Serdar Somuncu

Das furchtbare Jahr 2016

Viele große Persönlichkeiten sind 2016 gestorben - in den sozialen Netzwerken entspinnt sich eine Verschwörungstheorie gegen das Jahr. Aber Menschen sterben nun mal. Hört auf, das Jahr 2016 als Mörder zu beschimpfen.

Serdar Somuncu ist Kabarettist und Buchautor. Quelle: Laif

Natürlich sterben immer die Falschen, grundsätzlich. Aber das Jahr 2016 hat es da besonders in sich. Zuletzt waren es der Gastronomiekritiker Wolfram Siebeck sowie die Schauspieler Bud Spencer und Götz George. Tragisch, keine Frage. Aber bitte hört auf, das Jahr 2016 als Mörder zu beschimpfen. Es kann überhaupt nichts dafür.

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Menschen sterben nun einmal, und ein Jahr ist nichts anderes als ein Zeitraum. Damit, dass angeblich ausgerechnet in diesem Jahr so viele große Persönlichkeiten gestorben sind, hat 2016 absolut nichts zu tun. Im Gegenteil. 2014 und 2015 waren mindestens genauso garstig und grausam.

Mittlerweile gehört es im Netz zum festen Bestandteil der öffentlich zelebrierten Trauer, dass man neben sein obligatorisches „R.I.P.“ („Rest in peace“) oder „Mach’s gut“ auch noch ein abergläubisches „Schon wieder 2016“ setzt, um zu unterstellen, dass 2016 ein Jahr ist, das einen perfiden Plan gegen die Menschheit hegt.

Eine Verschwörungstheorie gegen ein Jahr. Was für ein hanebüchener Quatsch.

Also räumen wir jetzt ein für alle Mal mit diesem Mist auf. Jahre töten keine Menschen, und die Wahrscheinlichkeit, dass es ein besonders blutrünstiges Jahr auf Promis abgesehen haben könnte, ist gleich null.

Die nervigsten Facebook-Typen
Facebook-Symbol, Auge Quelle: REUTERS
Facebook, Frau mit Handy Quelle: dpa
Dann gibt es natürlich noch die Spaßvögel, die immer und auf Teufel komm raus lustig sein müssen. Es gelingt ihnen aber leider so gut wie nie, andere zum Lachen zu bringen. Quelle: Fotolia
Dagegen gibt es natürlich auch die Zyniker, die nie lustig sind, sondern mit jeder Statusmeldung miese Stimmung verbreiten. Ein ähnlicher Quell der Freude sind diejenigen, aus deren Posts der Hass auf alles nur so herausquillt. Diese Typen sind überzeugt, dass andere ihr (hassenswertes) Leben zerstören wollen. Quelle: Fotolia
Kinder mit Laptops Quelle: obs
"Ich bin mit Tim bei Angelo essen", "Jetzt gehe ich mit Sabine ins Kino", "Schnell noch mit meinem Hund Bello spazieren, dann einen Tee trinken, dann den blauen Schlafanzug anziehen, Zähne putzen und ins Bett gehen" - so mancher Facebook-Nutzer ist ein lebender Nachrichtenticker und hält Sie ständig darüber auf dem Laufenden, was er wo mit wem tut - ob Sie sich dafür interessieren oder nicht. Ähnlich angenehme Zeitgenossen sind diejenigen, die ihr Netzwerk täglich mit einem "guten Morgen" begrüßen und abends mit "Gute Nacht" verabschieden. Quelle: dpa
Gamer Quelle: dpa
Haben Sie einen Facebook-Kontakt, bei dem nichts ohne die ganz großen Gefühle geht? Bei dem alles "herzzerreißend" und "dramatisch" ist? Jeder Regentropfen wird zur Katastrophe, jeder verpasste Bus ein Grund für einen Nervenzusammenbruch? Herzlichen Glückwunsch, dann haben Sie es mit einer waschechten Drama-Queen zu tun. Quelle: Fotolia

Vielmehr scheint es bei der Kommentargemeinde eine wachsende Begeisterung für absurde Theorien und sinnlose Behauptungen zu geben. Immer wenn etwas passiert, wissen einige es besser. Es passiert nämlich nichts ohne Grund. Aha?

Vielleicht ist das auch eine Folge des Statistik- und Nachrichtenwahns, in dem man hinter jeder Meldung auch noch die drohende Apokalypse sucht. Klimawandel, Flugzeugabstürze, Amokläufe.

Alles wird immer schlimmer, immer mehr und überall.

Es ist der Fluch der Filterblasen im Netz: Wir sind ein Volk von Vermutern und Verdächtigern geworden, und unsere stärkste Waffe gegen unsere Angst ist die Verbündung im Unsichtbaren. Wenn ich nur vermute, dass irgendwo Schlimmes passiert, dann weiß ich wenigstens, wer oder was für das Unglück verantwortlich ist. So ein Schwachsinn.

Nutzerzahlen der bekanntesten sozialen Medien

Je mehr Menschen wir finden, die sich an unseren Ideen beteiligen, desto mehr fühlen wir uns bestätigt. Wir glauben, in einer Welt zu leben, die eigentlich nur ein Trugbild der Realität ist, in der wir uns befinden. Die eigentliche Realität liegt dahinter. Und nur wer genau recherchiert, der findet heraus, dass vieles nicht mit rechten Dingen zuzugehen scheint.

Wäre es dann nicht einfacher, wieder an Gott zu glauben? Denn der hat das schon vor langer Zeit erfunden, dass er als unsichtbarer Schöpfer verantwortlich ist für den Lauf aller Dinge. Bei ihm wäre man jedenfalls in besseren Händen als bei der Vermutung, dass ein Jahr zum Mörder werden könnte.

R.I.P. 2016!

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