Seuchen-Experte Jan Leidel "Die erste Reaktion auf einen Ebola-Verdacht muss sitzen"

USA, Spanien, Mazedonien: Die Zahl der Ebola-Fälle steigt - und damit die Angst der Menschen, dass die Seuche sich auch hier ausbreiten könnte. Ist die Sorge berechtigt? Nein, meint der Seuchen-Experte Jan Leidel

Quelle: AP

WirtschaftsWoche Online: Herr Leidel, die Seuche kommt näher. Wie groß ist die Gefahr, dass Ebola sich in Europa ausbreitet?

Leidel: Ich halte diese Gefahr für nahezu ausgeschlossen. Natürlich ist es möglich, dass es bald auch hierzulande einzelne Ebola-Kranke geben wird. Aber die Krankheit lässt sich sehr gut eingrenzen. Denn anders als etwa bei Grippe-Erregern sind die mit Ebola infizierten Menschen erst ab dem Moment ansteckend, wenn die Krankheit bei ihnen ausbricht, sie also Symptome zeigen wie Fieber, Erbrechen oder Durchfall. Und auch dann können sie das Virus nicht durch Husten oder Niesen verbreiten, sondern nur durch engsten Kontakt und über Körperflüssigkeiten. Das ist eine große Chance.

Chronologie der aktuellen Ebola-Epidemie

Ist Deutschland gut vorbereitet auf solch einen Ernstfall? Immerhin entscheidet jedes Bundesland selbst, wie es reagiert. Ist das noch zeitgemäß?

Ja, das funktioniert sehr gut. Denn zum einen gibt es mit dem Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin ja eine zentrale Behörde, wo zum Beispiel alle Ebola-Fälle sofort gemeldet würden und die Informationen zusammenfließen. Tatsächlich ist dieses RKI gegenüber der US-Behörde vergleichsweise winzig, aber darauf kommt es auch gar nicht an. Entscheidend ist in so einem Fall die erste Reaktion auf einen Ebola-Verdacht. Die muss sitzen.

Jan Leidel, Virologe, Sozialmediziner und Vorsitzender der STIKO. Quelle: privat

Was bisher weder in USA noch in Spanien geklappt hat...

In der Tat. In Spanien wurde die Patientin wieder nach Hause geschickt, obwohl sie ausdrücklich sagte, sie habe Ebola-Patienten behandelt. Das kann ich wirklich nicht nachvollziehen. Und auch in den USA haben die Pfleger den inzwischen verstorbenen Mann zunächst wieder entlassen, statt ihn sofort im Krankenhaus aufzunehmen und von anderen Menschen zu isolieren. Das zeigt aber, dass ein zentrales Institut hier gar nichts hilft, sondern die Ärzte vor Ort informiert und vorbereitet sein müssen.

Das ist das Ebola-Virus

Sind deutsche Ärzte das?

Ich denke schon. Denn diese fachliche Vorbereitung über die Ärztekammern und medizinischen Fachgesellschaften funktioniert erfahrungsgemäß sehr gut. Tatsächlich sollte jeder niedergelassene Arzt mit dieser Situation rechnen und sich klar machen, wann er an Ebola denken muss. Die entscheidenden Fragen sind dann: Was gibt es für Symptome und hatte der Patient, der vor mir steht, überhaupt eine Möglichkeit mit Ebola in Kontakt zu kommen?

Angenommen ein Ebola-Patient käme mit Ebola in ein Kölner Krankenhaus. Was würde passieren?

Aus meiner langjährigen Zeit als Leiter des Kölner Gesundheitsamtes weiß ich, dass in einem solchen Verdachtsfall sehr schnell eine relativ große Mannschaft sofort in Marsch gesetzt würde, um alle Kontaktpersonen ausfindig zu machen. Das ist die dringlichste und wichtigste Maßnahme – alle möglicherweise Infizierten zu finden.

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Hat jedes Gesundheitsamt im Land so eine Mannschaft parat?

Das ist ein wunder Punkt. Ich sehe mit einer gewissen Sorge, dass in vielen Ländern die Strukturen für die Infektionsabwehr teilweise abgebaut werden ­ auch in den Gesundheitsämtern. Im Falle von Köln bin ich mir sicher, dass es solch einen Fall gut meistern würde. Allerdings muss ich zugeben, dass ich mir bei zehn Patienten, für die die Kontaktpersonen gefunden werden müssten, da auch nicht mehr so sicher wäre.

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