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Serdar Somuncu Jede Minderheit hat ein Recht auf Diskriminierung

Ne yazık türküm diyene - jahrelang drohten mir die Nazis, jetzt sind es die Anhänger Erdogans. Sind das die Menschen, für deren Rechte ich seit dreißig Jahren unter Einsatz meines Lebens auf der Bühne stehe?

Serdar Somuncu ist Kabarettist und Buchautor. Quelle: Laif

Vor einigen Tagen haben AKP-Aktivisten versucht, meine Vorstellung zu stören. Ihr Vorwurf: Ich würde die Türkei verraten und Beleidigungen gegen Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan in Schutz nehmen.

Obwohl ich die Demonstranten dazu aufgefordert habe, sich einem Gespräch zu stellen, sind sie nach ein paar unverständlichen Rufen geflüchtet. Das ist nicht nur feige, sondern auch ein Beweis für die mangelnde Auffassungsgabe und Demokratieunfähigkeit dieser Leute.

Es macht mich vor allem traurig. Denn es erinnert mich in fataler Weise an die Zeit, in der ich "als Türke" vor Nazis auf den Bühnen stand und fast täglich bedroht und angegriffen wurde. Jetzt bin ich der "Deutsche", der sich vor der fehlgeleiteten Wut der Türken fürchten muss.

Schade um so viel Dummheit, aber kein Grund aufzuhören. Wer mich kennt, der weiß, wofür ich stehe. Toleranz und Gleichberechtigung!

Die Freiheit des Wortes und der Kunst! Respekt vor Andersdenkenden, aber auch Mut zur Überzeugung! Ich stehe dabei weder auf der Seite einer Nation, noch gehöre ich zu einer Partei. Ich sage meine Meinung als Mensch!
Meine Themen sind oft kontrovers, und nicht immer muss man einer Meinung sein. Deshalb ertrage ich auch andere Meinungen. Aber, dass ich eines Tages sagen muss, dass die Nazis im Gegensatz zu meinen türkischen Landsleuten wenigstens den Mut hatten, ihre kruden Theorien vor mir zu verteidigen, ist schon eine Ironie des Schicksals.

Vor allem frage ich mich: Sind das die Menschen, für deren Rechte ich seit dreißig Jahren unter Einsatz meines Lebens auf der Bühne stehe? Es ist ein Krieg der Missverständnisse - warum beleidigt man, wenn man Respekt verlangt?
Seit Wochen tobt nun mittlerweile diese Aufregung, die auf nichts anderem basiert als auf der Unfähigkeit, richtig zuzuhören. Ich habe niemals Beleidigungen in Schutz genommen.

Wann habe ich die Türkei verraten?

Im Gegenteil: Ich habe immer gesagt, dass jeder Witz auch einen Empfänger braucht, der ihn versteht und jeder Künstler entscheiden muss, wie weit er für seine Ziele geht.

In meinem Bühnenprogramm erkläre ich sogar ausführlich das Motto meiner Rolle:

„Toleranz bedeutet, die Grenzen in seinem Kopf zu überwinden, und das heißt beispielsweise auch, flächendeckend und gleichmäßig beleidigen zu können, damit es sich in gerechtere Portiönchen verteilt. Aber warum machen die Leute keine Juden- und Negerwitze? Weil sie Angst vor ihrem eigenen schlechten Gewissen, vor ihren faschistoid verseuchten Gedanken haben. Dabei gibt es Arschlöcher überall auf der ganzen Welt, ob in Zentralanatolien, im Kaukasus oder in Alaska. Jede Minderheit hat ein Recht auf Diskriminierung!
Und erst wenn man das begriffen hat, ist man wirklich frei von den Fesseln, die einem andere auferlegt haben, in ihrer political correctness, die doch nichts anderes ist, als versteckte Intoleranz. Erst, wenn wir den Nazi in uns selbst erkannt und eliminiert haben, werden wir fähig zur wahren Toleranz!"

Lest es noch einmal nach und vermischt nicht die Tatsachen.

Wo und wann habe ich die Türkei verraten? Indem ich ich das Vorgehen des Ministerpräsidenten gegen Kunstfreiheit infrage gestellt habe? Soll ich als Kabarettist demnächst eine Anleitung zum richtigen Verständnis meiner Texte geben? Oder brauchen diese Leute Nachhilfe im richtigen Umgang mit ihrer Wahrnehmung?

Die meisten, die meinen, ihre Ehre verteidigen zu müssen, merken nicht, wie sie sich selbst verraten. Denn auch Grundrechte infrage zu stellen, bedeutet von der Freiheit der Meinung zu profitieren. Sie stellen sich damit, ohne es zu merken, in eine Reihe mit den Nazis und Demagogen der Straße und verlassen den demokratischen Diskurs.

Aber so ist das eben heute. Der Affekt steht oft vor dem Intellekt. Schade, und trotzdem: Ich sage weiterhin meine Meinung!

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