Zeichen setzen, oder raten Sie davon ab?

Natürlich ist eine weltweit harmonisierte Regulierung wünschenswert. Ich gehe aber davon aus, dass wir sie nicht in allen Bereichen erreichen werden. Dennoch: Wir werden uns sowohl im Financial Stability Board als auch in der EU für weltweit gleichwertige Regelungen einsetzen.

Was steht noch auf Ihrer Liste?

Über die Kapitalzuschläge für die 29 global systemrelevanten Institute hat sich die Politik ja verständigt. Eine heiße Diskussion entzündet sich derzeit daran, wie mit der Liga der Banken unterhalb der globalen Institute umgegangen werden soll - den Banken also, die national systemrelevant sind. Es gibt Banken, die gar nicht so groß oder bedeutend sind, aber im Verhältnis zu dem Land, in dem sie ihren Sitz haben, riesig sind. Das war die Lehre aus Island. Die spannendsten Fragen lauten jetzt: Wie sollen Regeln für national systemrelevante Banken aussehen, wie hoch sollen die Eigenkapitalzuschläge sein, und wie kann trotz nationaler Regelungen ein fairer internationaler Wettbewerb sichergestellt werden?

Wo genau liegt das Problem?

Bei national relevanten Banken müssten die zusätzlichen Kapitalpuffer kleiner sein als bei den internationalen Großbanken, sonst ist das Ganze nicht mehr logisch. Wenn ich auf die Eigenkapitalanforderungen von Basel III den Zuschlag für die Großbanken bei bis zu 2,5 Prozentpunkten ansetze, dann wäre der Spielraum für die nationalen Kapitalzuschläge zwischen null bis zu einem Prozentpunkt. Grundsätzlich würde ich Kapitalzuschläge für nationale systemrelevante Banken befürworten. Kapital ist aber nicht alles. Mindestens genauso wichtig ist das Risikomanagement. Und natürlich beaufsichtigen wir sowohl die globalen als auch die nationalen systemrelevanten Institute besonders intensiv.

Alle deutschen Banken haben signalisiert, dass sie die Kernkapitalforderungen der europäischen Finanzaufsicht Eba von neun Prozent bis Mitte des Jahres einhalten werden. Ist damit Entwarnung angesagt?

Es ist erst einmal ein gutes Zeichen, dass sie das aus eigener Kraft geschafft haben und wir nicht über weitere Stützungsmaßnahmen nachdenken müssen. Unabhängig davon prüfen wir laufend die Geschäftsmodelle und stellen uns die Frage, ob die Banken langfristig die höheren Anforderungen an das Kernkapital erfüllen können. Ich mache mir derzeit aber keine Sorgen.

Der deutsche Mittelstand ist sehr begehrt. Alle Landesbanken haben ihn ins Zentrum ihrer Geschäftsstrategie gestellt. Ist für alle Banken genug Geschäft vorhanden?

Die Bankenlandschaft ist nicht statisch. Wenn sich alle in einem Geschäftsfeld auf den Füßen stehen, dann muss es zu einer Konsolidierung kommen. Und das verhilft dann hoffentlich denjenigen, die im Geschäftsfeld verbleiben, zu einer vernünftigen Marge.


„Ich sehe perspektivisch keine Kreditklemme“

Derzeit gibt es in Deutschland keine Kreditengpässe. Aber sind die nicht mit höheren Eigenkapitalstandards und Liquiditätsanforderungen geradezu programmiert?

Ich sehe perspektivisch keine Kreditklemme, aber eine Verteuerung des Kredits. Das ist aber eine Konsequenz unseres Wunsches, dass die Banken sicherer dastehen sollen als in der Vergangenheit. Das kostet etwas. Keiner will, dass Banken erneut mit Steuermitteln gerettet werden müssen.

Unter Risikogesichtspunkten wäre es dann konsequent, künftig auch Staatsanleihen mit Eigenkapital zu unterlegen, oder?

Auf jeden Fall geht die Gleichung Staatsanleihen gleich risikofrei nicht auf. Wir müssen über das Thema nachdenken, aber ich fände es falsch, heute darüber zu entscheiden. Angesichts der bereits eingeleiteten Regulierung sehe ich sonst die Gefahr, dass wir zu viele Punkte gleichzeitig angehen.

Die Europäische Zentralbank hat die Kreditinstitute mit günstiger Liquidität versorgt. Gibt das nicht auch Anlass zur Sorge?

Wir werden schon sehr darauf achten, dass mit den Erträgen, die durch diese Mittel generiert werden, nicht Schwächen im Geschäftsmodell überdeckt werden. Dann hätten die Banken, für die Zeit gekauft wurde, diese Gelegenheit nicht genutzt. Und es ist klar, dass das Leben der Versicherer, die nach sinnvoller Kapitalanlage suchen, durch die EZB-Maßnahme nicht leichter wird.

Kommen Banken in Deutschland ins Straucheln, greift das sogenannte Restrukturierungsgesetz. Wäre das Gesetz auch dann geeignet, wenn beispielsweise die Deutsche Bank ins Straucheln käme?

Für den Fall, dass ein systemrelevantes Institut in Schieflage gerät, haben wir das Restrukturierungsgesetz. Wir sind uns aber auch im Klaren darüber, dass es für das grenzüberschreitende Geschäft eine Menge offener Fragen gibt. Allerdings muss man auch sehen, dass die Aufseher heutzutage wesentlich besser organisiert und international vernetzt sind. Aber klar ist, dass dieses Gesetz einen Instrumentenkasten enthält, dessen Wirksamkeit an der Landesgrenze endet. Ich warte hier auf Initiativen der EU und des Financial Stability Boards, die ein gemeinsames Vorgehen bei der Schieflage einer international tätigen Bank ermöglichen. Wir haben hierfür noch keine Blaupause.

Könnten Banken besser abgewickelt werden, wenn wir nur Geschäfts- und nur Investmentbanken hätten, die Banken also aufgespalten würden?

Ich bin nicht davon überzeugt, dass ein Trennbankensystem das Problem löst. In Schieflage gerieten sowohl Universalbanken als auch Investmentbanken. Die Folgen waren ähnlich komplex. Wir als deutsche Aufseher müssen nicht auf jeden Zug aufspringen, beobachten aber die Entwicklung aufmerksam. Das gilt sowohl für das in den USA diskutierte Eigenhandelsverbot als auch die Empfehlungen für ein Trennbankensystem.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%