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Serdar Somuncu

Ach, 2016. Hättest du uns nicht verschonen können?

Manchmal ist ein Jahr klüger als man glaubt. 2016 hat uns vieles gelehrt. Das meiste war schmerzhaft.

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Serdar Somuncu ist Kabarettist und Buchautor. Quelle: Laif

2016, hättest Du uns nicht verschonen können? Mit Deinem Terror, den Toten, dem Brexit, Donald Trump, Erdogan und Konsorten?

Warum schickst Du uns durch dieses Wechselbad der unberechenbaren Gefühle? Dabei haben wir schon genug Angst vor irrationalen Dingen, dass nun die Realen hinzukommen. Wie sollen wir uns jetzt noch freuen und feiern, wie sollen wir uns sicher fühlen, wenn das Erleben des Alltäglichen sich immer mehr der Fiktion eines Horrorfilms annähert. Dabei haben wir es vielleicht sogar immer schon geahnt: Eines Tages würden die Probleme der Welt zu uns kommen, an unserer Haustür klopfen oder sie gleich eintreten. Vielleicht haben wir zu lange ignoriert, dass es uns zu gut geht und anderen sehr schlecht.

Aber haben wir deshalb ein schlechtes Gewissen zu haben. Solange wir nicht aktiv daran beteiligt waren Konflikte zu schüren und nur aus der Entfernung profitiert haben, in fragwürdige Anlagen investiert haben, Kriege ignoriert, billigen Sprit getankt und günstige Klamotten gekauft haben, solange waren wir doch nur uns selbst die nächsten und unser Mitleid war beschränkt auf eine portionierte Anteilnahme mit den Bedürftigen. Müssen wir uns ernsthaft nach der Verantwortung fragen, die wir jahrelang vernachlässigt haben, indem wir die Verteilungsungerechtigkeit der Welt als selbstverständlich hingenommen haben, solange sie zu unseren Gunsten war.

Große Terroranschläge in Europa

Jetzt sehen wir, dass dieser Zustand der Gleichgültigkeit nicht ewig weiter gehen wird und wir erschrecken uns darüber. Wir wissen nicht, was passieren wird und wie wir damit umgehen, dass es passiert. Die Welt verändert sich rapide und wir schwelgen in Ohnmacht und sehen uns nach der Blase der Unantastbarkeit vergangener Tage. Aber hätte es andererseits wirklich Möglichkeiten gegeben, darauf zu reagieren? Was können wir dafür, dass wir in einem der reichsten Länder leben. Haben wir uns unseren Wohlstand wirklich verdient und erarbeitet oder ist er uns zugefallen? Und wenn es so wäre, wäre es ein Grund ihn zu teilen?

"Kampf gegen Terror ist auch ein Kampf für Freiheit"
Frank-Walter Steinmeier Quelle: REUTERS
Klaus Bouillon Quelle: dpa
Horst Seehofer Quelle: dpa
Andreas Scheuer Quelle: dpa
Julia Klöckner Quelle: dpa
Thomas Strobl Quelle: dpa
Heiko Maas Quelle: dpa

In Wirklichkeit ist vieles von dem, was wir heute als unser Grundrecht betrachten, auf dem Rücken der anderen aufgebaut. Unsere Klamotten werden in der dritten Welt für Hungerlöhne genäht, wir nutzen die Ressourcen fremder Länder und beuten sie nach Strich und Faden aus. Wir mehren ständig unseren unermesslichen Reichtum und dulden viel zu sehr das unerträgliche Leid der Armen. Gleichzeitig erlauben wir uns Freiheiten, die wir anderen nicht zugestehen wollen. Wir reisen wohin wir wollen und fliegen dabei einfach über die Krisengebiete hinweg.

Und wenn wir zuhause sind fühlen wir uns permanent verfolgt von unsichtbaren Bedrohungen und sind paranoid, dass jemand es auf unseren Wohlstand abgesehen haben könnte. Dabei sind wir Menschen uns alle sehr ähnlich. Wir wollen, dass es uns gut geht. Aber was ist mit den anderen? Wahrscheinlich wird es noch einige Zeit dauern, bis wir kapieren, dass wir diese Grundrechte niemandem ohne weiteres auf Dauer verwehren können. Und so lange werden wir mit der Angst leben müssen, dass die Folgen unsers Handelns unberechenbar bleiben. Auch im nächsten Jahr.

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