Schuld und Bühne Merkel: „Ich wusste, was Putin denkt“

Die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) reagierte am Dienstagabend im Berliner Ensemble auf Fragen des Journalisten und Autors Alexander Osang. Quelle: dpa

Russland, Bundeswehr, Nord Stream 2: Die Bundeskanzlerin a.D. steht zum ersten Mal seit Regierungswechsel und Ukraine-Krieg öffentlich Rede und Antwort. Und die fällt so aus: Ich bin mit mir im Reinen.

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Einmal an diesem Dienstagabend in Berlin wird Angela Merkel ganz präzise; sie wird es ausgerechnet in dem Moment, als es darum geht, wie uneindeutig Politik sein kann, wie unwägbar und kaum zu kalkulieren. 51 zu 49. Das ist das Verhältnis, das die Bundeskanzlerin bemüht, als sie den Charakter politischer Entscheidungen zu fassen versucht.

51 zu 49, das soll natürlich heißen: sie fallen verdammt knapp aus, die Dinge liegen meist nicht eindeutig vor einem, sie sind diffus, Tragweiten des eigenen Tuns kann man nicht vollkommen überblicken, erst recht nicht Folgen und Folgesfolgen auf Jahre hinaus. Ein Mann, der mal den Job wollte, den Merkel 16 Jahre bekleidete, hat das simpel so ausgedrückt: Hätte, hätte, Fahrradkette.

Hinterher ist man immer klüger? So einfach, und das ehrt sie natürlich, macht es sich die ehemalige Bundeskanzlerin beileibe nicht. Wenn man dennoch einen Strich unter das erste öffentliche Gespräch zieht, dass der Spiegel-Reporter Alexander Osang gestern im „Berliner Ensemble“ mit Merkel führte, dann steht da: Ich bin mit mir im Reinen. Und zwar vollumfänglich.



Aber schon dass es um ihr Vermächtnis und ihre Verantwortung überhaupt ging, ja: gehen musste (und kaum, wie ursprünglich geplant, um Merkels große Rede zum Tag der Deutschen Einheit 2021), sagt schon alles: Seit dem 24. Februar 2022 wird auch ihre Amtszeit anders beleuchtet und ausgeleuchtet – kühler und kritischer, bitterer, bisweilen sogar unbarmherzig.

Merkel, die auf dem Zenit von Anerkennung und Respekt aus dem Amt schied, muss sich Fragen gefallen lassen – zu ihrer Russlandpolitik natürlich, zu Wladimir Putin im Besonderen, zur Bundeswehr, sogar zu Nord Stream 2. Einige davon erreichen sie gestern. Und sie antwortet in der noch immer vertrauten Art und Weise: Am Ende ist ihr keiner böse. Sie hat sich schließlich aufopfernd bemüht.

Ob sie sich entschuldigen müsse? Nein, Merkel findet das ausdrücklich nicht. Nicht für ihr Nein zum Nato-Beitritt der Ukraine oder Georgiens, nicht für das Protegieren von Gaspipelines, auch nicht für den Zustand der Bundeswehr. 16 Jahre lang sei alles, was von Relevanz in diesem Land passiert sei, an ihrem Tisch vorbeigegangen, sagt sie. Was sie nicht sagt, aber als Botschaft gerne hinterlegt: Vieles ist beim Vorbeigehen nicht unbedingt schlechter geworden.

Ruhig wirkt sie, die ewige Kanzlerin. Tatsächlich ausgeruht. Sortiert und gefestigt. Wie eine, die nicht nur ins Offene ging, sondern sehr gut damit leben kann, was sie dort erlebte.

Die Fragen, sie bleiben trotzdem. „Ich wusste, was Putin denkt.“ Wusste sie das wirklich? Und wenn ja, war es richtig, ihn „nicht zu provozieren“? Oder: Appeasement gegenüber Moskau? „Das ist nicht meine Meinung.“ Die Bundeswehr findet sie gar nicht „verlottert“ (Osang), aber sie muss eben auch kein klares Wort über das Urteil des Heeresinspekteurs Alfons Mais verlieren, der da sagte, die Truppe stehe mehr oder weniger blank da. Dafür fällt zu Nord Stream 2 der bemerkenswerte Satz: „Ich habe nicht geglaubt, dass Putin durch Handel gewandelt wird.“ Nun, was denn dann?

Merkels erste Regierungserklärung vom November 2005 enthielt eine bis heute ergreifende Passage über die Wende und welches Glück die historische Fügung bedeutete. Sie gipfelte in dem Satz: „Die größte Überraschung meines Lebens ist die Freiheit.“ Gestern Abend hat dieselbe Angela Merkel sich die Freiheit genommen, gnädig zu sich selbst zu sein.

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