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Schule in der Omikron-Krise „Das führt jedes Hygienekonzept ad absurdum“

Angesichts steigender Infektionszahlen werden Schulen wohl bald schließen, fürchtet die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. GEW-Chefin Maike Finnern fordert schnelle Masken-Hilfe – und nimmt Lehrer in die Pflicht.

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WirtschaftsWoche: Frau Finnern, die Omikron-Variante breitet sich rasant auch in vielen Schulen aus. Wissen Sie, wie viele Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer bereits in Quarantäne sind?
Maike Finnern: Nein, dazu gibt es keine Übersicht. Einige Länder weisen die Entwicklung wochenweise aus, aber ein tagesaktuelles Gesamtbild über die Lage gibt es leider nicht. 

Bund und Länder steuern damit also quasi im Blindflug in die fünfte Welle, weil sie gar nicht wissen, welche Maßnahmen jetzt wo notwendig sind?
Es herrscht ja allseits eine große Einigkeit: Die Schulen müssen offenbleiben, dafür spreche ich mich ebenfalls deutlich aus, auch wenn es durch das rasante Infektionsgeschehen in der Realität nicht überall und nicht durchgängig durchzuhalten sein wird. Gleichzeitig sind die Schäden durch die vergangenen Schließungen bereits groß genug. Das sehen wir nicht nur an den großen Lernlücken, sondern auch an Studien zu psychischen Belastungen – aber nur offene Schulen zu fordern, aber nichts dafür zu tun, wird nicht reichen, um Schüler und Lehrerschaft sowie Erziehende sicher durch die Omikron-Welle zu bringen.

Was ist aus Ihrer Sicht versäumt worden?
Es fängt ja schon beim Schulbusverkehr an: Die besten Hygienekonzepte mit Maskenpflicht und Abstand halten nutzen wenig, wenn die Kinder vor und nach dem Unterricht in den Bussen zusammengequetscht sind. Das führt doch jedes Hygienekonzept ad absurdum. Aber nicht nur beim sicheren Transport der Kinder ist in den zwei Jahren seit Pandemiebeginn zu wenig getan worden.

Maike Finnern ist die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.

Was ärgert Sie neben dem Schulbus-Chaos noch?
Die Organisation der Maskenpflicht. Das Schulpersonal muss sich die Masken selbst besorgen, ebenso die Kinder. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie manche Masken aussehen. Die werden teils tagelang getragen, wenn sich die Eltern nicht ausreichend darum kümmern oder Lehrer womöglich auf eigene Kosten einen Ersatz stellen. Dabei ist gerade jetzt in der Omikron-Welle regelmäßiges Wechseln wichtig. Deshalb sollte Masken vom Bund oder den Ländern bezahlt und den Schulen zur Verfügung gestellt werden, statt die Kinder, Eltern und Lehrer damit allein zu lassen.

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    Für Unternehmen gibt es Corona-Soforthilfen, braucht es ein solches Programm auch für Schulen?
    Manche Bundesländer wie beispielsweise Niedersachsen haben solche Programme aufgelegt. Aber Omikron erfordert jetzt noch einmal eine besondere Kraftanstrengung. Dafür brauchen wir jetzt schnell einen gut gefüllten Sondertopf mit Geldern, aus denen ganz unbürokratisch und schnell etwa Mittel für Masken abgerufen werden können. Sicher wird das Millionen kosten, aber sicherer Unterricht sollte Bund und Ländern das wert sein.
    (Lesen Sie auch: Im Frühjahr 2020 haben Tausende Soforthilfen beantragt. Nun sollen sie große Teile zurückzahlen)

    Es stehen bereits Milliarden zur Verfügung für Luftfilter und den Digitalpakt, aber die Gelder fließen nicht ab. Woran scheitert die bessere hygienische und digitale Ausstattung?
    Sicher nicht an den Schulen, sondern die Abstimmungen zwischen Bund, Ländern und Kommunen sind langwierig und komplex. Dazu sind die Bedingungen teilweise absurd: Ein Luftfilter darf nur in Klassenzimmer eingebaut werden, die sich nicht lüften lassen – selbst, wenn nur ein Fenster gekippt werden kann. Der Durchzug bei Minusgraden gilt dann als bessere Alternative – was für ein bürokratischer Irrsinn. Zumal die Luftfilter auch nach der Pandemie in Erkältungswellen helfen würden. Gleiches gilt für den Digitalpakt: Tausend Laptops und Tablets sind schön, aber die muss auch jemand einrichten und warten, und zwar nicht nur im Nebenjob. Das würde doch auch kein Unternehmer zulassen, dass seine IT-Infrastruktur quasi nebenher mitgemacht wird. 

    Ist denn der digitale Distanzunterricht gut vorbereitet, wenn nun zunehmend Schüler und Lehrer in Quarantäne sind?
    Nein, es scheitert ja schon daran, dass 50 Prozent der Schulen laut einer Studie der GEW aus dem Jahr 2021 kein belastbares W-Lan haben und zusammenbrechen, wenn sich zu viele Schüler gleichzeitig einloggen wollen, etwa, um sich mit einem Lehrer, der in Quarantäne ist, zusammenzuschalten. Auch umgekehrt wird es wohl nur in seltenen Fällen möglich sein, dass sich ein Schüler aus der Quarantäne ins Klassenzimmer in den Unterricht schaltet.



    Aber warum zeigen sich die Schulen da selbst so wenig kreativ und lassen Arbeitshefte lieber analog vom Kumpel vorbeibringen, statt digitalen Unterricht aus dem Klassenzimmer zu ermöglichen?
    Es gibt durchaus Schulen, die gute Hybridkonzepte haben, aber sicher sind sie noch in der Minderheit. Das liegt aber nicht an mangelndem Interesse oder Ideenreichtum, sondern es gab kaum Fortbildungen, wie ein solcher Unterricht didaktisch sinnvoll und richtig aussehen sollte.

    Hunderte Lehrer werden wohl in den nächsten Wochen ausfallen, weil sie infiziert oder Kontaktperson sind – sollten sie trotzdem aus der Quarantäne heraus online unterrichten, sofern es der Krankheitsverlauf zulässt?
    Krank ist krank. Aber wenn sich jemand nur als Kontaktperson isolieren muss, dann ist es sinnvoll, wenn Lehrkräfte aus der Quarantäne heraus unterrichten, um den Unterrichtsausfall möglichst gering zu halten. Allerdings kann niemand vom Computer von zuhause die Aufsichtspflicht im Klassenraum gewährleisten. Daher wäre immer noch eine zusätzliche Aufsichtsperson notwendig, wenn die technischen Voraussetzungen in der Schule überhaupt vorhanden sind. 

    Werden in den nächsten Wochen nicht nur einzelne Klassen, sondern auch komplette Schulen wegen zu hoher Infektionszahlen geschlossen werden müssen?
    Es wird zwar keine flächendeckenden Schulschließungen mehr geben. Aber genauso sicher ist angesichts der rasanten Verbreitung des Virus: Nicht alle Schulen werden aufbleiben können, das wird mit der Infektionslage nicht möglich sein, weil viele Schüler und Lehrer in Quarantäne sein werden.

    Würde eine Impfpflicht für Lehrkräfte und Erzieherinnen und Erzieher helfen mit Blick auf die nächste mögliche Welle helfen?
    Der Weg aus der Pandemie bleibt die Impfung. Doch die Debatte über eine Impfpflicht für Beschäftigte an Kitas und Schulen zu führen, geht an der Realität vorbei. 95 Prozent der Lehrkräfte an Schulen sind laut einer Erhebung zur Impfquote der Robert-Bosch-Stiftung im Rahmen des Schulbarometers vollständig geimpft.

    Haben Sie auch Zahlen zur Impfquote unter Erzieherinnen und Erziehern?
    Für die Gruppe der Erzieherinnen und Erzieher sind keine vergleichbaren Zahlen bekannt. Jedoch wird eins deutlich: Die Pädagoginnen und Pädagogen nehmen ihre gesellschaftliche Verantwortung wahr und lassen sich impfen. Allen Beschäftigten muss jetzt nach ihrer Zweitimpfung schnell und unbürokratisch eine Boosterimpfung angeboten werden. Zudem müssen die 12- bis 17-Jährigen, von den viele noch nicht geimpft werden konnten, sofort mit Priorität in den Fokus genommen werden.

    Die neue Bildungsministerin Bettina Stark-Watzinger hat angeregt, dass Schulen mit Blick auf künftig zur kritischen Infrastruktur gezählt werden sollten, um eine bessere Versorgungssicherheit zu garantieren. Ist das eine gute Idee?
    Eine Schule ist sicher nicht vergleichbar mit Institutionen wie der Feuerwehr oder den Energieversorgern, die dauerhaft funktionieren müssen. Aber auch für Schulen braucht es Notfall-Pläne – und die Omikronkrise ist jetzt sicher so ein Fall, wo alles getan werden muss, um Kinder weiter mit Bildung zu versorgen. Wenn das mit einer Zuordnung zur kritischen Infrastruktur gemeint ist, teile ich die Ansicht der Ministerin. Denn auch über die Pandemie hinaus muss die Ausstattung und Versorgung der gesamten Bildungskette besser werden, von der Kita bis zur Erwachsenenbildung.

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    Weil Deutschland sonst seine Zukunfts- und Wettbewerbsfähigkeit gefährdet?
    Deutschland steht vor einer enormen Transformation, der Fachkräftemangel ist jetzt schon groß, durch die Digitalisierung sind noch einmal andere Fähigkeiten gefragt. Wie gut diese Transformation der Gesellschaft und Wirtschaft gelingt, hängt entscheidend davon ab, wie gut und gerecht wir unser Bildungssystem aufstellen. Wir sind weit weg davon, dass unser Bildungssystem Chancengleichheit ermöglicht, es muss gegen gesteuert werden, damit es nicht zu einer digitalen Kluft kommen: Zwischen top ausgestatteten Gymnasien auf der einen Seite und Hauptschulen auf der anderen, aber auch zwischen Schülerinnen und Schülern in einzelnen Klassen. Deshalb muss auch die Verteilung des Digitalpakts dringend geändert werden, das gehört beim nächsten Digitalpakt-Gipfel zwischen Bund und Ländern auf die Agenda. 

    Was erhoffen Sie sich von einer anderen Verteilung der Mittel? 
    Die Verteilung führt zu weiteren Ungerechtigkeiten: Die Gelder dürfen doch nicht allein nach Anzahl der Köpfe im jeweiligen Bundesland verteilt werden, sondern Maßstab muss auch sein, wie hoch etwa der Anteil an Bedarfsfamilien ist: Derzeit bekommt Bremen mit einem hohen Anteil nämlich nur 160 Euro pro Schulkind für digitale Ausstattung, während es in Bayern knapp 700 Euro sind.  Es wäre fatal, wenn Deutschland daran scheitern würde, ein chancengleiches Bildungssystem aufzustellen.

    Mehr zum Thema: Viele Schnelltests können selbst hochpositive Proben nicht erkennen, erklärt die Virologin Isabella Eckerle. Sie warnt vor falscher Sicherheit – sagt aber auch: Jeder wird sich wohl mit Omikron anstecken.

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