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Schulen und Universitäten Merkel startet Bildungskampagne

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Ex-Student Tobias Hipp hat in Berlin seinen Ingenieur gemacht, doch für den Stadtstaat hat sich die Investition nicht gelohnt. Hipp arbeiteet jetzt in Baden-Württemberg Quelle: Martin Wagenhahn für WirtschaftsWoche

Denn auch Bayern gehört zu den Ländern, die vom Status quo in der Hochschulfinanzierung profitieren. Schließlich ist der Anreiz, in SPD-regierten Ländern wie Berlin oder Bremen zu studieren und anschließend in den wohlhabenden Süden umzuziehen, noch einmal gestiegen, seit sieben unionsregierte Länder Studiengebühren eingeführt haben. Hinter vorgehaltener Hand glauben zwar auch CSU-Politiker, dass sich daran etwas ändern muss. Doch offiziell verweist man im Wissenschaftsministerium in München auf den allgemeinen Länderfinanzausgleich. Der sei ausreichend.

Fehlende Anreize – das ist auch ein Grund, weshalb es Ländern egal sein kann, dass im bundesweiten Schnitt acht Prozent aller Jugendlichen die Schule ohne Abschluss verlassen. Denn für diese ist danach erst einmal der Bund zuständig. Der steckt gescheiterte Hauptschulkarrieren in milliardenschwere Maßnahmen, die auf einen Beruf vorbereiten sollen – auch wenn es soweit nie kommen wird. Schwierige, problembelastete Schüler mit viel Aufwand doch noch zu einem Abschluss zu bringen - das lohnt sich für die Länder also kaum. Eine Erfahrung, die in krassem Widerspruch zu dem steht, was jeden einzelnen Bürger betrifft. Denn da lautet die Formel ganz simpel: Je mehr man sich bildet, je höher der Abschluss, desto größer ist später der Verdienst.

Genauso wenig werden Lehrer zur Rechenschaft gezogen, wenn Schüler nach zehn Jahren immer noch nicht richtig lesen und rechnen können – und das ist immerhin bei fast jedem vierten Schüler der Fall. Noch immer werden Lehrer hierzulande nach dem Senioritätsprinzip bezahlt: Je älter und je länger im Dienst, desto höher das Gehalt. Das gilt für den faulen Englischlehrer, der seine Klassen vor Tom & Jerry-Videos setzt, ebenso wie für die engagierte Musiklehrerin, die ihre freien Tage mit Chorfahrten und Extraproben verbringt.

Prämienmodell für Lehrer

Es ist ja nicht so, dass an staatlichen deutschen Schulen bundesweit nur Dumpfheit herrscht: Es gibt auch Leuchttürme – zum Beispiel die Ganztagsschule Syke, eine Hauptschule mit Realschulzweig. Ein flaches Backsteingebäude am Rand des Zentrums der 25.000-Einwohner-Stadt südlich von Bremen. Ihr Rektor, Rainer Goltermann, hat sich einiges einfallen lassen, um seinen Schülern den Weg ins Arbeitsleben zu erleichtern.

Einmal im Jahr lädt er sämtliche Unternehmer aus der Gegend zum Abendessen in die Schule ein. In der zehnten Klasse absolvieren alle Schüler über drei Monate an zwei Tagen in der Woche ein Langzeitpraktikum, in dem nicht nur die Jugendlichen Erfahrungen sammeln, sondern auch die Betriebe sich ein Bild über deren Fähigkeiten machen können. Eine Sozialarbeiterin hilft bei der Stellensuche. „Die Zahl der Hauptschüler, die direkt eine Lehrstelle erreicht haben, lag 1998 bei sieben Prozent“, berichtet Goltermann. Nach der Umstellung auf die Gesamtschule erreichte diese Quote „zwischen 69 und 86 Prozent“.

Es sind Lehrer wie Rainer Goltermann, die Helmut Klein belohnen möchte: „Wir brauchen ein Prämienmodell“, fordert der Bildungsexperte beim Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW). Deutschland sei eines der wenigen Länder im OECD-Vergleich, in dem sich besonderes Engagement an der Schule nicht auf dem Gehaltskonto niederschlägt. „Länder wie Finnland, Frankreich, die Niederlande, Neuseeland und Norwegen kennen bis zu 16 unterschiedliche Prämienformen.

So werden beispielsweise in 15 Industrieländern Boni für besondere Aktivitäten wie das Leiten von Arbeitsgruppen gezahlt. „Wir brauchen die Möglichkeit, positiv und negativ zu sanktionieren“, fordert Klein. Daneben müssten Lernziele für die einzelnen Klassen und Ziele für die Schulentwicklung vereinbart und am Schuljahresende überprüft werden. Auch für die Finanzierung dieser Leistungsanreize hat das IW einen Plan. Die Abschaffung des Senioritätsprinzips würde deutschlandweit mehr als zehn Milliarden Euro einbringen.

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