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Schulen und Universitäten Merkel startet Bildungskampagne

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Die Lehrer selbst dagegen fordern vor allem „mehr gesellschaftliche Anerkennung“, klagt Josef Kraus, Präsident des deutschen Lehrerverbands. Vorbild könnte wieder einmal das Pisa-Musterland Finnland sein: Dort genießt das Lehramtsstudium bereits ein ähnlich hohes Renommee wie die Medizinerkarriere. Uni-Anwärter werden in einem mehrstufigen Test ausgewählt, nur die Besten haben eine Chance. Anders als hierzulande stehen in Finnland allen Lehrern von Anfang an Schulpsychologen und Sozialarbeiter zur Seite.

Wirkliche Anreize fehlen auch den Kommunen, Geld in die Betreuung der Kinder im Vorschulalter zu stecken. Pro Jahr und Kind kostet ein Kindergartenplatz immerhin rund 5000 Euro. Doch selbst wenn dadurch einer Mutter oder einem Vater die Rückkehr in den Beruf ermöglicht wird, hat die Kommune kaum etwas davon. An dem Einkommen der Arbeitnehmer partizipieren vor allem Bund und Länder – und die Sozialkassen.

Kein Wunder also, dass sich viele Kommunen nur halbherzig an den Ausbau der städtischen Kinderbetreuung machen. Das ist zwar haushaltspolitisch nachvollziehbar – aus bildungspolitischer Sicht jedoch kontraproduktiv. Kinder von Arbeitslosen, Hartz-IV-Empfängern, Einwanderern mit geringen Deutschkenntnissen – sie alle bleiben wegen mangelnder Kindergartenplätze oft länger zu Hause, als ihnen gut tut. Auch Kinder aus Familien, in denen nicht Deutsch gesprochen wird, bräuchten Hilfe in den ersten Jahren, um die Sprache zu lernen – immerhin jede vierte Familie in Deutschland hat inzwischen einen Migrationshintergrund. Gerade sie sind es, die von frühkindlicher Förderung besonders stark profitieren würden.

Lieber früh in Bildung investieren

Denn die Forscher sind sich einig: „Die Rendite von Investitionen in Bildung ist in den ersten Jahren besonders hoch“, sagt Ludger Wößmann vom ifo Institut für Wirtschaftsforschung in München. „Lieber früh investieren als spät reparieren“, fordert Dieter Dohmen, Direktor des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) in Berlin. Er schlägt auch vor, den Kindergarten-Besuch kostenlos zu machen – und zwar gerade für Einkommensschwache. Doch derzeit gibt es nur vereinzelt ein kostenloses Vorschuljahr – etwa in Berlin. Zwar gehen laut Bildungsbericht in Westdeutschland fast 80 Prozent aller Dreijährigen mindestens halbtags in einen Kindergarten – im Osten sind es über 90 Prozent. „Aber die fehlenden 10 bis 20 Prozent – das ist die Problemklientel, die wir erreichen müssen“, sagt Dohmen.

Meistens rekrutieren sich gerade aus dieser Problemgruppe diejenigen, die Jahre später nicht einmal einen Hauptschulabschluss schaffen. Glaubt man dem Zentralverband des Deutschen Handwerks, ist jeder vierte Jugendliche nicht ausbildungsfähig. „Ich hatte neulich einen Zehntklässler, der wusste nicht, wie man 80 durch fünf teilt“, sagt eine Sozialarbeiterin, die in der Nähe von Lüneburg Hauptschülern bei der Berufswahl hilft. Der Bildungsbericht stützt solche Aussagen mit einem erschreckenden Ergebnis: Auch zweieinhalb Jahre nach Schulende haben 40 Prozent aller Hauptschüler noch keinen Ausbildungsplatz gefunden.

Doch nicht nur am unteren Ende der Bildungsskala hakt es. Ausgerechnet der High-Tech-Standort Deutschland liegt weit hinter anderen europäischen Ländern, was die Zahl der Studienanfänger pro Jahrgang betrifft. Derzeit beginnen nur knapp 36 Prozent eines Jahrgangs ein Hochschulstudium, einen Abschluss schaffen tatsächlich dann nur 22 Prozent – der Wissenschaftsrat fordert mindestens 35 Prozent.

Immerhin sagen Wirtschaftsverbände jetzt schon voraus, dass 2020 ein massiver Mangel an hoch qualifizierten Fachkräften herrschen wird. Allein 240.000 Ingenieuren sollen bis dahin fehlen – bereits heute gibt es schätzungsweise 95.000 zu wenig. Zwischen 18,5 und 23 Milliarden Euro, haben das IW in Köln und der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) errechnet, kostet es die Wirtschaft, wenn es der Politik nicht gelingt, das Fachkräftepotenzial in Deutschland zu erschließen.

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